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Gesundheitsgefahren

In Pakistan gefährden Toxine vor allem die Armen

von Imran Mukhtar

Hintergrund

Mittellose Frau sortiert Plastikmüll auf einer Straße in Karachi.

Mittellose Frau sortiert Plastikmüll auf einer Straße in Karachi.

In Pakistan gibt es Gesetze zur Kontrolle der Umweltverschmutzung, doch sie werden kaum umgesetzt. Die Bevölkerung ist vielen chemischen Gesundheitsgefahren ausgesetzt.

Die Industrialisierung in Pakistan nimmt zu, und der Konsum steigt. Negative Folgen sind chemische Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden. Besonders betroffen sind Orte, an denen arme Menschen leben.

Manchmal sind die Auswirkungen deutlich sichtbar. Bei einem Unfall in Karachi, der bevölkerungsreichsten Stadt Pakistans, starben im Februar 2020 mindestens 14 Menschen. Dutzende Überlebende kamen in örtliche Kliniken bei Keamari, einer Stadt nahe dem größten Handelshafen des südasiatischen Landes. Weil dort die Luft mit Chemikalien verunreinigt war, bekamen viele Patienten Brustschmerzen, Augenbrennen und Atemnot.

Durch Chemikalien verursachte gesundheitliche Probleme sind nicht immer leicht zu erkennen. Wer etwa aufgrund städtischer Luftverschmutzung krank wird, kann das oft nicht klar darauf zurückführen, obwohl bekannt ist, dass Stadtluft verschiedene Gifte enthält. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) verursacht verpestete Luft jährlich 22 000 vorzeitige Todesfälle. In dem Land mit 220 Millionen Einwohnern gibt es laut der UN-Agentur jährlich 40 Millionen Fälle von akuten Atemwegserkrankungen.


Quellen chemischer Verunreinigung

Teil des Problems ist die ständig wachsende Anzahl motorisierter Fahrzeuge. Laut Weltbank gab es in den zwei Jahrzehnten bis 2012 einen mehr als fünffachen Anstieg auf 10,6 Millionen Fahrzeuge – und das Wachstum hält unvermindert an. Auch schädliche Anbaupraktiken (siehe meinen Kommentar in der Debatte des E+Z/D+C e-Paper 2021/01) und Kohlekraftwerke spielen eine Rolle wie auch Luftverschmutzung durch Industrie und Kleinproduktion sowie das Verbrennen von Plastikmüll. Staatliche Stellen sind überfordert, unfähig – und vielleicht auch nicht gewillt –, alle Quellen der Verunreinigung zu erfassen.

Da Plastikmüll, industrielle Abwässer und Mülldeponien nicht angemessen kontrolliert werden, sind auch Wasser und Böden stark verseucht. Auch der Einsatz von Pestiziden und chemischem Dünger ist bedenklich.

In Pakistan ist gewissermaßen jeder diesen Risiken ausgesetzt, doch die Armen leiden besonders. In Großstädten lebt mehr als die Hälfte der Menschen in informellen Siedlungen ohne angemessene Infrastruktur. Es gibt meist keine unterirdische Kanalisation, und die städtischen Dienste ignorieren sie gern. Die Slums liegen häufig in der Nähe von Fabriken. Der Rauch von Feuerstellen zum Kochen, herumliegender Müll und unzureichende Abwasserentsorgung verschlimmern die Lage.

Mikropartikel und andere Plastikrückstände verunreinigen vielerorts das frische Grundwasser (siehe Sabine Balk im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Papers 2021/03). Auch Chemikalien wie Farben können schädlich sein.


Plastikmüll

Zudem ist Plastikmüll – auch Tüten, Flaschen und Verpackungen – allgegenwärtig. Riesige Teile verstopfen offene Abflüsse und Kanalisation. Auf Müllkippen wird dieser Müll oft verbrannt. Der Rauch ist eine Mixtur verschiedener Giftstoffe. Auch andernorts gibt es solche Feuer, manche ungewollt, andere absichtlich entzündet. Meist haben arme Leute nichts anderes, um Feuer zu machen. Ein Viertel der Menschen in Pakistan lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Die internationale Nichtregierungsorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) schätzt, dass in Pakistan jährlich 55 Milliarden Plastiktüten verwendet werden und dass der Verbrauch jährlich um 15 Prozent ansteigt. Bislang gibt es selbst im urbanen Raum kein formales System, um Plastikmüll zu sammeln und zu recyclen. Müllsammler holen verwendbare Teile von den Müllkippen und verkaufen sie. Der Rest wird verbrannt oder vermüllt die Umwelt dauerhaft.

Laut dem Regierungsbericht Economic Survey of Pakistan 2019-2020 wird das meiste Plastik im Jahr der Herstellung wieder weggeworfen. Das schädigt die Ozeane, Menschen, Flora und Fauna sowie die Umwelt allgemein. Landes- und Provinzregierungen haben Gesetze und Verordnungen dagegen erlassen, setzen sie aber nicht effektiv um.

Allerdings ändert sich das Verhalten mancherorts auch. So bevorzugen wohlhabende Kunden in exklusiveren Läden inzwischen kompostierbare Tüten. Da Plastiktüten billiger sind, nutzen die Ärmeren sie aber weiterhin.


Umweltverschmutzende Branchen

Industrielle Verschmutzung ist ein großes Problem. Es gibt verschiedene Industriezonen mit großen, mittleren und kleinen Produktionsstätten. Großfabriken sind formell registriert, die kleineren Betriebe entziehen sich aber weitgehend staatlicher Aufsicht. Egal wie groß die Betriebe sind, für viele industrielle Prozesse werden oft gefährliche Chemikalien genutzt. Entsprechend schmutzig sind Dämpfe und Abwasser, wogegen die Behörden aber nicht vorgehen.

Zudem nutzt die Landwirtschaft gern nährstoffreiches kommunales Abwasser, besonders für den Gemüseanbau am Stadtrand. Was weder Bauern noch Konsumenten erkennen können, ist, dass das Abwasser mit Schwermetallen und anderen Giften belastet ist. Somit schadet gesund aussehendes Gemüse womöglich der Gesundheit. Darüber hinaus wird auf diesem Weg das Grundwasser verseucht.

Laut Gesetz muss die Industrie Luftfilter und Kläranlagen einsetzen. Theoretisch gibt es harte Strafen. Praktisch jedoch werden die Gesetze nicht durchgesetzt, die Behörden zeigen wenig Interesse daran. 2019 erklärte eine Gruppe von Umweltforschern (Mahmood, 2019): „Keine Behörde in Pakistan hat bisher ernsthaft versucht, die genaue Beschaffenheit und Konzentrationen der Schadstoffe in den Abwässern aus den verschiedenen Industriegebieten zu bestimmen.“

Viele kleine Gerbereien arbeiten in der Industriestadt Sialkot im östlichen Punjab weiter ohne jegliche Abwasserreinigung. Ähnlich sieht es in Faisalabad aus, der Hochburg der Textilindustrie des Landes. Viele Produktionsstätten liegen dort in Wohngegenden und arbeiten ebenfalls ohne Kläranlagen.


Die SDG-Herausforderung

Vielleicht hängt das mangelnde offizielle Interesse an chemischer Verschmutzung damit zusammen, dass es noch eine schlimmere Verschmutzung gibt: Laut Wissenschaftlern (Ali et al, 2017) sind 80 Prozent des Trinkwassers der Pakistaner durch Fäkalien verunreinigt, was aus mangelnder Abwasserentsorgung resultiert. Pakistan ist internationale Verpflichtungen eingegangen, auch im Zusammenhang mit den Nachhaltigkeits-Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals – SDGs), worin gute Abwasserentsorgung und sauberes Trinkwasser auf der Agenda steht. Um das zu erreichen, müssen Regierungen mehr politischen Willen aufbringen als bisher und ihre Behörden effizienter arbeiten lassen.


Links

Mahmood, Q., et al, 2019: Chemical pollutants from an industrial estate in Pakistan. In: Applied Water Science 9:47.
https://www.researchgate.net/publication/331854658_Chemical_pollutants_from_an_industrial_estate_in_Pakistan_a_threat_to_environmental_sustainability

Ali, S., et al, 2017: Drinking water quality status and contamination in Pakistan. In: BioMed Research International, 8:14.
https://www.hindawi.com/journals/bmri/2017/7908183/#introduction


Imran Mukhtar ist Journalist in Islamabad.
[email protected]
Twitter: @imranmukhtar

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