Iran
Wie die Menschen im Iran versuchen, ihren Alltag im Krieg zu bewältigen
Drei Wochen nach Kriegsbeginn hielt es der 28-jährige Grafikdesigner Armin aus Teheran nicht mehr aus, zu Hause eingesperrt zu sein. Er wurde immer deprimierter. Schließlich beschlossen er und seine Frau, durch die Stadt zu Freund*innen zu fahren.
Bei einem kurzen Stopp an einem Café vernahmen sie plötzlich das bedrohliche Dröhnen eines Tieffliegers, dann eine donnernde Explosion.
„Alle waren panisch“, sagt Armin. „Meine Frau stürzte vor Angst ins Café.“ Das Personal zog blitzschnell Metallrollläden vor die Fenster und verriegelte die Türen, sodass alle im Inneren eingeschlossen waren. Das Geräusch einschlagender Bomben hallte von den Wänden wider. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten. Nach zehn Minuten waren die Angriffe vorüber, und jeglicher Gedanke daran, abends auszugehen, war verflogen.
Etwas mehr als einen Monat nach Beginn des Kriegs der USA und Israels gegen Iran gehören solche Szenen zum Alltag. Laut der in den USA ansässigen Menschenrechtsorganisation „Human Rights Activists in Iran“ (HRANA) wurden mehr als 1500 iranische Zivilist*innen getötet. Teheran, die Hauptstadt mit mehr als neun Millionen Einwohner*innen, ist in besonderem Maße unter Beschuss – etwa 70 Prozent der registrierten Angriffe treffen die Stadt.
Zusammenbruch des Gesundheitswesens
Infolge der Bombardements bricht das gesamte Gesundheitssystem zusammen – während zugleich immer mehr Menschen in Iran medizinische Hilfe brauchen.
Nach Angaben des iranischen Gesundheitsministeriums haben die Angriffe bereits 12 Krankenhäuser außer Betrieb gesetzt, mindestens 23 Mitarbeitende im Gesundheitswesen getötet und mehr als 100 verletzt. Die Weltgesundheitsorganisation hat Angriffe auf Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen bestätigt. Sie berichtet, dass mehrere Krankenhäuser evakuiert wurden. Rettungsfahrzeuge wurden zerstört oder schwer beschädigt. Die noch existierenden medizinischen Einrichtungen brechen angesichts des ständigen Zustroms weiterer Verwundeter zusammen.
Dadurch haben alle anderen kaum noch Zugang zu lebenswichtiger medizinischer Versorgung. Maliheh, eine 73-jährige pensionierte Lehrerin aus dem Osten Teherans, hat unerträgliche Schmerzen. Sie sagt, ihre Knieoperation sei auf unbestimmte Zeit verschoben worden.
„Ich habe große Probleme mit beiden Knien“, erzählt sie. „Ich habe starke Schmerzen und kann nicht mehr gehen.“ Alles, was sie tun kann, ist, sich alle zwei Wochen in der Notaufnahme ein starkes Schmerzmittel spritzen zu lassen, das ihr das Leben erträglicher macht.
Jenseits der Hauptstadt haben jahrelange Sanktionen zu medizinischen Engpässen geführt, die den Zugang zu lebensrettenden Behandlungen zusätzlich erschweren.
Javid, 43, lebt in Babolsar, einer Küstenstadt im Norden Irans. Er ist an Leukämie – Blutkrebs – erkrankt und muss zur Behandlung regelmäßig nach Teheran reisen. Vor dem Krieg waren Fachärzt*innen und der nötige Bedarf für eine Chemotherapie dort leichter verfügbar als in der Provinz.
Javid sagt, durch die Gefahr von Luftangriffen und die anhaltende Kommunikationssperre sei seine medizinische Behandlung nun aber fast unmöglich geworden. Er befürchtet, dass der Krieg seine Chancen auf eine vollständige Genesung zunichtemachen könnte. „Unter diesen Umständen nach Teheran zu reisen, wo Fachärzt*innen keine Termine vergeben und es keine Medikamente gibt, ist einfach unmöglich“, sagt er.
Beängstigende Luftangriffe
In Teheran haben die ständigen Luftangriffe die Bevölkerung traumatisiert. Pardis, eine 19-jährige Architekturstudentin, erzählt, dass sie mittlerweile Angst vor Gewittern hat. Kürzlich konnte sie bei einem Gewitter den Donner nicht mehr vom Geräusch der Bomben unterscheiden, die in nahegelegene Gebäude einschlugen.
„Sie haben eine Gegend in der Nähe unseres Hauses so heftig bombardiert, dass ich das Gefühl hatte, die Wände würden jeden Moment über unseren Köpfen zusammenstürzen“, sagt Pardis. „Bei jedem Donnerschlag dachten wir, es sei eine weitere Bombe, und suchten Schutz. Jetzt habe ich immer große Angst, es könnte eine Bombe sein, sobald es donnert.“
Kein Internet, keine Arbeit
Die Internetsperre richtet auch bei Unternehmen und Arbeitnehmer*innen großen Schaden an, denn viele sind für ihr Einkommen auf das Internet angewiesen.
Die 30-jährige Journalistin Mahnaz, die im Westen Teherans lebt, verlor im März ihren Job. Der Nachrichtenseite, für die sie arbeitete, waren die Werbeeinnahmen weggebrochen. Nach der Abschaltung des Internets hatten sich die Unternehmen zurückgezogen.
Mahnaz und ihr Mann müssen nun eine günstigere Wohnung suchen. Die Mietpreise steigen rasant – und das inmitten einer allgemeinen Lebenshaltungskostenkrise, die schon vor dem Krieg begonnen hatte. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für Iran einen BIP-Rückgang von mehr als sechs Prozent im Jahr 2026. Das iranische Amt für Statistik vermeldete derweil Mitte März eine Inflationsrate von mehr als 50 %.
Yasmin, 36, kündigte vergangenes Jahr ihren Job, um einen Online-Bekleidungsshop zu gründen. Der Krieg hat ihn lahmgelegt – nun steht sie ohne Einkommen da. „Im Moment gibt es keine Aussicht darauf, dass das Internet wieder läuft oder der Krieg endet. Es ist nicht einmal klar, ob wir noch Strom haben werden“, sagt sie.
Farokh, 56, arbeitet in der Personalabteilung einer Lebensmittelfabrik in Teheran. Diesen Monat hat sein Unternehmen wegen rückläufiger Umsätze zehn Prozent der Belegschaft entlassen. Er befürchtet, der Nächste zu sein. „Es ist schon schwer genug, mit unseren jetzigen Gehältern über die Runden zu kommen, geschweige denn dann, wenn ich entlassen werde“, sagt er.
Während die USA über eine mögliche Bodenoffensive nachdenken, befürchten Iraner*innen wie Farokh, dass das Schlimmste noch bevorsteht. „Das Schlimmste ist, dass sich der Horizont unserer Zukunft verdüstert“, sagt Farokh.
Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Egab veröffentlicht.
Ariya Farahmand ist das Pseudonym eine*r Journalist*in aus Iran.
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