Unsere Sicht

Traumatische Vergangenheit, verlorene Zukunft

Zwei Monate bevor russische Truppen im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierten, wurde in Moskau die zivilgesellschaftliche Organisation Memorial verboten. Es gibt einen systematischen Zusammenhang.
Detail des  Holodomor-Mahnmals in Kiew. Detail des Holodomor-Mahnmals in Kiew.

Memorial informierte Menschen über Russlands totalitäre Vergangenheit. Für Präsident Wladimir Putin gleicht aber Auskunft über den Stalinismus westlicher Propaganda. In seiner paranoiden Weltsicht ist Russland eine glorreiche Nation mit einem großen Problem: der ständigen westlichen Ablehnung.

Putins Nationalismus schert sich nicht um das Wohlergehen des Volkes. Junge Männer dienen als Kanonenfutter, genießen aber keine Redefreiheit. Seit Peter dem Großen vor 300 Jahren haben russische (und sowjetische) Regierungschefs ähnlich gedacht. Sie setzten sich selbst mit dem Staat gleich, dehnten ihre Macht möglichst aus und kümmerten sich wenig um die Not der Menschen, die sie in öffentlichen Angelegenheiten nicht mitreden ließen. Angst vor dem repressiven Staat durchdringt die russische Kultur bis heute, weil die Folgen despotischer Herrschaft nie systematisch angegangen wurden.

Individuelle Leben interessieren Putin nicht. Ihm kommt es auf die Macht des Kremels an. Dafür bringt er so viele ukrainische Zivilisten um und opfert so viele russische Soldaten. Niemand soll sich an die mörderische, von Stalin vor 80 Jahren verursachte Hungersnot („Holodomor“) in der Ukraine erinnern, aber Putin greift selbst zu genozidaler Gewalt. Er besteht darauf, die Ukraine sei Teil Russlands und habe keine eigene Kultur.

Vergangenes Leid kann zu neuem Leid führen

Kollektive Traumata müssen aufgearbeitet werden, wenn sie nicht zu immer neuem Leid führen sollen. Dafür war 2022 der Ukrainekrieg das schlimmste Beispiel. Leider sind viele historische Wunden auch andernorts noch offen. Damit sich das ändert, müssen Verbrechen öffentlich benannt,  die Ursachen untersucht und ein Mindestmaß an Versöhnung erreicht werden. Wenn das nicht geschieht, blühen Verschwörungstheorien, wobei das Leid der jeweils eigenen Gemeinschaft betont wird und andere Gemeinschaften zu Sündenböcken gemacht werden.

In ehemaligen Kolonien ist die Lage auf besonders schwierig. Anführer von Befreiungskämpfen neigen dazu, nach dem Sieg das befreite Land als ihr persönliches Lehen zu betrachten. Allzu oft meiden sie Rechenschaftspflichten und agieren repressiv. Sie haben ihr Land von der Kolonialmacht befreit, aber nicht von den autoritären Haltungen, die diese mitbrachte.

Internationale Zusammenarbeit ist unverzichtbar

In der heutigen Polykrise ist aggressive Identitätspolitik besonders gefährlich. Für globale öffentliche Güter – wie etwa Frieden, Umweltschutz, Ernährungssicherheit, stabile Finanzarchitektur oder Seuchenschutz – brauchen wir internationale Zusammenarbeit. Von Regierungen, die uneingeschränkte Macht im Inland mit dem Gemeinwohl verwechseln, sind Beiträge zum globalen Gemeinwohl kaum zu erwarten. Ohnehin verdient, wer die historische Wahrheit scheut, kein Vertrauen.

Meist plagen historische Traumen nur das jeweilige Land. Schlimmstenfalls bedrohen sie jedoch die ganze Menschheit. Nach vermeintlichen Demütigungen im Ersten Weltkrieg startete Nazi-Deutschland den noch verheerenderen Zweiten Weltkrieg.

In Putins Angriffskrieg bleiben militärische Auseinandersetzungen bislang auf die Ukrainer und kleineren Teils auf Russland selbst beschränkt. Die Folgen sind dennoch global. Die heftigen Turbulenzen auf Energiemärkten sind ein Grund, warum der Klimagipfel in Sharm el-Sheikh nicht mehr erreicht hat. Wenn Regierungen kurzfristig die Energieversorgung sicherstellen müssen, tun sie sich schwer damit, mittelfristige Transformationspflichten einzugehen, die für das langfristige Wohl der Menschheit unerlässlich sind.  


Hans Dembowski ist Chefredakteur von  D+C Development and Cooperation / E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit.
euz.editor@dandc.eu

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