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Pflanzenzüchtung

Stolze länd­liche Gemeinschaften

von Yoya Doctor
Village women can make a difference: participants in a farmer field school hosted by SEARICE in the Philippines.

Village women can make a difference: participants in a farmer field school hosted by SEARICE in the Philippines.

In Südostasien züchten Bauern Saatgut – unterstützt von der regionalen zivil­gesellschaftlichen Organisation SEARICE. Auf Dorfebene sollen sie Fähigkeiten entwickeln, die der Nachhaltigkeit dienen. Dies ist ein gänzlich anderer Ansatz als ihn reiche Nationen verfolgen, die Züchtern Rechte am geistigen Eigentum zugestehen. Joya Doctor von SEARICE erläutert die Arbeit der NRO. Von Joya Doctor

Im Januar war die Lebensmittelverseuchung mit Dioxin ein großes Thema in Deutschland. Einige asiatische Länder importierten kein deutsches Fleisch mehr. Ähnlich war die Lage 2006 in den USA, nachdem rund 7000 Langkornreis-Anbauer Bayer CropScience vorgeworfen hatten, der gentechnisch veränderte Liberty Link Rice habe ihre Produkte kontaminiert. Daraufhin stoppte die EU den Import; die Spekulationspreise fielen drastisch. Letzten Endes verurteilten US-Gerichte Bayer zu Schadensersatzzahlungen in Millionenhöhe.

Unterdessen bedroht der Biotreibstoffrausch die Nahrungssicherheit vieler Nationen. Angesichts steigender Nachfrage wurden wertvolle Böden in Asien und Afrika, auf denen zuvor Nahrungsmittel angebaut worden waren, einfach in Jatropha-, Raps- oder Palmölplantagen umgewandelt.

Der Dioxin-Skandal, das US-Reis-Debakel und die Biotreibstoffkrise haben eines gemeinsam: die Nahrungsmittelproduktion wird durch Agrarkonzerne und Agrarindustrie kontrolliert. Insbesondere die juristische und technische Kontrolle des Saatguts spielt heute eine große Rolle. Laut ETC Gruppe (2008) hatten im Jahr 2007 die zehn größten Saatguthersteller 67 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes in ihrer Hand.

Wie konnten die Konzerne so mächtig werden? Der wichtigste Schritt war die Deregulierung der Märkte. Die Unternehmen argumentieren, der Markt reguliere sich selbst, da die Käufer sorgfältig die Qualität der Produkte bewerteten und entschieden, wie viel sie für das jeweilige Produkt zu zahlen bereit sind. So gesehen ist staatliche Intervention kaum nötig. Vielleicht kann ein solches System der Selbstregulierung in Industrieländern erfolgreich sein, obwohl der Dioxinskandal in Deutschland daran zweifeln lässt. In Entwicklungsländern funktioniert Selbstregulierung sicher nicht. Viel zu häufig unterstützen die dortigen Regierungen neue Technologien durch Subventionen, wodurch die Bauern hybrides Reissaatgut oder genmanipulierte Produkte (GM-Reis) vergünstigt kaufen können.

Offensichtlich problematisch

Die Regierungen unterstützen die Interessen der Unternehmen auch durch die Vergabe exklusiver Eigentumsrechte in Form von Patenten oder Sortenschutz. Geistige Eigentumsrechte förderten Innovationen, heißt es, indem sie die kommerziellen Interessen der Erfinder schützen – also normalerweise die der Konzerne. 2007 setzte die weltweite Saatgutindustrie 22 Milliarden Dollar um, und die Unternehmen kontrollierten den Verkauf von 82 Prozent des Saatguts (ETC Group, 2008).

Geistige Eigentumsrechte gehören inzwischen zu Wirtschaftsverhandlungen dazu. Beispiele dafür sind bilaterale Handelsabkommen zwischen Japan und den Philippinen, den USA und den Philippinen, den USA und Singapur oder den USA und Marokko. Das ist kein guter Trend. In den meisten Entwicklungsländern wissen die Bauern einfach nicht, was rechtlich geschütztes Saatgut ist. Für sie ist es Teil ihrer Lebensgrundlage, Kultur und Tradition. Sie legen Saatgut zurück, nutzen es, tauschen und verkaufen es – ob es nun geschützt ist oder nicht.

Jegliche Protektion verletzt dieses traditionelle Verständnis. Das gilt für rechtlichen Schutz (Patente und Pflanzensortenschutz) genauso wie für technischen Schutz. Genetisch veränderte Organismen (GMOs) und Hybride sind typischerweise wenig fruchtbar und daher für Zuchtzwecke nicht zu gebrauchen.

Saatgutsouveränität

Statt dem Ansatz der Konzerne zu folgen, kann man auch Saatgutsouveränität als zentralen Pfeiler für Ernährungssicherung auf lokaler und nationaler Ebene sehen. Laut IAASTD (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development) werden 80 Prozent der Nahrung weltweit von Kleinbauern produziert. Jede bedeutende Entwicklungsinitiative muss daher deren Bedürfnisse berücksichtigen. SEARICE – South East Asia Regional Initiatives for Community Empowerment – tut das.Diese regionale NRO mit Sitz auf den Philippinen sieht die Dorfbewohner als wichtige Akteure beim Erhalt sicherer und zukunftsträchtiger Ernährungssysteme.

Gemeinsam mit Regierungen und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen versucht SEARICE:
– Bauern den Umgang mit Saatgut möglich zu machen,
– Kapazitäten der lokalen Institutionen zu entwickeln und
– politische Entscheidungsträger zu unterstützen.

SEARICE möchte insbesondere Wissen und Innovationssysteme der Bauern mit der formalen Wissenschaft und Forschung verknüpfen, um die nationale Forschung zu verbessern. Diese Multi-Stakeholder-Partnerschaften haben bereits einiges erreicht:
– Größere Agrarbiodiversität: Die Bauern züchten Saatgut, das ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten entspricht. Diese Sorten sind widerstandsfähig gegen Schädlinge und Krankheiten, nicht von chemischen Zugaben abhängig und werden schneller reif – Eigenschaften, die die Produktionskosten senken und die Produktivität erhöhen. In Bhutan gibt es mittlerweile 46 von Bauern gezüchtete und vom Bhutan Varietal Release Comittee anerkannte Reissorten. Zuvor hatten die Bauern nur eine Handvoll IRRI (International Rice Research Institute)-Sorten zu Verfügung. In Laos produzierten 600 Bauern innerhalb von neun Jahren 114 neue Sorten. Auf den Philippinen entwickelte das staatliche Philippine Rice Research Institute 55 Inzuchtlinien in zehn Jahren (1994 – 2004), während SEARICE-Partner in acht Jahren (1996 – 2004) 209 von den Landwirten selbst gezüchtete Sorten schufen.
– Höhere Einkommen: Die Bauern konnten ihre Ernte steigern: Von SEARICE unterstützte Farmer in Vietnam, die ihr Saatgut selbst entwickelten, konnten 1436 Dollar pro Hektar und Saison erwirtschaften. Landwirte im Mekong-Delta berichteten von 10 bis 20 Prozent höheren Erträgen als zuvor. In Bhutan hatten Bauern mindestens zehn Prozent weniger Ausgaben für Reis und Gemüse, weil sie mehr ernteten. Die Reisproduktion im Westen des Landes stieg um 57 Prozent auf 2100 Kilogramm pro Morgen, während im Osten des Landes die Maisproduktion um 62,5 Prozent auf 1600 Kilogramm anstieg. In Laos produzierte die Hälfte der Partner-Landwirte Überschüsse.
– Leichter Zugang: In den Gebieten, in denen SEARICE aktiv ist, kommen die Landwirte leicht an gutes Saatgut. Die Projektgebiete in Vietnam produzierten 4536 Tonnen Saatgut – und damit 62,33 Prozent dessen, was das Land braucht.
– Widerstandsfähigkeit angesichts des Klimawandels: SEARICE spielte eine zentrale Rolle bei der Versorgung von Bauern in der thailändischen Provinz Nan, die mitten in der Erntezeit von der schlimmsten Flut in der Geschichte der Provinz betroffen war. Laos wurde 2008 von einem Taifun heimgesucht; 65 000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche wurden geflutet, darunter 51  900 Hektar Flachland-Reisanbaugebiete. In fünf betroffenen Provinzen kauften Regierung und die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO 30 000 Kilogramm Saatgut von SEARICE-Projektpartnern, um den Bauern zu helfen.

Der wichtigste Punkt aber ist, dass die Kleinbauern ihre Sorten gezielt auf ihre spezifischen lokalen Bedürfnisse hin züchten. Sie haben ihre eigenen Auswahlkriterien und testen die Saat auf ihren eigenen Feldern. In Vietnam gibt es heute vier Sorten, die auf diese Weise entwickelt wurden und gut an saure Sulfatböden angepasst sind. Acht von Bauern gezüchtete Sorten gedeihen auf säurereichen Böden und sieben auf Salzböden.

In anderen Ländern entstanden auf diese Weise Sorten, die Dürre oder Überflutung aushalten. Andere sind für den organischen Anbau geeignet oder resistent gegen bestimmte Schädlinge. Die Fähigkeit, an spezifische lokale Bedürfnisse und ökologische Gegebenheiten angepasste Sorten zu entwickeln, ermöglicht es den Bauern, dem Klimawandel zu trotzen.

Wie wir arbeiten

SEARICE fördert die Weitergabe von Saatgut durch Tauschhandel, Biodiversitätsmessen und sogenannte „Feldschulen für Bauern“, in denen die Landwirte ihre Sorten mit anderen Bauern austauschen ­können. Politische Entscheidungsträger, Regierungsbeamte, Studenten, Lehrer, religiöse Führer und Gemeindemitglieder lernen etwas über Saatgut und die Rolle der Bauern bei der richtigen Aufbewahrung, Entwicklung und Nutzung dieser genetischen Ressourcen. SEARICE unterstützt zudem die Lagerung neuer Sorten in Saatgutclubs, Saatgutbanken und Saatgutzentren der Gemeinden, zu denen die Bauern einfachen Zugang haben.

Die Fortbildungen von SEARICE vermitteln den Bauern neues und sinnvolles Wissen und neue Fähigkeiten. Sie gewinnen dadurch an Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, weil sie wissen, dass sie ihr eigenes Schicksal verbessern und den Menschen ihrer Gemeinschaft helfen können. Viele Bauern sind inzwischen Ausbilder und/oder Führer von Bauerngruppen.

Dank SEARICE und seinen Partnern gibt es heute Tausende von Bauern, die züchten, selektieren und ausbilden und die wissen, wie man genetische Pflanzenressourcen erhält, entwickelt und nutzt. Das Beste aber ist nicht, dass einzelne Bauern ihre Fähigkeiten vertiefen konnten, sondern dass die Bauerngruppen genügend Gewicht gewonnen haben, um sich als kollektive Stimme zu organisieren und für ihre Rechte einzutreten.

Kleinbauern – Frauen wie Männer – können die Welt mit sicherer und nährstoffreicher Nahrung versorgen. Aber dafür müssen sie auf Saatgut zugreifen und es kontrollieren können. Nur so werden sie Teil einer innovativen Entwicklung hin zu sicheren lokalen Saatgutversorgungssystemen. Wenn die Politik Gesetze verabschieden würde, um die Kleinbauern zu unterstützen, gäbe es keine Dioxinbedrohung, Reisdebakel oder Biotreibstoffkrisen mehr – und letztlich auch keinen Hunger.