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Unabhängiger Journalismus

„Kluge Konditionalität“

von Madiambal Diagne
Le Quotidien ist eine senegalesische Tageszeitung, die 2003 auf den Markt gekommen ist und sich seither als eine der führenden Tageszeitungen Westafrikas etabliert hat. Gründer und Herausgeber Madiambal Diagne erläuterte Hans Dembowski, was seine Zeitung von anderen unterscheidet, und welche Rolle die Medien seiner Ansicht nach für Entwicklung spielen. [ Interview mit Madiambal Diagne ]

Kann man sagen, dass Le Quotidien die erste Zeitung mit Qualitätsanspruch im Senegal ist?
Nein, das wäre übertrieben. Aber wir legen Wert auf kompetente Mitarbeiter. Unsere starken Human Ressources sind sicherlich ein Wettbewerbsvorteil. Ich will, dass jemand für die Wirtschaftsberichterstattung verantwortlich ist, der das Fach studiert hat oder die Praxis kennt. Über Rechtsthemen berichtet jemand, der sich damit wirklich auskennt. Bildung ist eine wichtige Voraussetzung für akkurate Berichterstattung. Wir brauchen außergewöhnliche Leute für unsere Publikationen – Le Quotidien und das wöchentliche Magazin Weekend. Und da Spitzenqulität ihren Preis hat, zahlen wir konkurrenzfähige Gehälter.

Ist das der Preis für Unabhängigkeit?
In gewisser Weise ja. Ich brauche Journa­listen, die Themen beurteilen können, und ich will nicht, dass sie versucht sind, irgendwelchen anderen Interessen zu dienen. Egal, wen Sie im Senegal fragen, man wird Ihnen sagen, dass wir die Dinge so darstellen, wie sie sind. Wir haben uns diesen Ruf durch professionelle journa­listische Prinzipien erarbeitet, durch Ethik, Faktenrecherche und Einbeziehung aller relevanten Quellen. Unsere Gehaltsstruktur muss für Mitarbeiter attraktiv sein, die auch andere gut bezahlte Arbeit machen könnten – nicht nur als Journalisten.

Sie folgen also keiner parteipolitischen Ideologie?
(Lacht.) In meinen Zeitungen lese ich manchmal Meinungen, die ich nicht teile, und so muss es auch sein. Wichtig ist, dass sich Journalisten ihre Meinung auf der Basis einer ausführlichen Recherche bilden. So können wir unsere Leser davon überzeugen, dass wir unser Bestes tun, um zu verstehen, was vor sich geht.

Aber gibt es keinen Druck von Anzeigenkunden? In Deutschland stammt grob geschätzt ein Drittel der Erlöse einer Zeitung aus dem Verkauf und zwei Drittel aus dem Anzeigenverkauf.
Bei uns ist das Verhältnis umgekehrt. 60 Prozent der Einnahmen bringt der Verkauf und nur 40 Prozent kommen über Anzeigen. Wenn wir uns dem Druck der Anzeigenkunden beugen würden, könnten wir wahrscheinlich mehr Werbung platzieren. Die Regierung und Firmen des öffentlichen Sektors inserieren bisher nicht bei uns, weil ihnen unsere Unabhängigkeit nicht passt. Aber wenn wir dem Druck nachgeben würden, würde die Auflage zurückgehen. Das Verhältnis zu unseren Lesern ist die langfristige Basis unseres Geschäfts und daher wichtiger als die Maximierung der Anzeigeneinnahmen.

Haben Sie genug Anzeigen?
Nun ja, wir müssen kreativ sein. Wir haben im Senegal Kleinanzeigen eingeführt, was Einnahmen schafft. Das Ganze ist nicht einfach, insbesondere angesichts der schwachen Konjunktur wegen der globalen Finanzkrise. Wir müssen nach neuen Möglichkeiten suchen. Wenn ein Produkt nicht profitabel ist, können wir es uns nicht leisten, daran festzuhalten. Daher haben wir auch vor kurzem beschließen müssen, unser UKW-Radioprogramm einzustellen.

Was ist mit Le Quotidiens Internetseite, lohnt die sich finanziell?
Sie bringt keine großen Einnahmen, obwohl wir ein paar Anzeigen haben. Dennoch ist sie nützlich, etwa, um Leser außerhalb des Landes zu erreichen. Zudem ist sie nicht sehr teuer, da wir Inhalte nutzen, die wir sowieso für die Zeitung produzieren. Es geht also nur um die Kosten für die Einstellung ins Internet. Die Internetseite exis­tiert seit Gründung der Zeitung 2003.

Denken Sie strategisch über den Senegal hinaus? Ist das frankophone Afrika ihr potentieller Markt?
Gute Frage. Wir denken tatsächlich über Ausgaben des Quotidien in Mali und der Elfenbeinküste nach. Wir verhandeln mit Verlegern dort und ich denke, es könnte funktionieren.

Im Gegensatz zum Senegal oder Mali ist die Elfenbeinküste politisch fragil. Macht das soliden Journalismus nicht unmöglich? In Konfliktsituationen kann es doch schwierig werden, Quellen auf allen Seiten zu kontaktieren.
Ich kenne das Land ziemlich gut. Ich bin sicher, dass wir dort arbeiten könnten. Und L’Olymp, das Unternehmen, mit dem wir über das Joint Venture verhandeln, ist dort sehr erfolgreich.

Haben die Medien in Ländern, die von Gewalt oder gar Bürgerkrieg geplagt sind, eine besondere Verantwortung?
Gute Berichterstattung kann – und sollte – dazu beitragen, gewaltfreie Lösungen zu finden. Die Medien müssen erklären, wo die Probleme liegen, und welche Interessen die verschiedenen Parteien verfolgen. Wird das verantwortungsvoll getan, kann es helfen, Kompromisse oder gar einen Konsens zu finden. Ja, ich denke, die Medien sind relevant für das Selbstverständnis einer Nation und ihre politische Kultur. Stellen Sie sich Frankreich vor ohne Le Figaro, Le Monde und La Libération. Es wäre nicht das gleiche Land.

Aber verstärken die Medien nicht Konflikte, wenn sie Stimmungen anheizen?
Ja, das Risiko besteht. Über Missstände zu berichten, ist eine Möglichkeit, Leser zu gewinnen. Und Medien müssen sich für Dinge interessieren, die nicht gut laufen. Sie sind Wachhunde, es ist ihr Job, die Unzufriedenheit der Öffentlichkeit auszudrücken. Aber das alles muss verantwortungsbewusst geschehen, die Optionen sollten abgewogen werden, sonst können die Medien sehr destruktiv wirken.

In vielen Ländern sind die Zeitungen in der Krise. Sogar die USA diskutieren über Subventionen für die Presse. Was sagen Sie dazu?
Die Sarkozy-Regierung in Frankreich erwägt, jungen Leuten in der Oberschule ein Gratisabonnement der Zeitung ihrer Wahl anzubieten, damit sie sich angewöhnen, diese Informationsquelle zu nutzen. Das ist eine gute Idee, gerade auch, weil sie Zeitungen, die nicht auf Regierungslinie liegen, nicht benachteiligt. Das ist sinnvoll. Westliche Regierungen haben viel Geld ausgegeben, um Banken und der Autoindustrie aus der Patsche zu helfen. Es gibt keinen Grund, warum sie nicht auch das Überleben der freien Medien sichern sollten. Dies ist nicht irgendeinen Wirtschaftzweig. Unsere Branche ist für demokratische Politik und die nationale Kultur von Bedeutung. Bei Zeitungen geht es nie nur um Profitmaximierung.

Sollten die Geber Zeitungen in Entwicklungsländern unterstützen?
Ja, und dafür gibt es viele Möglichkeiten. Sie können uns etwa bei der Aus- und Fortbildung helfen, auch für Manager von Medienfirmen. Zudem können sie uns technisch unterstützen, etwa indem sie Kontakte mit Verlegern in ihrem Land herstellen, die uns ihre alten Rechner geben, die wir noch gebrauchen können. Aber am wichtigsten wäre, dass die Geber darauf bestehen, dass die Empfängerregierungen unabhängigen und kritischen Journalismus zulassen. So könnten sie leicht herausfinden, ob ein Präsident wirklich, wie versprochen, ein Krankenhaus finanziert oder stattdessen ein Flugzeug für seine eigenen Bedürfnisse kauft. Demokratie braucht Öffentlichkeit, die groß genug ist, um die Regierung zu überwachen.

Aber wäre das nicht eine Art von neo-kolonialem Imperialismus, wenn Geberregierungen sich in innenpolitische Fragen einmischen?
Entwicklungshilfe und internationale Zusammenarbeit generell sind immer an Bedingungen geknüpft. Wichtig ist, dass diese Bedingungen zu einer besseren Zukunft führen. Es ist sinnlos, Konditionalität per se zu bekämpfen. Wenn die Geberregierungen wirklich an Good Governance in Afrika interessiert sind, dann sind unabhängige Medien ihre natürlichen Verbündeten. Es wäre daher eine kluge Konditionalität, sie zu unterstützen, und das würde auch der betroffenen Gesellschaft zugute kommen. Man darf das Thema nicht unterschätzen: Die Presse ist in Afrika wirklich noch ziemlich schwach.

Inwiefern?
Zunächst kämpfen wir immer noch mit Analphabetismus, viele Menschen können gar keine Zeitung lesen. Zweitens ist der Vertrieb schwierig. Wir drucken in den großen Städten, aber es ist mühsam, das Produkt in die kleineren Städte zu bekommen – vom ländlichen Raum ganz abgesehen. Laster und Züge sind langsam, es gibt keine Fluglinien. An vielen Orten im Senegal hätten Sie großes Glück, den heutigen Quotidien abends zu erhalten, oft bekommt man ihn erst am nächsten Morgen. All das führt zu einer begrenzten Verbreitung und einer schwachen ökonomischen Basis. Niedrige Umsätze aber machen es schwer, Spitzenleute zu bekommen.

Aber sind die Zeitungen in den letzten Jahren nicht stark gewachsen? Afrika hat einen ökonomischen Auftrieb erlebt, was man immer noch an den vielen Baustellen überall in Dakar sehen kann. Auch die Alphabetisierungsrate ist gestiegen. Ich habe gehört, dass so etwas wie der Quotidien vor 20 oder sogar noch vor 15 Jahren undenkbar gewesen wäre.
Ja, die Zeitungsbranche ist gewachsen und wir sind stärker geworden. Aber man darf nicht vergessen, dass wir auf sehr niedrigem Niveau begonnen haben. Unser Land entwickelt sich und da tut auch unsere Branche. Und je besser unsere Branche sich entwickelt, desto besser kann sich das Land entwickeln. Das ist ein sich selbst verstärkender positiver Kreislauf.

Könnte nicht das Radio die Aufgaben der Presse übernehmen?
Radio ist sicher wichtig. Aber Zeitungen liefern tiefgehende Informationen. Gibt es beispielsweise einen offiziellen Bericht zu einem Regierungsskandal, würden wir ihn abdrucken, damit die Leute ihn lesen können. Diese Art der Information ist stärker als jede Radiodiskussion es je sein kann.