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Unser Standpunkt

„Es gibt keine Gesundheit ohne ­psychische Gesundheit“

von Katja Dombrowski

Meinung

Traumatische Ereignisse führen oft zu psychischen Leiden: Vergewaltigungsopfer aus Liberia.

Traumatische Ereignisse führen oft zu psychischen Leiden: Vergewaltigungsopfer aus Liberia.

Was ist schon „normal“, was ist „verrückt“? Wo liegt die Grenze zwischen „anders“ und „krank“? Wie jemand menschliches Verhalten beurteilt, ist stark von seiner Prägung abhängig: von Kultur und Muttersprache, von gesellschaftlichen Normen und Werten. Das gilt auch für die Beurteilung psychischer Gesundheit: Von einer Störung spricht man, wenn Verhalten stark von der Norm abweicht – kein Wunder, dass keine einheitliche Definition existiert.

Um klinisch relevant zu sein, muss ein psychisches Problem mit Leiden wie Schmerzen einhergehen oder mit einer Beeinträchtigung, etwa der Arbeitsfähigkeit. Rein gesellschaftlich bedingte Probleme reichen nicht aus. Homosexualität ist keine Krankheit, denn Schwule und Lesben mögen zwar in Ländern, in denen sie diskriminiert oder verfolgt werden, leiden, in toleranteren Gesellschaften aber nicht. Die Leiden und Funktionsstörungen schizophrener Menschen hingegen bestehen unabhängig von Stigmatisierung.

Die Ursachen psychischer Störungen sind nicht in Gänze bekannt und auch deshalb schwer zu fassen, weil in der Regel verschiedene Faktoren zusammenspielen. Dazu gehören biologische und soziale Faktoren, familiäre Bedingungen und belastende Lebenserfahrungen. Selbst traumatische Ereignisse oder schlimme Krisen müssen keine dauerhaften Folgen haben, wenn Betroffene eine gute Resilienz haben. Vorbelastete Menschen können dagegen schon von kleineren Anlässen aus der Bahn geworfen werden.

Dass kulturelle Faktoren eine Rolle spielen, wird zum Beispiel an Essstörungen deutlich: Sie treffen vor allem junge Frauen in westlichen Gesellschaften. Angststörungen treten dort vermehrt auf, wo die Belastungen hoch sind, das kann durch hohen Arbeitsdruck genauso bedingt sein wie durch Armut, Gewalt oder das Leben in der Stadt.

Psychische Störungen sind fast überall auf der Welt tabuisiert. Betroffene gelten als verhext oder besessen, oder ihnen selbst wird die Schuld an ihrem Zustand zugeschrieben. Manche psychische Leiden gehen mit starken Verhaltensauffälligkeiten einher. Dafür werden die Kranken verachtet, nicht ernst genommen, gefürchtet und gehasst. Aggressivem und unkontrolliertem Verhalten, aber auch starken Depressionen versucht man bis heute mit Elektroschocks beizukommen, und Fesseln und Schläge sind in vielen Ländern gängige Praxis. Dort, wo Geister und Dämonen, Zauberei oder göttliche Strafe zur Erklärung seelischer Leiden dienen, wird auch Heilung auf metaphysischen Wegen gesucht. Menschen vertrauen seit ehedem auf Heiler und Priester, traditionelle Riten oder Exorzismen. Die Methoden der westlichen Psychiatrie sind vielerorts ebenso wenig verbreitet wie Psychotherapie.

Psychische Störungen nehmen weltweit zu. Geheilt werden können sie meist nicht – aber therapiert. Das ist eine wichtige, entwicklungsrelevante Aufgabe: Wer psychisch belastet ist, kann seinen Alltag schlechter bewältigen als andere, was sich auf Bildung, Arbeit und Sozialleben auswirkt. Bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heißt es: „Es gibt keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit.“ Folglich schließt das dritte Sustainable Development Goal ( SDG) zu Gesundheit und Wohlergehen die psychische Gesundheit explizit mit ein. Um es zu erreichen, muss laut WHO gerade im Hinblick auf psychische Gesundheit viel mehr unternommen werden.

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