D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Klimawandel

Risikoabschätzung auf vielen Ebenen

von D+C | E+Z
Dem Klimawandel ist nicht mit einer Reihe zusätzlicher Projekte zu begegnen. Weil es in vielen gesellschaftlichen Sektoren Verwundbarkeiten gibt, ist echtes Politikmainstreaming nötig.

Da die negativen Auswirkungen des Klimawandels insbesondere die armen Weltgegenden treffen werden, gewinnen Anpassungsvorhaben an Bedeutung. Mit einer Reihe zusätzlicher entwicklungspolitischer Projekte ist es aber nicht getan, denn der Klimawandel bedroht den Erfolg vieler bestehender und bereits geplanter Vorhaben.

Das Ausmaß der Bedrohung illustrieren zwei Studien. Die Weltbank (2006: 120) schätzt, dass 25 Prozent ihrer Vorhaben ernsten Klimarisiken ausgesetzt sind. Die OECD (2005: 16) zeigt in einer Studie von sechs Ländern, dass zwischen zwölf Prozent (Tansania) und 65 Prozent (Nepal) des Mittelaufwands der öffentlichen Entwicklungshilfe (ODA) negativ vom Klimawandel betroffen sein könnten.

Nepal ist ein gutes Beispiel für die möglichen Dimensionen des Problems. Das Abschmelzen der Gletscher und die Veränderung der Niederschläge dürften dort erhebliche Auswirkungen haben. Zu erwarten sind Engpässe der Energieversorgung aus Wasserkraft, Schäden der Infrastruktur und Ertragseinbußen in der Landwirtschaft.

Entsprechend muss sich die gesamte Entwicklungspolitik auf die Anpassung an den Klimawandel einstellen. Es geht darum, absehbare Schäden zu minimieren und mögliche Chancen zu nutzen („Climate-proofing“). Die Entwicklungs- und Umweltminister der OECD-Staaten haben diese Absicht bereits entsprechend bekundet (2006: 7). Auch die Europäische Union (2004: 6f) und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ, 2007: 3) betonen die sys­tematische Berücksichtigung von Klimarisiken.

Ausgangspunkt ist selbstverständlich die Frage: Wie wird sich das Klima ändern? Die Wissenschaft bietet heute rund 20 verschiedene Modelle an, um das globale Klima vorherzusagen. Die Resultate dieser Modelle sind konsistent. Unsicherheitsfaktor Nummer eins ist aber die Menschheit. Wie viele Menschen werden im Jahr 2050 welche Mengen an Treibhausgasemissionen verursachen? Werden nur acht oder gar elf Milliarden die Erde bevölkern? Wird sich ihr Energieverbrauch dem heutigen Schnitt der Industrieländer annähern oder auf niedrigerem Niveau einpendeln?

Wegen solcher Ungewissheiten kann die Klimaforschung keine exakten Daten liefern. Die Prognose des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) lautet deshalb, die globale Temperatur werde – je nach Ausmaß der Emissionen – in diesem Jahrhundert zwischen 1,8 und 4,0 Grad Celsius zunehmen.

Selbstverständlich bringen globale Prognosen für konkrete Projekte relativ wenig. Die Wissenschaft bietet jedoch zunehmend präziser werdende regionale Daten an, so dass auch die Anfälligkeitsanalysen genauer werden. Um besser nutzbare Informationen zu bekommen, müssen die Forschung in Entwicklungsländern und die Kooperation von Entwicklungszusammen­arbeit und Wissenschaft verstärkt werden.


Unabweisbarer Handlungsbedarf

Eine gewisse Rest-Unsicherheit wird immer bleiben. Aber die Trends und Dimensionen des Wandels sind bekannt – und das gilt auch für ihre gesellschaftlichen Folgen. Die hohen erwarteten Schäden gebieten, rechtzeitig und angemessen auf den Klimawandel zu reagieren. Das berührt die Verfahren und Abläufe entwick­lungspolitischer Institutionen, vor allem aber brauchen deren Partner in den Zielländern Entscheidungshilfen. Die GTZ wird deshalb im Auftrag des BMZ unter anderem das indische Umweltministerium beim Climate-proofing großer Investitionsprogramme im ländlichen Raum beraten.

Klimawandel muss bei der Risikobewertung aller Vorhaben in besonders betroffenen Sektoren und Regionen berücksichtigt werden. Selbstverständlich sind in der Landwirtschaft oder im Küstenschutz drastischere Konsequenzen zu erwarten als bei der Justiz­reform. Klar ist zudem, dass die Instrumente des Climate-proof­ing einfach sein sollten. Auch Nicht-Experten müssen Klimarisiken einschätzen können. Dafür müssen die vorhandenen Informationen benutzergerecht aufbereitet werden. Wichtig ist die richtige Balance zwischen einfacher Darstellung und Glaubwürdigkeit.

Als wichtige Hilfsmittel können sich auf mittlere Sicht standardisierte Instrumente erweisen. Verschiedene Geberinstitutionen arbeiten an praktikablen Verfahren – nicht zuletzt, um ihr eigenes Portfolio zu prüfen. Sie tauschen sich in einer OECD-Arbeitsgruppe aus. Die meisten Instrumente befinden sich allerdings noch im Pilotstadium. Relevante Vorschläge wurden im April auf dem Workshop des „Linking Climate Adaptation Network“ in Genf diskutiert.

Als viel versprechend gilt die Idee von Klimarisikokarten. Sie zeigen für jedes Projektgebiet die aggregierten Gefahren an und erleichtern damit Planung und Entscheidungen. Wo große Risiken bestehen, müssen sie im zweiten Schritt genau analysiert werden, was zur Modifikation der Vorhaben führen dürfte. Sinnvoll wäre sicherlich auch, klimaunabhängige Risiken (Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis et cetera) mit zu erfassen, um Doppelarbeit zu vermeiden.

Bei der Detailprüfung geht es darum, die Verwundbarkeiten genau zu analysieren. Schließlich führt nicht jedes extreme Klimaereignis zu einer Katastrophe. Nur dort, wo Menschen Wissen, Mittel und Möglichkeiten fehlen, sich auf Stürme, Fluten und dergleichen vorzubereiten, sind sie den Naturgewalten ohnmächtig ausgesetzt. Dass nicht alle Menschen im selben Maße vulnerabel sind, zeigt ein einfaches Beispiel: Der Meeresspiegel wird in den Niederlanden ebenso wie in Bangladesch steigen. Aber anders als die Holländer verfügen die Bengalen nicht über die nötigen Ressourcen, um sich zu schützen.

Ist die Verwundbarkeit gegenüber dem Klimawandel erfasst, können Schritte zur Anpassung geprüft werden. Sinnvoll könnte gegebenenfalls die Umstellung auf Nutzpflanzen sein, die Trockenheit besser ertragen. Jedenfalls müssen Infrastrukturen auf zu erwartende Ereignisse ausgelegt werden. Unter Umständen sollten bestimmte Projekte auch gar nicht mehr unterstützt werden: Der Bau von Wasserkraftwerken ist beispielsweise sinnlos, wenn Gletscherschmelze die kontinuierliche Wasserverfügbarkeit in Frage stellt.

Die Erfahrung lehrt, dass rein formale Mainstreaming-Vorgaben oft wirkungslos bleiben. Nötig sind praktische Handreichungen und Instrumente. Vor allem aber dürfen sich Geber wie Empfänger nicht mit Anpassungsmaßnahmen begnügen. Wir haben es immer noch in der Hand, das Ausmaß des Klimawandels zu beeinflussen. Analog zum Verfahren für Klimarisiken sollten deshalb auch Minderungspotenziale von Programmen im Portfolio systematisch analysiert und integriert werden.