FIFA
Braucht es einen neuen internationalen Fußball?
Es gibt diese eine Szene aus dem Dezember 2025, die die Multikrisen des internationalen Fußballs auf den Punkt bringt wie kaum eine andere: FIFA-Präsident Gianni Infantino überreicht US-Präsident Donald Trump einen eigens für ihn geschaffenen Friedenspreis. „Sie können sich stets auf meine Unterstützung und die des internationalen Fußballs verlassen“, säuselt Infantino. Selbst einige FIFA-Offizielle ließen später durchsickern, dass sie sich da schämten.
Der Preis war kurzfristig aus dem Boden gestampft worden, hatte keine klaren Kriterien, keine Jury – aber er schmeichelte dem US-Präsidenten. Kurz darauf drohten die USA Grönland zu annektieren, es folgte das Kidnapping von Venezuelas Präsidenten Maduro und der Angriffskrieg gegen den Iran. Offiziell ist die FIFA politisch neutral. Spätestens mit dem Friedenspreis aber hat sie diese Neutralität so deutlich wie nie über Bord geworfen.
Schon lange verliert der internationale Fußball sukzessive an Glaubwürdigkeit. Die Weltmeisterschaften lösen weltweit nicht nur Euphorie aus, sondern auch vehementen Protest und Frust. „Football is for people, FIFA is for profit“, lautet ein Spruch der Protestszene. Doch wie könnte ein internationaler Fußball „for people“ aussehen?
Jedes Turnier wird von Boykottdebatten überschattet
Die Problemlage im internationalen Fußball lässt sich einmal geostrategisch und einmal systemisch erzählen. Geostrategisch haben die nationalen und internationalen Sportverbände enorm von der relativen Friedensphase nach dem Zweiten Weltkrieg profitiert. Doch diese Stabilität erodiert zunehmend. Das Uppsala Conflict Data Program zählte 2024 so viele bewaffnete Konflikte wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Zwar ist die Geldmaschine Männer-WM vergleichsweise krisenresistent, aber auch sie bekommt diese zunehmenden internationalen Risse zu spüren: So war bis kurz vor der WM 2026 unklar, ob das iranische Team Visa für die USA erhalten wird.
Hinzu kommt, dass die FIFA sich selbst immer wieder in Situationen manövriert, die Debatten über Menschenrechte und Integrität im internationalen Fußball auslösen. Die Vergabe der WM-Rechte an bevorzugt einflussreiche Staaten, die bereit sind, viel Geld zu investieren – wie zuletzt Russland und Katar, die USA oder Saudi-Arabien –, ohne dass Menschenrechtsstandards eine realpolitische Rolle spielen, hat das Vertrauen in den Verband erodieren lassen. Die für die WM 2026 getroffene Menschenrechtsvereinbarung jedenfalls wird de facto nicht umgesetzt. Infantino war 2016 angetreten, um die FIFA nach dem Korruptionsskandal von 2015 zu erneuern. Doch die Korruptionsvorwürfe halten sich hartnäckig. Viele nationale Verbände sind finanziell von der FIFA abhängig, was bei Wahlen und WM-Vergaben fast zwangsläufig zu Anpassung und Korruption führt.
Die explodierenden Kosten der Turniere lösen zudem Proteste vor Ort aus, zuletzt in Marokko und Mexiko. Hier werden große Infrastrukturprojekte nach den Regeln der FIFA vorangetrieben, ohne auf die Belange der Menschen vor Ort zu achten. Sie verbrauchen Ressourcen in Regionen, wo diese knapp sind. In Zeiten des Klimawandels ist es ohnehin schier wahnsinnig, immer mehr und immer aufgeblähtere Turniere zu spielen.
Der Spielbetrieb jedenfalls kommt vor lauter Boykottdebatten kaum mehr zum Luftholen: Dürfen Mannschaften aus Russland und Israel am Turnier teilnehmen? Was tun gegen Menschenrechtsverletzungen in Gastgeberländern wie Katar? Wie reagieren, wenn die USA Visaeinschränkungen erlassen? Wo die Turniere hinkommen, sind sie begleitet von Widerstand. Der Fußball wankt unter seiner eigenen Gigantik.
Die nationalen Verbände ziehen fast allesamt den Kopf ein und hoffen, dass die Stürme vorübergehen mögen. Deren Wucht trifft stattdessen immer wieder die Spieler, so wie das überforderte deutsche Team in Katar. Da Homosexualität in Katar verboten ist, wollte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nach viel Druck durch kritische Fans hier ein Zeichen für Vielfalt setzen. Nachdem die FIFA jedoch weder erlaubte, dass der deutsche Kapitän eine Regenbogen-Armbinde tragen könne, noch dass die Binde den Spruch „One Love“ tragen könne (und der DFB sich nicht merklich dagegen wehrte), entschied man sich für eine Geste: Die Spieler hielten sich beim Mannschaftsfoto die Hand vor den Mund als Zeichen, dass sie mundtot gemacht wurden. Dafür wurden sie von vielen Seiten kritisiert oder verlacht, und es gab offenbar auch innerhalb des Teams Konflikte.
Der Spitzenfußball ist reich, weil andere auf den Schäden sitzen bleiben
Man kann die Lage aber auch vom System her analysieren. Das ist in den letzten Jahren etwas in Vergessenheit geraten. Dass Cristiano Ronaldo 2020 zum ersten Fußballmilliardär wurde oder die englische Premier League im Sommer 2025 3 Milliarden Pfund in Transfers investierte, regt niemanden mehr auf.
Dabei zeigen sich hier einige ganz grundsätzliche Systemfehler des Kapitalismus. Private-Equity-Firmen, zweifelhafte Staatsfonds, fossile Großkonzerne und einzelne Milliardäre investieren immer mehr Geld in den Fußball. Diese Gelder sind nicht neutral: Dahinter stehen zum Teil Investoren in der Öl- und Rüstungsindustrie; die Gelder bedingen Ausbeutung von Arbeiter*innen und Klimaschäden – der Spitzenfußball ist reich, weil andere auf den Schäden sitzen bleiben.
Das hat auch für den Fußball Folgen: Weil die Besitzverhältnisse der Klubs immer weiter auseinanderdriften, veröden die nationalen Ligen. Nicht nur national, auch international watschen die Großklubs im Schnitt alle anderen immer heftiger ab. Kontinente wie Südamerika und Afrika bleiben unterdessen im globalen Wettrennen hinten an. Sie sind vor allem Lieferanten für Spielerware. Das ist Extraktivismus wie auf den restlichen Weltmärkten.
Das Pyramidensystem mit Auf- und Abstieg führt zudem dazu, dass Klubs immer mehr Geld ausgeben müssen, um auf derselben Ebene bestehen zu können. Bei den Länder-Turnieren ist ab dem Viertelfinale meist nur noch eine kleine, immergleiche Gruppe von Mannschaften aus Europa und ein paar südamerikanischen Ländern dabei. Chancengleich war das Spiel nie, aber der aktuelle Fußball vermittelt eine neue Ideologie: Wir sehen Superstars dabei zu, wie sie andere vorführen.
Für den Spielbetrieb jedenfalls wären die hohen Summen gar nicht nötig: Der mittlerweile sportlich gleichwertige Fußball der Frauen funktioniert mit einem Bruchteil der Gelder.
Utopien für den Fußball
Den Versuch, Fußball ganz neu zu denken, gab es schon vor über 100 Jahren: In den 1920er-Jahren entstand in Europa der internationale Arbeiterfußball. Er war ein Gegenentwurf zum sogenannten bürgerlichen Fußball und richtete sogar eigene Europameisterschaften aus. In Deutschland waren die Fußballer im sozialistisch-kommunistisch ausgerichteten Arbeiter-Turn-und-Sportbund organisiert. Sie setzten auf Solidarität und Völkerverständigung. Fairplay wurde großgeschrieben, und eigene Regeln sollten Spieler vor Verletzungen schützen. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde die Bewegung in Deutschland zerschlagen: Weitermachen durfte nur der bürgerliche Deutsche Fußball-Bund (DFB), heute der größte Sportverbund der Welt und Deutschlands Fußballdachverband.
Dabei wäre eine klügere Struktur auch heute sinnvoll. Ligen können nebeneinander existieren und verschiedene Ideen von Fußball bieten. In einer würde vielleicht weiterhin um Sieg und Niederlage gespielt, eine würde kooperativen Fußball machen, und in einer spielt man mit drei Teams statt zweien. Der aktuelle Vereinsfußball jedenfalls nimmt viele Menschen mit ihren Bedürfnissen überhaupt nicht mit.
Was sich aber vor allem ändern müsste, ist die Finanzierung: Ein internationaler Fußball, der Bestand haben will, kann nicht weiter auf Wachstum und Überreichtum fußen. Statt nur zuzuschauen, sollte die Gesellschaft die Mittel, die an den Fußball gehen, aktiv aushandeln können, zum Beispiel in Räten. So könnte man entscheiden, welche Zuwendungen wirklich sinnvoll sind – und endlich auch das fördern, woran Investoren kein Interesse haben: soziales Engagement, Nachhaltigkeit, Inklusion und neue Spielideen.
Amateurvereine sind das beste Beispiel dafür, dass Motivation oft ganz anders funktioniert als über Geld. Vielleicht muss Fußball auch gar nicht separat belohnt werden. Das wäre auch für die Fußballer*innen selbst eine Chance: Sie könnten sich nebenher anderen Tätigkeiten widmen, sich einen Horizont wiedererobern.
Der Fußball bräuchte auch dringend feste Klimabudgets, zudem sollte es Obergrenzen für Einzelpersonen geben. Ist die Klimakreditkarte für das Jahr aufgebraucht, darf nicht weiter emittiert werden.
Ist ein anderer Fußball umsetzbar?
Wohl kaum innerhalb des bestehenden Kosmos von Infantino, Trump und den Milliarden, die das Spiel am Laufen halten. Die Boykottforderungen in vielen Ländern sind letztlich Ausdruck von Perspektivlosigkeit. Wenn man nichts mitgestalten kann, dann kann man sich zumindest noch rausziehen. Sie sind Ausdruck einer Welt, der es abtrainiert wurde, an Utopie zu glauben.
Das Problem ist aber auch: Wir beziehen den internationalen Fußball zu stark auf Verbände und Funktionäre als Player. Einen besseren internationalen Fußball kann es nicht innerhalb dieser Strukturen geben. Wohl aber als eigenständiges Gegenangebot. Zeit, damit anzufangen.
LITERATUR
Schwermer, A., 2022: Futopia: Ideen für eine bessere Fußballwelt. Die Werkstatt.
Alina Schwermer ist freie Journalistin und Autorin, unter anderem für die Tageszeitung taz. Sie hat 2022 das Buch „Futopia“ über Utopien für einen besseren Fußball veröffentlicht.
alinaschwermer@taz.de