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Landwirtschaft

Destruktiver Handel

von Claudia Isabel Rittel
Rudolf Buntzel und Francisco Mari: Das globale Huhn. Hühnerbrust und Chicken Wings – Wer isst den Rest? Brandes und Apsel, Frankfurt/Main 2007, 179 S., 19,90 Euro, ISBN 3-86099-852-8

„Wir müssen erkennen, dass die Weltwirtschaft mit einem Federstrich mehr Existenzen vernichten kann, als die gutwilligen Bemühungen der Entwicklungshilfe in vielen Jahren sichern können“, schreiben Francisco Mari und Rudolf Buntzel in ihrem Buch. Ausgehend vom Beispiel Kamerun, wo der Import europäischer Hühnchenteile fast die ganze nationale Hühnerwirtschaft zerstört hat, nehmen die Autoren die globale Geflügelbranche unter die Lupe.

Weil die europäischen Verbraucher fast nur noch das Brustfleisch essen, verkaufen europäische Unternehmen die anderen Hühnchenteile unterhalb der Produktionskosten – was immer noch billiger ist, als sie zu entsorgen. Doch das zerstört vor allem in Westafrika lokale Hühnermärkte. In Kamerun aßen die Menschen früher ausschließlich Hühner aus eigener Haltung oder vom örtlichen Markt. Doch das hat sich seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) 1995 geändert. 1994 importierte Kamerun 12 Tonnen pro Jahr, 1996 bereits 850 Tonnen. Bis 2003, nachdem die Verfütterung von Tiermehl in der EU verboten wurde, verzehnfachten sich die Importe auf 8500 Tonnen.

Unter diesem System leiden laut Buntzel und Mari auch europäische Konsumenten. Die regelmäßig wiederkehrenden Gammelfleischskandale seien die „logische Konsequenz einer international operierenden Fleischwirtschaft“. Zwar werde von der Aufzucht bis zum Supermarkt jedes einzelne Fleischstück peinlichst genau kontrolliert. Was aber mit dem Fleisch passiert, das bis zum Verfallsdatum nicht verkauft wird, wird nicht dokumentiert. Deshalb sei auch nicht nachvollziehbar, „wie viel davon wieder in die Lebensmittelkette zurückkehrt“. In Westafrika ist die Gesundheitsgefahr noch viel größer, da das Fleisch oft nicht durchgehend gekühlt werden kann, bis es verkauft wird. Den Ländern Westafrikas stehen laut Buntzel und Mari so gut wie keine Möglichkeiten zur Verfügung, um sich gegen die EU-Praxis zu wehren.

Die fundierte Recherche der Autoren schlägt sich in vielen interessanten Details nieder. Hinzu kommt umfangreiches Wissen über globale politische, ökonomische und rechtliche Zusammenhänge. An manchen Stellen jedoch schweifen Buntzel und Mari von ihrem eigentlichen Thema zu weit ab – so etwa bei der Darstellung des Stellenwerts des Huhns in der Gesellschaft oder von historischen Verzehrgewohnheiten. Um breite Leserschichten zu erreichen – was im Sinne der von ihnen geforderten Verbraucheraufklärung liegt –, hätten die Autoren das Buch straffer formulieren und besser strukturieren müssen.

Insgesamt verdeutlicht das Buch zweierlei: erstens, wie die Verbraucher aus den wohlhabenden Ländern die Märkte armer Länder ungewollt negativ beeinflussen. Das ist aber nur möglich, weil – zweitens – vernünftige internationale Regelungen fehlen. Importländern müsse es erlaubt werden, nationale Schutzregeln zu erlassen. Außerdem fordern sie, Fleischexporteure für die Sicherheit ihrer Produkte im Zielland mitverantwortlich zu machen. Weil das aber in naher Zukunft unwahrscheinlich ist, schlagen sie vor, Exportunternehmen zu zertifizieren. Dann könnten Verbraucher durch die Wahl bestimmter Produkte sich aktiv gegen schädliche unternehmerische Praktiken entscheiden. (cir)