Humanitäre Organisationen
Humanitäre Krise in Tschad: „Wie priorisieren wir Prioritäten?“
Seit Ausbruch des Krieges in Sudan 2023 sind Hunderttausende Menschen aus der Region Darfur in den Osten Tschads geflohen. Wie ist die aktuelle Lage in der Grenzregion?
Die Menschen sind auf der Flucht vor Gewalt und Zerstörung mit leeren Händen in Tschad angekommen. Die humanitäre Gemeinschaft – das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) und Partnerorganisationen – hat schnell reagiert, um die Grundversorgung zu sichern. Sie hat entlang der Grenze weitere Lager eingerichtet, zusätzlich zu denen, die es bereits seit der ersten Darfur-Krise 2003 gibt. Aber der Druck auf die Ressourcen ist enorm. Die Grenzregion ist fast eine Wüste, mit begrenzten Wasservorkommen und Ackerflächen.
Zugleich steigen die Lebenshaltungskosten, besonders in den Dörfern in der Nähe der Geflüchtetenlager. Grundnahrungsmittel sind viel teurer geworden, was die ohnehin schon schwierige Lage der lokalen Bevölkerung zusätzlich verschärft hat. Der Krieg in Sudan hat das soziale Gefüge entlang der Grenze zwischen Tschad und Sudan zerstört. Einige ethnische Gruppen leben auf beiden Seiten der Grenze. Früher überquerten sie diese frei, um Handel zu treiben, soziale Kontakte zu pflegen oder sich medizinisch behandeln zu lassen. Sudan ist bekannt für sein gutes medizinisches Personal und seine Krankenhäuser, und die Menschen vertrauten auf die dortigen spezialisierten Gesundheitsdienste. Diese Option gibt es nun nicht mehr.
Wie haben die lokalen Gemeinschaften auf die Aufnahme so vieler Geflüchteter reagiert?
Die Menschen in Tschad haben bemerkenswerte Gastfreundschaft gezeigt. Anfangs befürchteten wir, dass Spannungen zu offenen Konflikten eskalieren könnten, aber die Aufnahmegemeinschaften haben die Geflüchteten weitgehend akzeptiert und ihnen großzügig geholfen – etwa mit Lebensmitteln, als sie über die Grenze kamen. Ernsthafte Konflikte um Ressourcen sind nach wie vor selten, auch wenn es vereinzelt Zwischenfälle gibt. Wir wissen aber nicht, wie lange die lokale Bevölkerung dieses Maß an Toleranz aufrechterhalten kann.
Was ist mit der Regierung, kommt von ihr Unterstützung?
Wir sind wirklich dankbar, dass die Regierung uns physischen Zugang zu diesen Gemeinden und Menschen gewährt und dass sie humanitären Hilfskräften, die noch immer in Darfur tätig sind, erlaubt, die Grenze zu überqueren. Allerdings ringt die tschadische Regierung selbst mit erheblichen Ressourcenengpässen, und es gibt große Herausforderungen in der Regierungsführung. Sie schafft es kaum, ihre eigene Bevölkerung mit Basisdienstleistungen zu versorgen, und es ist ihr fast unmöglich, die neuen Geflüchteten angemessen zu unterstützen. Das ist der Grund dafür, dass die humanitäre Gemeinschaft so umfangreiche Hilfen mobilisiert hat.
Allerdings bringt das wieder eigene Probleme mit sich. Es besteht eine Diskrepanz zwischen Geflüchteten und den Aufnahmegemeinden. In lokalen Dörfern fehlen oft Wasser, Gesundheitszentren, Schulen und andere grundlegende Infrastruktur, während es in den Geflüchtetencamps – obwohl sie bei Weitem nicht ideal sind – meist zumindest eine Schule, ein Gesundheitszentrum und weitere Dienstleistungen gibt. Wenn Mitglieder der Aufnahmegemeinden sehen, wie große NGO-Fahrzeuge an ihren Dörfern vorbei zu den Lagern fahren, können sie sich im Stich gelassen fühlen und Ressentiments entwickeln. Bleiben diese Ungleichheiten bestehen, könnten diese Gefühle zunehmen.
Wie gehen internationale humanitäre Organisationen mit der Situation um?
Humanitäre Organisationen haben erkannt, dass der traditionelle Ansatz, Geflüchtete in separaten Lagern zu isolieren, nicht nachhaltig ist – insbesondere, da die Finanzierung immer weiter abnimmt. Sie versuchen nun, sich strategisch neu auszurichten. Anstatt neue Camps zu errichten, streben sie an, neu angekommene Geflüchtete stärker in bestehende Dörfer zu integrieren. Wird eine Schule oder ein Gesundheitszentrum gebaut, dienen diese dann Geflüchteten und Aufnahmegemeinschaften gleichermaßen.
Auf diesem Weg will man auch neue Partner gewinnen, die in die lokale Infrastruktur investieren. Die Logik ist nachvollziehbar: Kehren die Geflüchteten irgendwann nach Sudan zurück, profitieren die Tschader*innen von der existierenden Infrastruktur. Millionen in Camps zu investieren, die möglicherweise aufgegeben werden, macht wenig Sinn. Allerdings gibt es Hindernisse, die diesem Wandel im Weg stehen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
In der Nähe etablierter Dörfer ist kein Land verfügbar. Das Land gehört Mitgliedern der Gemeinden, und diese sind nicht bereit, es aufzugeben. Sie alle wissen, dass einige Geflüchtete seit mehr als 20 Jahren in Tschad leben. Gibt man Neuankömmlingen Land, bekommt man es womöglich nie zurück. Deshalb müssen die Behörden konkrete Standorte ausfindig machen, wo Land verfügbar ist und 20.000 bis 30.000 Menschen gleichzeitig untergebracht werden können. Das erschwert die Planung und Integration enorm.
Offiziell unterstützt die Regierung das Ganze, aber ihre Strategie ist nicht immer realistisch. Die Behörden stellen in einigen Gebieten zwar Land und Raum für Geflüchtete zur Verfügung, erlauben aber selten eine wirkliche Integration in bestehende Gemeinschaften. Stattdessen werden Geflüchtete in der Nähe der Dörfer in kleinen Anlagen untergebracht – was dazu führt, dass sich die Ungleichheiten bei Behandlung und Hilfsleistungen wiederholen.
Inwiefern unterscheidet sich die humanitäre Lage von früheren Fluchtbewegungen nach Tschad, insbesondere von der Situation nach der ersten Darfur-Krise vor über 20 Jahren?
Die Lage hat sich verschlechtert, vor allem wegen der Verfügbarkeit von Geldern, der medialen Berichterstattung und weil verschiedene Krisen miteinander konkurrieren. Zu Beginn der Darfur-Krise 2004 gab es viel internationale Aufmerksamkeit. Die Welt sprach über den Völkermord, Prominente wie George Clooney besuchten die Region. Die Mittel waren damals zwar auch begrenzt, aber es gab weit mehr als das, was wir heute mobilisieren können, und wir konnten erheblich mehr Dienstleistungen anbieten.
Ich erinnere mich daran, dass UNHCR innerhalb von drei bis vier Monaten verschiedene Partnerorganisationen mobilisieren konnte, als neue Geflüchtete kamen. Jetzt ist es wegen der gekürzten Budgets extrem schwierig, zu reagieren. Wir sind eine von nur zwei Gesundheitsorganisationen im gesamten Osten von Tschad. UNHCR hat uns dieses Jahr nur Geld für drei Monate gegeben – für Januar bis März. Wir wissen nicht, was wir nach März tun werden. Das erleben wir zum allerersten Mal.
Sind die Erfahrungen der Menschen, die heute kommen, anders als vor 20 Jahren?
Wenn man mit den Menschen spricht, sind ihre Geschichten fast identisch, was die Brutalität und die Art und Weise betrifft, wie sie in ihren Dörfern Leid erfahren haben. Es gibt Vergewaltigungen. Es gibt Brände. Männer werden getötet. Die Familien kommen zerrüttet hier an. Sie laufen zehn, 20 Tage lang – ich weiß nicht genau, wie lange – um die Grenze zu Tschad zu erreichen. Aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig.
Was heute anders ist, sind die Mittel der Kriegsführung. Früher gab es Konflikte zwischen verschiedenen Gemeinschaften, bei denen eine Gruppe eine andere angriff, Dörfer niederbrannte, Tiere tötete und Vorräte zerstörte. Heute kommen sie in Fahrzeugen, mit Drohnen und Ausrüstung, deren Namen ich nicht einmal kenne. Aber auch heute werden ganze ethnische Gemeinschaften attackiert.
Was sind aktuell die dringendsten humanitären Bedürfnisse der sudanesischen Geflüchteten in Tschad, und wie kann das IRC unterstützen?
Wir haben uns mit einer Frage auseinandergesetzt, die für uns zum Albtraum wurde: Wie priorisieren wir Prioritäten? Wir sehen den enormen Bedarf, aber die Ressourcen, die wir nach den weltweiten Budgetkürzungen haben, sind äußerst begrenzt.
In Tschad arbeiten wir vor allem im Gesundheitsbereich. Dazu gehört das gesamte Spektrum an Dienstleistungen: medizinische Grundversorgung, Ernährung, Mutter-Kind-Gesundheit sowie psychische Gesundheit. Wir haben auch einige Mittel für Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene. Für neu ankommende Geflüchtete muss es sofort Wasser geben, daher bringen wir es mit Lastwagen zu bestimmten Stellen und versorgen die Menschen direkt damit.
Eine weitere Priorität ist die Bereitstellung von Unterkünften. Dafür sorgen unsere Partnerorganisationen – aber auch ihnen fehlen die Ressourcen. Es gibt Geflüchtete, die mehr als sechs Monate überhaupt keine Unterkunft erhalten; sie schlafen unter Bäumen. Und natürlich ist auch Ernährung ein kritischer Punkt. IRC verteilt keine Lebensmittel, aber wir betreiben im Rahmen unserer Gesundheitsprogramme Ernährungszentren, insbesondere für unterernährte Kinder.
Wir legen auch großen Wert auf Schutz, wozu Prävention und psychologische Betreuung zählen – insbesondere psychosoziale Dienste für Opfer sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt. Die meisten Frauen, die über die Grenze kommen, sind irgendwann Opfer dieser Art von Gewalt geworden.
Die Budgetkürzungen sind eine Tatsache, und wenn wir in die Zukunft blicken, scheint sich die Lage nicht zu verbessern. Wie wollen Sie angesichts dieser Realität die humanitäre Lage langfristig bewältigen?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Verschiedene Akteure haben unterschiedliche Ansätze ausprobiert und untersucht, aber keiner davon funktioniert als alleinige Lösung.
Einer davon ist der bereits erwähnte Ansatz der „Villagisation“, bei dem Menschen in der Nähe etablierter Dörfer untergebracht werden. Eine weitere Strategie ist es, mit staatlichen Stellen zusammenzuarbeiten, aber auch deren Ressourcen sind begrenzt, selbst für die eigene Bevölkerung. Wir wissen schon jetzt, dass das nicht nachhaltig ist.
Einige versuchen derzeit auch, Entwicklungsakteure zu mobilisieren, die nicht auf humanitäre Hilfe spezialisiert sind – wie Weltbank, UNDP und andere. Aber sie haben ebenfalls Schwierigkeiten, Ressourcen zu beschaffen, da auch in ihren Bereichen die Mittel gekürzt werden. Wir wenden uns auch an nichttraditionelle Geber aus dem Privatsektor. Wir können nichts tun, als es weiter zu versuchen. Leider ist Geld entscheidend für unsere Arbeit.
Wie ist das IRC damit umgegangen, dass plötzlich die Mittel gekürzt wurden, besonders Gelder aus den USA?
Es gab eine Arbeitsunterbrechungsanordnung, und wir mussten unsere Arbeit in verschiedenen Camps weltweit einstellen. Das IRC hat jedoch einige private Mittel für Tschad mobilisiert, sodass wir unsere Dienste weiterführen konnten. Wir mussten hier kein einziges Ernährungszentrum auch nur für einen Tag schließen. Ich fand die Art und Weise, wie das IRC weltweit reagiert hat, bemerkenswert. Die Organisation sagte: „Okay, welche Entscheidungen auch immer getroffen werden, diese Dienste sind uns extrem wichtig. Wir müssen weitermachen.“ Denn zuallererst sind wir humanitäre Helfer*innen.
Wagen Sie eine Prognose für die Zukunft der Region angesichts des Kriegs in Sudan?
Ich kann Ihnen sagen, worauf ich hoffe: Dass die Konfliktparteien einen Weg finden, sich zu einigen, sonst wird das niemals enden. Beide Hauptbeteiligten des Konflikts sind stark und werden von verschiedenen Allianzen unterstützt. Aber der Konflikt ist nicht allein mit militärischen Mitteln zu lösen. Die Diplomatie muss Vorrang haben, damit es ein Friedensabkommen und dauerhaften Frieden gibt.
Dauert der Konflikt an, ist die Gefahr groß, dass er auf den Osten Tschads übergreift. Das ist bereits vor einigen Wochen geschehen, als benachbarte Dörfer angegriffen wurden. Die Tschader*innen haben nicht zurückgeschlagen. Sie haben entschieden, Ruhe zu bewahren. Aber das kann sehr, sehr schnell eskalieren.
Haben Sie eine Botschaft an die internationale Gemeinschaft?
Vergesst nicht. Es gibt so viele Menschen, Geschichten, Leben, die von diesem Konflikt betroffen sind. Es sagt sich leicht: „Letztes Jahr hat unsere Regierung mit einer Million Euro unterstützt, also alles gut.“ Aber die Menschen hier leiden immer noch. An alle da draußen, die noch immer das Herz und die Mission haben, zu helfen: Macht weiter. Wir wissen, dass die Lage sehr schwierig ist. In vielen Ländern konkurrieren verschiedene Krisen und Bedürfnisse miteinander.
Die Krise in Sudan dauert schon so lange an. Manche mögen müde sein – es kann entmutigen, dass nach so vielen Jahren immer noch Menschen die Grenze überqueren: neue Geflüchtete, dieselben Bedürfnisse. Aber denken Sie an die Menschen in Tschad, die diese Geflüchteten aufnehmen. Sie sollten diese Last nicht allein tragen müssen. Sie brauchen weiterhin Unterstützung, um helfen zu können.
Alain Rusuku ist IRC-Landesdirektor für Tschad.
alain.rusuku@rescue.org