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Medizinische Forschung

Krankheiten der Armen

von Sheila Mysorekar

Hintergrund

WHO-Flussblindheit-Programm in Bouake, Elfenbeinküste, OCP Forschungslabor: Untersuchung von schwarzen Fliegen, dem Vektor für Flussblindheit.

WHO-Flussblindheit-Programm in Bouake, Elfenbeinküste, OCP Forschungslabor: Untersuchung von schwarzen Fliegen, dem Vektor für Flussblindheit.

Vernachlässigte Tropenkrankheiten (Neglected tropical diseases – NTDs) kommen selten in entwickelten Ländern mit großer Kaufkraft vor. Deswegen interessieren sich Pharmafirmen und die Forschung nicht besonders dafür. In Afrika, Asien und Lateinamerika leidet jeder siebte Einwohner an einer NTD. Nicht alle Krankheiten sind sofort tödlich, manche töten langsam, andere führen zu chronischen Leiden.

Ungefähr 8 Millionen Menschen sind mit Chagas infiziert; die meisten von ihnen leben in Lateinamerika. Etwa 25 Prozent aller Lateinamerikaner sind gefährdet, sich in ihrem Leben mit dieser vernachlässigten Tropenkrankheit anzustecken.

Chagas wird von einem Parasiten ausgelöst, den ein blutsaugendes Insekt überträgt. Die akuten Symptome einer Neuinfektion sind Fieber und entzündete Augen. Darauf folgt eine Ruhephase von 10 bis 20 Jahren. Dann erst bricht die Krankheit aus und beeinträchtigt das Herz und andere Organe. Zu diesem Zeitpunkt gibt es keine Therapie mehr. Vorher wäre eine Behandlung möglich gewesen, aber die meisten Infizierten wissen nicht, dass sie Chagas haben. Die Patienten, die nicht sterben, sind für den Rest ihres Lebens arbeitsunfähig. Es gibt Orte wie Tarija in Bolivien, wo 40 Prozent der Einwohner infiziert sind.

Die meisten Chagas-Kranken leben in Brasilien und Argentinien. Nicht jeder ist gleichermaßen gefährdet, sich an Chagas anzustecken. „Es ist eine Krankheit der Armen“, sagt Adelina Riarte vom Nationalen Institut für Parasitologie in Buenos Aires. „Ein gut genährter Mensch, der in einem richtigen Haus mit verputzten Wänden und einem Dach wohnt, wo sich keine Insekten einnisten können, wird die Krankheit kaum bekommen. Das Insekt lebt in Hütten mit Strohdächern und Lehmwänden.”

 

WHO-Sicht

Chagas und anderen vernachlässigten Tropenkrankheiten ist gemeinsam, dass es den betroffenen Patienten an Kaufkraft fehlt. Dementsprechend haben Pharmaunternehmen kein Interesse daran, Impfungen und Heilmittel zu entwickeln. Sie konzentrieren sich auf Gesundheitsprobleme der reicheren Gesellschaften. Dort spielt Geld keine so große Rolle, weil die meisten Menschen private oder staatliche Krankenversicherungen haben.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert vernachlässigte Tropenkrankheiten als „eine vielfältige Gruppe von übertragbaren Krankheiten, die in tropischen und subtropischen Bedingungen in 149 Ländern vorkommen und mehr als eine Milliarde Menschen betreffen und die Entwicklungsländer jedes Jahr Milliarden Dollar kosten“. Laut WHO sind vor allem die Menschen betroffen, die „in Armut leben, ohne richtige sanitäre Versorgung und mit engem Kontakt zu infizierten Überträgern sowie Haus- und Nutztieren“. Veterinärmedizin und sauberes Wasser sind beim Kampf gegen NTDs von entscheidender Bedeutung.

Die WHO weist darauf hin, dass NTDs die Lebensqualität und Produktivität von erkrankten Personen vermindern, auch wenn die Patienten nicht sterben. Dazu kommt, dass die Symptome dieser Krankheiten oft unklar sind, was eine Selbstdiagnose bei den Betroffenen schwierig macht, so dass sie nicht zum Arzt gehen. In der Regel werden diese Krankheiten von Insekten oder Würmern übertragen oder ausgelöst, so dass es wichtig ist, generell die hygienischen Bedingungen zu verbessern. Die WHO hat dem Kampf gegen 17 Krankheiten Priorität eingeräumt (siehe Rezensionsaufsatz von Lea Diehl).


Die Suche nach neuen Medikamenten

„Vernachlässigte Krankheiten verursachen weiterhin erhebliche Erkrankungsraten und Todesfälle in den Entwicklungsländern“, erklärt die Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDi), eine zivilgesellschaftliche Organisation aus der Schweiz. NTDs sind laut DNDi verantwortlich für 11 Prozent aller Krankheiten weltweit, aber nur vier Prozent der 850 neuen Medikamente, die zwischen 2000 und 2011 zugelassen wurden, waren gegen vernachlässigte Krankheiten.

Die DNDi ist eine gemeinnützige Organisation, die Forschung und Entwicklung den Bedürfnissen der Patienten entsprechend betreibt. Ihr Ziel ist es, neue Medikamente gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten zu entwickeln. Sie hat sieben regionale Büros in Asien, Afrika und Lateinamerika. Auch die deutsche Regierung ist unter den Gebern.

2012 publizierte die WHO die „Londoner Deklaration über vernachlässigte Tropenkrankheiten“. In diesem Kontext verpflichteten sich verschiedene Akteure, unter anderen Pharma-Multis wie Pfizer und Novartis, Stiftungen wie die Bill & Melinda Gates Foundation, internationale Organisationen wie die Weltbank und zivilgesellschaftliche Initiativen wie die DNDi, bis zum Jahr 2020

  • die Guineawurm-Krankheit auszurotten (das Vorkommen im Wirt auf null reduzieren),
  • Lepra, Schlafkrankheit, lymphatische Filariose, und Trachomblindheit auszurotten (globale Verbreitung auf ein Minimum zu reduzieren) (siehe Beitrag über Lepra-Erkennung und -Behandlung in Uganda) und
  • Bilharziose, Darmwürmer, Chagas, Leishmaniose und Flussblindheit (Onchozerkose) zu kontrollieren.

Um diese Ziele zu erreichen, verpflichteten sich die Teilnehmenden:

  • Forschung und Entwicklung für Medikamente der nächsten Generation voranzutreiben,
  • tropische Länder mit ausreichend Mitteln auszustatten, um NTD-Programme durchzuführen, und
  • Zusammenarbeit und Koordination bezüglich NTDs auf nationalen und internationalen Ebenen zu intensivieren.  

International gibt es einige Erfolgsgeschichten. Im Oktober 2015 wurde Mexiko als drittes Land nach Kolumbien und Ecuador von der WHO als frei von Flussblindheit erklärt. Dieser Erfolg ist der Beweis, dass internationale Zusammenarbeit funktioniert. Aber 120 Millionen Menschen weltweit sind weiterhin gefährdet, sich mit dieser Krankheit zu infizieren.

Die WHO erwartet, dass die Guineawurm-Krankheit und Trachomblindheit bis zum Jahr 2020 ausgerottet sind. Im Bezug auf andere Krankheiten, zum Beispiel Tollwut, sind einige Länder dem Zeitplan der WHO sogar voraus: Durch eine Kombination von Massenimpfungen von Hunden und verbesserten Zugang zu kostenlosen Impfungen schaffte es Bangladesch schon bis 2013, die Todesfälle durch menschliche Tollwut auf die Hälfte zu reduzieren. Im Mai 2016 erklärte das World Health Assembly der WHO, dass es „viele tropische, armutsbezogene Krankheiten gibt, die nach wie vor vernachlässigt sind und für die Interessensvertretung, Bewusstsein und Forschung vonnöten sind, um bessere Diagnosemethoden, Behandlungen und Kontrollstrategien zu entwickeln“. Vernachlässigte Krankheiten, die nicht auf der Prioritätenliste der WHO stehen, sind Melioidose (siehe Kasten), Zika und Ebola.  

 

Sheila Mysorekar ist Redaktionsmitglied von E+Z/D+C.
[email protected]

 

Links

Drugs for Neglected Diseases Initiative:
http://www.dndi.org/

German Network against Neglected Diseases – Deutsches Netzwerk gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten:
http://www.dntds.de/en/

World Health Organization (WHO): Neglected Tropical Diseases.
http://www.who.int/neglected_diseases/diseases/en/

WHO: London Declaration on Neglected Tropical Diseases.
http://www.who.int/neglected_diseases/London_Declaration_NTDs.pdf?ua=1

Uniting to Combat Neglected Tropical Diseases (4th Report):
http://unitingtocombatntds.org/report/fourth-report-reaching-unreached

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