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Sommer-Special

Iranische Blutsaugerin

von Eva-Maria Verfürth

In Kürze

A girl walks home alone at night: Die Vampirfrau von Bad City ist nachts immer allein unterwegs.

A girl walks home alone at night: Die Vampirfrau von Bad City ist nachts immer allein unterwegs.

Alles, was im Iran nicht erlaubt ist, geht in diesem Film: Drogen, westliche Musik, Prostitution und eine Frau nachts allein auf der Straße – noch dazu als skateboardfahrende Vampirin im Tschador. In ihrem Fantasy-Stück „A girl walks home alone at night“ stellt Ana Lily Amirpour alles auf den Kopf, was Iran heute ausmacht. Das ist für sie kein Problem – denn der oft als „erster iranischer Vampirfilm“ betitelte Kinostreifen stammt aus den USA.

Wer diesen Film gesehen hat, dem wird stets das Bild der Hauptperson vor Augen sein, wie sie durch die Straßen von Bad City gleitet. Gehüllt in einen Tschador, flattert die junge Hipster-Vampirin auf einem Skateboard durch die pechschwarze Nacht.

Mit diesem ungewöhnlichen Setting hat der Film bei Kritikern für Aufsehen gesorgt. Der Tschador, das zentrale Objekt im Film, ist eigentlich die politisch korrekte Bekleidung für iranische Frauen – ein schwarzes Tuch, das sämtliche Körperformen verhüllen soll. Der Film ist künstlerisch in Schwarzweiß gehalten, kommt mit wenig Worten aus, präsentiert dafür aber viel Musik und atmosphärische Bilder.

Die Handlung spielt in einer fiktiven iranischen Stadt, genannt „Bad City“, die vom Verbrechen beherrscht wird. Dort leben Arash, sein drogenabhängiger Vater sowie eine mysteriöse junge Frau. Letztere tanzt zu Hause gerne zu persischsprachiger Pop- und Elektromusik und verwandelt sich nachts in eine Vampirfrau, die Einwohner verfolgt und ihr Blut trinkt. Auch Arash trifft nachts auf das geheimnisvoll verhüllte Mädchen. Doch er wird nicht gebissen – stattdessen entwickelt sich langsam eine Liebesgeschichte zwischen ihm und der Vampirfrau.

„A girl walks home alone at night“ ist in persischer Sprache aufgenommen, und die Rollen sind mit iranischen Darstellern besetzt. Gedreht wurde allerdings in Kalifornien, die Musik ist an US-Western angelehnt, und auch sonst erinnert wenig an den wirklichen Iran. Die Regisseurin Ana Lily Amirpour sprach auch nie von einer politischen Botschaft hinter ihrem Werk. „A girl walks home alone at night“ ist vielmehr das Kunstprojekt einer Tochter iranischer Eltern, die selbst nie im Iran gelebt hat.

Genau deshalb regt der Film aber zum Nachdenken an. Er ist ein verrücktes Spiel mit Bildern und Musik aus unterschiedlichen Kulturkreisen, das alles Gewohnte auf den Kopf stellt. Während in Europa und den USA beispielsweise die islamische Kopfbedeckung in den letzten Jahren zum Reizthema geworden ist und während der Tschador im Iran das Symbol der entrechteten Frauen ist, kann Amirpour ihm all diese Bedeutungsschwere nehmen und genau das daraus machen, was es ist: ein nahezu formloses schwarzes Laken, das genauso gut ein Vampirumhang sein könnte.

Die Reaktionen auf den Film reichen von „politisch“ und „feministisch“ bis „inhaltsleer“, von „erster iranischer Vampir-Western“ bis zu „westliche Popkultur in persischer Sprache“, von „großer Kunst“ zu „nichts davon ist richtig originell“. Die Faszination des Films liegt genau zwischen diesen Extremen.

Vielleicht ist die Abwesenheit einer eindeutigen politischen Botschaft gerade die Besonderheit des Films. Filme über den Iran, gerade aus den USA, haben für gewöhnlich immer auch einen politisch-gesellschaftlichen Hintergrund. Die Hauptdarstellerin Sheila Vand beispielsweise bedauert, dass die Rollen für Iraner in den USA immer das Iraner-Sein problematisierten. Dieser Film hingegen ist anders: Wer mag, kann darin viel politische oder feministische Andeutungen finden. Wer mag, kann aber auch einfach einen gut­gemachten Arthouse-Film genießen.

Vielleicht ist auch gerade die Tatsache, dass es eindeutig ein Diaspora-Film ist, das Authentische daran. Zuschauer beschwerten sich, dass die persische Sprache im Film eindeutig US-amerikanisch geprägt sei. Das ist wenig erstaunlich und auch nicht anders gewollt: Amirpour sagt im Interview selbst, dass es ihr nicht leichtgefallen sei, ein Drehbuch auf Farsi zu schreiben. Und vielleicht ist es auch gerade die Tatsache, dass hier Stilmittel aus altbekannten Filmen mit völlig neuen und scheinbar unpassenden Bildern und Ideen gepaart werden, die ihn zu großer Kunst machen.

„A girl walks home alone at night“ ist allen zu empfehlen, die einen von Grund auf überraschenden und unerwarteten Film aus der iranischen US-Diaspora sehen möchten. Amirpour deutete in Interviews an, dass die Vampirin sie selbst darstelle – in ihrer Einsamkeit und Heimatlosigkeit, aber auch in ihrer Verwurzelung in der westlichen Popkultur. Bad City steht dabei für alles, was sie im Iran nicht sein dürfte. Doch genau hier, in diesem iranisch-amerikanischen Hybrid, findet sie die Liebe.


Film
A girl walks home alone at night, 2014, USA,
Regisseurin: Ana Lily Amirpour

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