Entwicklung und
Zusammenarbeit

Krisen und Konflikte

„Der Triple Nexus braucht mehr Flexibilität und Fehlertoleranz“

Humanitäre Hilfe, Entwicklung und Friedensarbeit enger zu verzahnen, ist seit Jahren das Ziel des Human-Development-Peace-Nexus (HDP-Nexus), der wegen seiner drei Felder auch als „Triple Nexus“ bezeichnet wird. Katharina Valjak vom katholischen Entwicklungshilfswerk Misereor erläutert, weshalb seine Umsetzung stockt und wo Verbesserungspotenzial besteht.
Medizinischer Transport in Khan Yunis, Gaza. picture alliance/Anadolu/Saeed M. M. T. Jaras
Medizinischer Transport in Khan Yunis, Gaza.

Katharina Valjak im Interview mit Leon Kirschgens

Frau Valjak, fast zehn Jahre ist es her, dass der HDP-Nexus offiziell eingeführt wurde. Mittlerweile ist er fester Bestandteil der Arbeit staatlicher wie nichtstaatlicher Organisationen. Ein voller Erfolg also?

Es ist richtig, dass der Nexus inzwischen eine feste Größe in der Entwicklungszusammenarbeit geworden ist. Mittlerweile gibt es eigene Referate in Ministerien wie dem BMZ und dem Auswärtigen Amt, spezielle Koordinierungs- und Austauschformate auf UN-Ebene und auch eine eigene Nexus-Akademie, die Fachkräfte für diese Arbeitsweise sensibilisieren und ausbilden soll. In Deutschland wird zudem der sogenannte Nexus-Chapeau-Ansatz etabliert, mit dem zunehmend humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung unter einem gemeinsamen strategischen „Dach“ gedacht und finanziert werden sollen. Akteure, auch Nichtregierungsorganisationen, können sich hierbei zu Partnerschaften zusammenschließen. Zudem gibt es komplementäre Programme und Beauftragungen der Ministerien für ihre Durchführungsorganisationen, die diese Bereiche systematischer miteinander verbinden. Bis heute bleibt jedoch vieles schwammig. Der Triple Nexus ist in der Praxis noch längst nicht dort angekommen, wo er hinwollte und wo er eigentlich sein sollte.

Wo sollte der HDP-Nexus sein – und wo steht er heute?

Das übergeordnete Ziel war, dass kurzfristige Hilfe und langfristige Unterstützung stärker ineinandergreifen. Die humanitäre Hilfe sollte also von vornherein berücksichtigen, wie die Entwicklungszusammenarbeit strukturell vorgeht, und andersherum. Daraus, so die Erwartung, ergeben sich neue, effektivere Herangehensweisen. Die wohl grundlegendste Neuerung war, mit dem „P“ im HDP-Nexus die Förderung von Frieden stärker in den Vordergrund zu rücken und eben nicht nur „Peacekeeping“ zu betreiben, sondern „Peacebuilding“. Das bedeutet, aktiv Strukturen zu etablieren, die Frieden fördern und nicht nur den Status quo absichern.

Doch lange war und ist der Triple Nexus vor allem eines gewesen: ein Begriff westlicher Thinktanks, Geberinstitutionen und Entwicklungsorganisationen, um in Projekten auf den Zusammenhang von Krisen, Entwicklungsdefiziten und gewaltvollen Konflikten zu reagieren. Das ändert sich zwar langsam. Nexus-Strategien haben in den vergangenen Jahren zunehmend auch den Weg in die praktische Umsetzung gefunden. Doch leider hat sich mit der Zeit oft das Missverständnis verfestigt, dass der Nexus in der Praxis einem logischen Ablauf folge: erst humanitäre Hilfe, dann Entwicklung, dann Frieden.

Was so jedoch nicht stimmt.

Jedenfalls nicht immer. Der Nexus gleicht oft eher einem Dreieck, in dem mal die eine, mal die andere Komponente überwiegt oder an erster Stelle steht: Manchmal braucht es zuerst Friedensmaßnahmen, um überhaupt Zugang zu Menschen und Regionen zu gewinnen. In anderen Fällen wiederum laufen humanitäre Hilfe, Entwicklungsarbeit und Friedensarbeit parallel. Und tatsächlich arbeiten auch viele, vor allem lokale Organisationen, längst so, ohne den Begriff zu kennen. Ein Pfarrer auf den Philippinen etwa, der die Strukturen vor Ort seit Jahrzehnten kennt und Teil von ihnen ist, weiß nahezu intuitiv, wie Konflikte etwa mit Naturkatastrophen und Armut zusammenhängen. Es sind eher externe Akteure, die vom HDP-Nexus sprechen, um die komplexen Zusammenhänge greifbarer zu machen und Lösungskonzepte zu entwickeln.

Die Betonung beim HDP-Nexus liegt auf dem P, also dem Peacebuilding. Dabei hieß es lange, dass Entwicklung irgendwann von selbst zu Frieden führe. 

Mit genau dieser Vorstellung möchte der HDP-Nexus ja aufräumen, weil sie viel zu kurz greift. Wenn im Rahmen eines Projekts etwa in einem Dorf ein neuer Brunnen gebaut wird, ohne die lokalen Gegebenheiten und damit auch das Konfliktpotenzial etwa unter indigenen Gruppen zu kennen, kann man am Ende mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften. Wir müssen deshalb vielmehr von vornherein Fragen einbeziehen wie: Wer profitiert von den Maßnahmen? Wer könnte sich ausgeschlossen fühlen? Gibt es historische Spannungen zwischen Dörfern, ethnischen Gruppen oder religiösen Gemeinschaften? In der Vergangenheit gab es immer wieder gut gemeinte Entwicklungsprojekte, die Konflikte letztlich nur verschärft haben und zu Frustration, Konkurrenz und im schlimmsten Fall Gewalt geführt haben. Der Nexus setzt genau da an und postuliert: Frieden ist kein Nebenprodukt von Entwicklung, sondern ein klares Ziel.

Lässt sich das erreichen, wenn man die Konfliktgruppen an einen Tisch bringt?

Es ist viel mehr als das. Lange hat sich ein recht enges Verständnis von Frieden verbreitet, das ihn vor allem als Abwesenheit von Gewalt sieht, also ein Waffenstillstand oder auch ein Abkommen zwischen Eliten. Mittlerweile wurde für viele Akteure deutlich, dass zu Frieden noch mehr gehört und er damit nicht einfach komplett „erreicht“ ist. Dabei muss man auch langfristig Einstellungen, Vorurteile und Handlungsmuster der Bevölkerung adressieren – letztlich Maßnahmen für die Prävention von Gewalteskalation. Das kann etwa bedeuten, einen Dialog zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf lokaler Ebene anzuregen, sei es zwischen Generationen, Frauen und Männern oder Ethnien. Es bedeutet auch, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich wieder als Teil einer Gemeinschaft betrachten – manchmal ganz banal über gemeinsame Aktivitäten oder religiöse Praktiken. Es geht in gewisser Weise also um das „kleine P“, die alltägliche Friedensarbeit.

Womit wir wieder bei der Dreiteilung wären. Die allermeisten Organisationen haben ihren Schwerpunkt auf einem dieser Bereiche. Wenn im Nexus nun alles zusammengedacht wird, sollte dann nicht auch alles „aus einer Hand“ ausgeführt werden?

Das lässt sich nicht so pauschal sagen. Theoretisch klingt es erst mal gut, wenn eine einzige Organisation, noch dazu eine lokale, jeden dieser Schritte übernimmt. Praktisch ist das aber nur selten realistisch. Die meisten Organisationen haben allein schon historisch betrachtet ein klares Mandat und auch dafür das Vertrauen in der Bevölkerung vor Ort. Es gibt auch ein paar Organisationen wie die Caritas, die in Ländern wie Burkina Faso oder Äthiopien versuchen, alle drei Elemente strategisch zusammenzudenken. Das sind spannende Beispiele, aber sie erfordern große Kapazitäten. In vielen Kontexten ist es sinnvoller, wenn unterschiedliche Organisationen mit unterschiedlichen Expertisen zusammenarbeiten – vorausgesetzt, sie tun das strategisch koordiniert. Gerade lokale Akteure spielen dabei eine zentrale Rolle, weil sie die lokalen Gegebenheiten kennen und oft mehrere Ebenen gleichzeitig im Blick haben. Die Herausforderung ist, die Zusammenarbeit so zu gestalten, dass das gemeinsame Projekt kein starres Konstrukt bleibt, sondern auf Entwicklungen reagieren kann. Auch das ist etwas, was der Nexus sichtbar gemacht hat – selbst wenn die Umsetzung noch schwierig ist.

Worin liegen die Schwierigkeiten?

Nun, es mangelt häufig noch an der Flexibilität, die der Nexus-Ansatz bräuchte, um auch wirklich wirksam zu sein – und zwar nicht nur in der Umsetzung, sondern bereits im Projektdesign. Das zeigt sich zum Beispiel in den Förderlogiken vieler Geberinstitutionen. Auch wenn der HDP-Nexus, wie eingangs erwähnt, in den Ausschreibungen großer Geber mittlerweile eine bedeutende Rolle spielt, bleiben die Vorgaben für den Ablauf eines Projekts recht rigide. In Krisenlagen und allgemein fragilen Kontexten ändern sich Situationen aber schnell, sei es aufgrund der Dynamik eines Konflikts, der Sicherheitslage oder von politischen Rahmenbedingungen. Ein Nexus-Vorhaben müsste darauf ebenso schnell reagieren können.

Was bedeutet das konkret?

Etwa, dass Gelder schnell umgeschichtet werden können oder auch der gesamte Fokus des Projekts umgeschwenkt werden kann, auch wenn er unter der vorherigen Ausgangslage noch anderswo lag. Tatsächlich aber ist es sowohl für lokale als auch für internationale Akteure noch immer sehr bürokratisch, Änderungen zu beantragen und innerhalb von Wochen oder Monaten die Ausrichtung eines Projekts anzupassen. Im schlimmsten Fall kollabiert so der gesamte Nexus-Ansatz in einer Region: Die Arbeit der Akteure geht dann wieder überwiegend ins Reagieren über, wo sie eigentlich im strategischen Handeln bleiben müsste. So war es etwa in Haiti oder Myanmar. Dort waren humanitäre Organisationen, Entwicklungsprojekte und UN-Missionen zeitweise sehr präsent – eigentlich ideale Voraussetzungen für die Nexus-Arbeit. In der Praxis aber haben viele Akteure zu sehr in „Silos“ nebeneinanderher gearbeitet, statt aufeinander einzugehen. Auch gibt es hier oft Hierarchien und Konkurrenz untereinander; helfen würde v. a. eine Anerkennung der Arbeit lokaler Organisationen, beispielsweise über feste Anteile von HDP-Nexus-Programmfinanzierung. Als sich die Situation wieder verschlechterte und Organisationen das Land verließen, wurde kaum strategisch nachjustiert: Was braucht es jetzt am dringendsten? Wer kann etwas auffangen? Das zeigt, wie wenig anpassungsfähig das Konstrukt noch ist, wenn es nicht von vornherein flexibel gehalten wird.

Wie ließe sich das – abgesehen von flexiblerer Finanzierung – ändern? 

Es braucht Räume, in denen offen über Fehler und gescheiterte Maßnahmen gesprochen werden kann, ohne etwas befürchten zu müssen. Viel zu oft werden Projekte intern wie extern danach beurteilt, ob sie die am Anfang gesteckten Ziele erreichen, obwohl sich die Ausgangslage womöglich stark verändert hat und ganz andere Ziele im Vordergrund stehen müssten. Zusätzlich gibt es die Tendenz, der sogenannten „Sunk Cost Fallacy“ zu verfallen: also trotz veränderter Ausgangslage so weiterzumachen wie bisher – weil man ja schon so viel investiert habe und ein Umschwenken einem Neuanfang gleichkäme. Auch hier geht es also wieder um die Flexibilität, umdenken zu können. Friedensarbeit ist eben langwierig und schwer messbar. Vieles funktioniert nicht – oder zumindest nicht so, wie man es geplant hat. 

Katharina Valjak ist Friedensreferentin bei Misereor. Sie arbeitet zu Konflikttransformation, Friedensförderung und der Verzahnung von Entwicklungszusammenarbeit, humanitärer Hilfe und Frieden, insbesondere in fragilen Kontexten.
katharina.valjak@misereor.de 

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Die Familie Baghdasaryan wurde 2023 aus ihrer Heimat Bergkarabach vertrieben. Heute lebt sie in Yeghegnadzor im Süden Armeniens.

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