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Armutsbekämpfung

Echte Hilfe zur Selbsthilfe

von Dominik Hartmann

Hintergrund

Thanks to Bolsa Familia, more children are attending school

Thanks to Bolsa Familia, more children are attending school

Mikrokredite und das konditionierte Geldtransferprogramm Bolsa Familia haben das Leben der armen Bevölkerung im Nordosten Brasiliens erleichtert. Allerdings besteht mittlerweile vielfach ein Risiko der persönlichen Überschuldung. Von Dominik Hartmann

Verschiedene Maßnahmen wie das Geldtransferprogramm Bolsa Familia und Mikrokredite, aber auch das Wirtschaftswachstum und politische Stabilität haben Armut und wirtschaftliche Ungleichheit in Brasilien erheblich reduziert. Bolsa Familia gilt als weltweites Vorbild für konditionierte Geldtransferprogramme, kurz CCTPs (Conditional Cash Transfer Programs). Das sind Transfergelder, die armen Menschen unter bestimmten Bedingungen ausgezahlt werden – zum Beispiel, wenn sie ihre Kinder regelmäßig zur Schule schicken und die kostenfreien Gesundheitschecks und Pflichtimpfungen wahrnehmen.

CCTPs sollen Gesundheit und Ausbildung fördern und helfen, Kinderarbeit ­zurückzudrängen. Solche Programme ­gelten aus sozialdemokratischer sowie aus liberal-marktorientierter Sicht als kosteneffizient und wirksam. Sie dienen offenkundig dem Ziel der menschlichen Entwicklung im Sinne möglichst hoher Selbstbestimmung und Eigenverantwortung (siehe Kasten).

Ähnlich hoch angesehen waren lange Zeit auch Mikrokreditprogramme. Erfolgsgeschichten von Kleinunternehmern und Mikrofinanzinstituten (MFIs) sowie Rück­zahlungs­quoten von 99 Prozent weckten sogar das Interesse großer kommerzieller Banken. Der Kollaps von MFIs im indischen Andhra Pradesh hat Ende des vergangenen Jahres die Euphorie allerdings gedämpft.

Dennoch findet die Idee, Armen mit relativ wenig Geld – ob aus CCTPs oder Mi­krokrediten – Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, weiterhin Anklang in Politik, Wissenschaft, Privatwirtschaft und bei nichtstaatlichen Organisationen. Sicherlich gab es immer auch kritische Stimmen. Es hieß, CCTPs begünstigten Assistenzialismus und Untätigkeit, und Mikrokredite ermöglichten ohne systemische Förderung der Wirtschaftsstrukturen keine nachhaltige Entwicklung. Darüber, dass die Kombination von CCPTs und Mikrofinanz positiv wirkt, kann Brasilien Aufschluss geben.

Je nach Anzahl der Kinder und Höhe des Einkommens erhalten Familien über Bolsa Familia zwischen 68 und 200 Real (30 bis 87 Euro) monatlich. Von diesem Geld allein kann kaum jemand leben, besonders nicht in großen Städten, wo alles teurer und die Verdienstmöglichkeiten geringer sind. Aber die kleine Absicherung durch Bolsa Familia ermöglicht vielen Menschen, ihre Kinder zur Schule gehen zu lassen, einen Job zu suchen oder ein Kleinunternehmen aufzubauen.

In Kleinstädten und Dörfern führt Bolsa Familia zu einer doppelten Ver­besserung: Direkt durch regelmäßigere Schulbesuche und Gesundheitsvorsorgemöglichkeiten, indirekt durch mehr Entscheidungsfreiheit. Die Bolsa Familia ist sicherlich kein Allheilmittel gegen Armut. Aber das Geld erreicht die Menschen und stärkt ihre Selbstbestimmungsmöglichkeiten.

Gefahr der Überschuldung

Der Mikrofinanzboom erleichtert es der ­ärmeren Bevölkerung, Kredite aufzunehmen und in Kleinunternehmen zu investieren – in einen Lebensmittelladen, eine Reparaturwerkstatt oder die Textilproduktion. Ob derlei erfolgreich gelingt, hängt freilich auch von weiteren Rahmenbedingungen ab, für die der Staat sorgen kann und auch sollte: Verkehrswege, Wasser- und Stromversorgung, aber auch soziale Infrastruktur – Bildungs- und Gesundheitswesen zum Beispiel – sind wichtig. Leider gibt es in Brasilien oft noch Grund zu klagen über Korruption und Vetternwirtschaft, was den optimalen Einsatz staatlicher Mittel behindert.

Mikrokredite ermöglichen es Mitgliedern armer Bevölkerungsgruppen, Geschäftschancen zu nutzen, wenn sie solche erkennen. Die Grundsicherung durch Bolsa Familia fördert dabei die Risikobereitschaft auf sinnvolle Weise. Allerdings bergen auch Mikrokredite das Risiko der Überschuldung.

Die meisten Mikrokredite werden in Brasilien an Gruppen von drei bis fünf Personen ausgegeben, weil sozialer Druck die Rückzahlungsquoten erhöht. Mittlerweile vergeben mehrere nichtstaatliche Organisationen sowie staatliche und private Banken Mikrokredite. Viele Kleinunternehmer nehmen bei mehreren Finanzinstituten zugleich Kredite auf – als Mitglieder unterschiedlicher Gruppen mit jeweils anderen Zahlungskonditionen, Zinssätzen und Zahlungszielen.

Edinalda Lima leitet das Instituto Estrela, eine MFI in Paraiba, die sich auf vorbildliche Weise intensiv um ihre Kunden kümmert. Manche Kleinunternehmer übernähmen sich, sagt sie, und würden deshalb zahlungsunfähig: „Ein paar sind zunächst sehr erfolgreich und nehmen dann schnell mehrere Kredite bei unterschiedlichen MFIs auf. Doch damit verzetteln sie sich, und wenn das Geschäft etwa saisonbedingt nicht so läuft wie gedacht, kommen sie mit den Ratenzahlungen in Verzug, und schließlich wächst ihnen alles über den Kopf.“

Im zunehmenden Wettbewerb um Kunden haben manche MFIs ihre Anforderungen gesenkt. Die Angestellten werden häufig nach der Anzahl der Neukunden beurteilt. Für den einen oder anderen Kunden stellt der zusätzliche Mikrokredit aber eher eine zusätzliche Last dar. MFIs und deren Mitarbeiter dürfen jedoch die Kernidee der Mikrokredite nicht aus den Augen verlieren, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich aus der Armut selbst zu befreien, fordert Edinalda Lima vom Instituto Estrela.

Der Staat muss geeignete Rahmenbedingungen schaffen, um die Fähigkeiten der Kreditnehmer zu fördern – und so der Überschuldung vorzubeugen. Zugleich müssen die beteiligten Institutionen besser kooperieren. Für den Informationsfluss zwischen den verschiedenen MFIs, Bildungsstätten, regionalen Regierungsbehörden und nichtstaatlichen Organisationen sollte mehr getan werden.

Viele Synergieeffekte und Lernpotentiale bleiben ungenutzt, obwohl die MFI-Mitarbeiter über profunde Kenntnisse der lokalen Märkte und Preise, Gewinnspannen und Marktchancen, Stärken und Schwächen der Kleinunternehmer verfügen. Die Non-Profit-Organisation SEBRAE (Agência de Apoio ao Empreendedor e Pequeno Empresário) fördert landesweit kleine und mittlere Unternehmen, indem sie auf die Fähigkeiten und Notwendigkeiten der Kleinunternehmer abgestimmte Fortbildungen und Informationsmaterial anbietet.

Insgesamt haben brasilianische Entwicklungsinstitutionen bei der Förderung von Kleinunternehmertum jedoch gute Arbeit geleistet. Bolsa Familia, die Erhöhung der Fonds für Mikrokredite, intelligente politische Maßnahmen sowie neue Gesetze zur Formalisierung und sozialen Absicherung von Kleinunternehmern dienen der Hilfe zur Selbsthilfe. Das Gesetz für Mikro- und Kleinunternehmen etwa soll gezielt Kleinunternehmer aus der Schattenwirtschaft heraus in die sozialen Sicherungssysteme führen. Sie müssen sich nur bei der zuständigen Behörde anmelden, dann erhalten sie vereinfachte und stark reduzierte Steuersätze (Imposto Simples) und Sozialleistungen wie etwa Mutterschaftsgeld oder Renten- und Krankenversicherung für die ganze Familie.

Das Kleinunternehmertum ist in Brasilien auf dem Vormarsch – und damit auch Selbstbestimmung und menschliche Entwicklung. Nun liegt es an der nächsten Regierung von Präsidentin Dilma Rouseff, die Fortschritte, die unter ihren Vorgängern Fernando Henrique Cardoso (1995–2002) und Luis Inácio Lula da Silva (2002–2010) erreicht wurden, weiter auszubauen.