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Privatwirtschaft

Potenziale nutzen

von Ipsita Sapra

Hintergrund

Screenshot: Mirakle Couriers ist ein Botenservicein Mumbai, der nur mit tauben Angestellten arbeitet.  http://www.miraklecouriers.com/riers in Mumbai is a messenger service that relies on deaf workers.

Screenshot: Mirakle Couriers ist ein Botenservicein Mumbai, der nur mit tauben Angestellten arbeitet. http://www.miraklecouriers.com/riers in Mumbai is a messenger service that relies on deaf workers.

In Indien haben Menschen mit Behinderungen in der Regel wenig Chancen. Die meisten leben in bitterer Armut. Nun beginnen große Unternehmen – sowohl im öffentlichen wie auch im privaten Sektor – umzudenken. Es gibt gute wirtschaftliche Gründe, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen.

Im Alter von zwei Jahren erkrankte Ranjana Ghosh an Kinderlähmung. Als Folge dessen konnte sie später nicht zur Schule gehen. Diese war zu weit von ihrem Elternhaus in Gabberai in Westbangalen weg und auch nicht für behinderte Kinder ausgestattet. Da sie aber zum Familieneinkommen beitragen musste, absolvierte sie eine Ausbildung für maschinelles Stricken. Als sie diese beendet hatte, besaß sie zwar ein Zertifikat, aber sie hatte keine Möglichkeit, damit Geld zu verdienen. Denn sie hatte weder eine Strickmaschine, noch Wolle und schon gar kein Geld um zu Investieren. Die fertige Strickware hätte sie auch nur schwer verkaufen können. Also waren die neuen Fähigkeiten kaum von Nutzen.

Ranjana ist nicht die Einzige, der es nach einer abgeschlossenen Ausbildung so geht. In Indien leben mehr als 21 Millionen Menschen mit Behinderungen (MmB), davon sind fünf bis 5,5 Millionen zwischen zwölf und 24 Jahre alt. Die meisten Schulen sind nicht für sie ausgestattet und die meisten Lehrer nicht dafür ausgebildet, Kinder mit speziellen Bedürfnissen zu unterrichten. Deswegen bleibt den meisten Betroffenen das Schulsystem verwehrt. Der Großteil von ihnen lebt im ländlichen Raum, wie 70 Prozent der indischen Bevölkerung.

Angesichts des beschränkten Zugangs zu Schulbildung ist den MmB klar, wie wichtig eine Berufsausbildung für sie ist. Sie müssen ein Handwerk erlernen, um Arbeit zu finden. Aber viele Ausbildungsprogramme sind nicht gut durchdacht. Zum Beispiel befinden sich die staatlichen Einrichtungen in den Städten und die meisten Menschen auf dem Land kennen sie nicht (siehe Kasten).

 

Ermutigende Beispiele

 

Aber es gibt einen Silberstreifen am Horizont. Manche Initiativen unterstützen im Rahmen der Corporate Social Responsibility (CSR) Menschen mit Behinderungen. Eine Handvoll indischer Unternehmen wie die Tata-Gruppe, das ITC-Konglomerat sowie multinationale Firmen wie IBM und Kentucky Fried Chicken haben sich verpflichtet, MmB auszubilden und einzustellen.

Ein anderes ermutigendes Beispiel ist Mirakle Couriers. Diese profitorientierte Firma aus Mumbai beschäftigt ausschließlich Hör- und Sprach-Beeinträchtigte in ihrem Kurierdienst. Ähnlich ist es bei Revive Enterprises in Mumbai, wo sowohl im Innen- wie im Außendienst nur sehbehinderte Personen eingestellt werden. Revive verleiht Lautsprecher sowie Ton- und Lichtanlagen.

Einige Unternehmen beschäftigen sogar Menschen mit Behinderungen in höheren Positionen. Bei IBM India arbeiten MmB im Projektmanagement, beim Programmieren, in der Beratung, in der Abwicklung, in der Qualitätskontrolle und in der Personalabteilung. ITC beschäftigt MmB in seinen Hotels in Schlüsselpositionen wie Finanzen und Personalabteilung ebenso wie im Zimmerservice und beim Empfang. Einige öffentliche Einrichtungen, so etwa die Elektrizitätsfirmen National Thermal Power Corporation und Bharat Heavy Electricals Limited stellen ebenso MmBs in verschiedenen Positionen an.

Industrielle Vereinigungen – vor allem die National Association of Software and Services Companies (NASSCOM) – setzen sich auch für Ausbildungs- und Arbeitsplatzbeschaffung ein. 2009 stellte die NASSCOM-Foundation ein Mentorenprojekt zur besseren Inklusion von MmB in IT-Firmen vor.

Andere Initiativen zivilgesellschaftlicher Organisationen (siehe Liste am Ende des Essays) zielen auch darauf ab, die Privatunternehmen vom wirtschaftlichen Nutzen von MmB zu überzeugen. Besonders für arme behinderte Menschen ist das unternehmerische Risiko der Selbstständigkeit zu groß. Deshalb macht es Sinn, sie in den handwerklichen Fähigkeiten, die der Arbeitsmarkt braucht, zu schulen. Dies hat zwei Vorteile:

- einerseits werden Arbeitskräfte mit Fähigkeiten ausgebildet, die Unternehmen benötigen und

- andererseits bringt es Arbeitgeber auf die Idee, MmB zu beschäftigen.

 

Neue Ausbildungskurse konzentrieren sich auf die wachsenden Sektoren Gastronomie und Einzelhandel. Sie vermitteln Kernkompetenzen wie einfache Computerkenntnisse, umgangssprachliches Englisch, Grundkenntnisse der Buchhaltung, Umgangsformen mit Kunden und so weiter. Gleichzeitig werden Verantwortliche in den Unternehmen darüber informiert, was notwendig ist, um Menschen mit speziellen Bedürfnissen zu beschäftigen. Langsam werden solche Initiativen auch auf dem Land bekannt.

 

Win-win-Situationen

 

Arbeitsplätze für Personen mit Behinderungen sind sehr wichtig. Viele Familien betrachten ihre beeinträchtigten Angehörigen als Belastung. Wenn die betreffenden Leute gute Arbeit finden, können sie oft ihre gesamte Familie aus der Armut befreien.

Für eine aktive Teilhabe von MmB am Arbeitsmarkt ist es auch wichtig, dass Arbeitgeber sich nicht als gönnerhafte Wohltäter verstehen, sondern erkennen, dass MmB gut für ihr Geschäft sind. Unternehmen profitieren von kompetenten Mitarbeitern mit Behinderungen, wenn die betreffenden Personen über die Fähigkeiten verfügen, die die Firmen benötigen. Darüber hinaus wirkt sich eine vielfältige Belegschaft positiv auf das öffentliche Bild des Unternehmens aus.

Das große Problem ist weiterhin, dass es zu wenig Engagement dieser Art gibt. Die genannten Beispiele bringen nicht mal ein Prozent von Indiens Menschen mit Behinderungen in Lohn und Brot. Die meisten Unternehmen sind bisher noch nicht davon überzeugt, MmB einzustellen. Sie investieren weder in ihre Ausbildung, noch verändern sie ihre Arbeitsplätze dahingehend, dass Personen mit speziellen Bedürfnissen dort arbeiten könnten.

Der Anteil von MmB in Führungspositionen ist minimal und fast alle formalen Arbeitsplätze befinden sich in den Städten. Da die meisten MmB nur eingeschränkten Zugang zu Schulbildung und ein entsprechend niedriges Ausbildungsniveau haben, sind die meisten von ihnen nur auf unteren Ebenen beschäftigt. Hinzu kommt eine Geschlechterungleichheit. Frauen sind in der Regel von Trainingsprogrammen der Industrie ausgeschlossen. Es gibt zwar erfolgreiche Gegenmodelle, aber diese sind rühmliche Ausnahmen.

 

 

Wissensgesellschaft

 

Es ist hilfreich, dass die Politiker Indien in eine Wissensgesellschaft verwandeln wollen. Indien hat die jüngsten Arbeitskräfte der Welt. Das Durchschnittsalter ist weit unter dem von China und den OECD-Ländern. Im Jahr 2030 wird schätzungsweise die Hälfte der Bevölkerung unter 28 Jahr alt sein.

Um den Vorteil dieser jungen Bevölkerung zu nutzen, hat Indiens frühere Regierung unter Manmohan Singh von der Congress Party den Aufbau von Kompetenzen massiv gefördert. In der National Skill Development Mission sollen 500 Millionen junge Menschen ausgebildet werden. Damit soll ein Pool von Talenten aufgebaut werden, die zum Wirtschaftswachstum beitragen. Außerdem könnte der demografische Vorteil dafür genutzt werden, indische Migranten in die alternden Gesellschaften der Welt zu schicken.

Die neue indische Regierung unter Narendra Modi von der BJP sollte das Programm fortführen und explizit behinderte Personen einbeziehen und dafür finanzielle Mittel fest einplanen. Im Rahmen des Programms werden neue technische Plattformen entwickelt und diese sollten entsprechend aufgebaut sein, dass MmB Zugang haben.

Letztlich geht es um Grundlegendes – nämlich Kindern mit Behinderungen Zugang zu guter Ausbildung zu verschaffen. Indien muss in inklusive Bildung investieren, um sicherzustellen, dass Kinder mit Behinderungen zur Schule gehen können und eine vernünftige Arbeit finden.

 

Ipsita Sapra ist Soziologin am Hyderabad-Campus des Tata Institute of Social Sciences. Ihre Doktorarbeit beschäftigt sich mit jungen Menschen mit Behinderungen.

E-mail: [email protected]