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Gesellschaftliche Inklusion

Wissen ist Macht

von Diana Mitlin

Meinung

Slumbewohner, die systematisch Daten über ihre informellen Siedlungen erheben, können ihre Interessen besser verteidigen. Shack/Slum Dwellers International (SDI), ein Netzwerk von Graswurzelorganisationen, treibt dieses wirkungsvolle Konzept voran.

Oft gilt Technologie als die Antwort auf alle Fragen. Gründliche Analysen zeigen aber, dass das nicht stimmt. Etwa 863 Millionen Menschen leben in informellen Siedlungen, die „Slums“ heißen. Meist haben sie kein Bleiberecht und ihnen fehlt Zugang zu wesentlichen öffentlichen Dienstleistungen. Der Bau der Infrastruktur, die sie brauchen, ist dadurch schwer durchzusetzen. Unzureichendes Wissen ist dabei ein Problem, ein weiteres ist aber, dass manche Menschen vom Ist-Zustand profitieren, denn sie verdienen Geld mit der Not anderer. Ohne Umverteilung können Städte nicht verändert werden, so dass alle Menschen ein sicheres Zuhause mit Strom- und Wasseranschluss bekommen. Der nötige politische Wille ist unverzichtbar.

Im Kampf gegen festverwurzelte Partikularinteressen hilft Information. In informellen Siedlungen erheben deshalb Graswurzelorganisationen in 33 Ländern mittlerweile systematisch relevante Daten. Sie gehören zum SDI-Netzwerk.

Die SDI-Mitglieder haben sich auf eine einheitliche Methode geeinigt. Ende März 2016 hatten sie schon Profile von 4200 informellen Siedlungen erstellt. Die Grundlage ist ein Fragebogen mit 13 Seiten, den Anwohner mit Unterstützung von Aktivisten an der Basis ausgefüllt haben. Entstanden ist so ein präzises Abbild der aktuellen Bedingungen des Armutsviertels, seiner Geschichte und seiner Gemeinschaft. Technologie ist zwar nicht die Lösung, aber sie hilft: Anwohnern wurde beigebracht, mit GPS-Geräten umzugehen, so dass sie bestehende Einrichtungen und Infrastruktur dokumentieren können.

In mehr als 100 Städten liegen nun Profile von mehr als 85 Prozent der informellen Siedlungen vor. Sie ermöglichen jeweils eine gute Übersicht über die Lebensverhältnisse in der gesamten Stadt.

Die Daten gehören der örtlichen Bevölkerung, die dadurch stärker wird. Es ist gut, wenn ein Akademiker auf „schwarze Löcher“ hinweist, wenn ein Stadtentwicklungsplan beispielsweise nur „freie Fläche“ aufzeigt, wo in Wirklichkeit viele Hütten stehen. Die Wirkung ist aber viel größer, wenn die Anwohner selbst Daten über Bevölkerungsgröße, Siedlungsalter und ihren Beitrag zum Wohlergehen der Stadt präsentieren. Diese Art von Information macht es Behörden viel schwerer, die marginalisierten Leute weiter zu ignorieren.

SDI-Präsident Jockin Arputham sagt: „Umfragen helfen Slumgemeinschaften, sich zu organisieren und mehr über ihren Wohnort zu erfahren, aber sie müssen die Verantwortung dafür selbst übernehmen.“ Der Slumbewohner aus Mumbai warnt, das sei keine technische Angelegenheit, die zivilgesellschaftlichen Aktivisten von außen überlassen werden könne.

Die SDI-Erfahrung lehrt, dass selbstorganisierte Datenerhebung indessen nicht nur Informationen für kommunale Amtsinhaber bringt. Sie beruht auf Zusammenarbeit, hilft Menschen, ihre Bedürfnisse zu verstehen, und trägt dazu bei, Prioritäten zu setzen. Die Leute gewinnen ein Gespür für ihre Geschichte, ihre Identität und ihre gemeinsamen Interessen.

Slumbewohner sind gewohnt, dass Experten kommen, Daten erheben und wieder verschwinden, ohne dass sich an den Lebensbedingungen etwas ändert. Die Datenrevolution von SDI setzt dagegen an der Basis an, und das Netzwerk will die zentrale Anlaufstelle für Daten über informelle Siedlungen werden.

Sheela Patel, die SDI-Vorstandsvorsitzende, sagt, das Ziel einer „globalen Plattform für selbsterhobene Daten aus Slums“ werde heute sehr ernst genommen. „Uns waren präzise Zahlen immer sehr wichtig“, berichtet sie, aber die Amtsträger hätten sich dafür nicht interessiert. Das sei nun anders geworden.

Entwicklungspolitischen Agencies aus aller Welt bietet die SDI-Methode die Chance, mit den Menschen aus den Armutssiedlungen Partnerschaften zu bilden. Letztlich geht es um die Chance, Städte zu bauen, in denen alle willkommen sind.


Diana Mitlin ist Principal Researcher am International Institute for Environment and Development in London.
[email protected]


Links
Arputham, J.,2016: Why we do slum profiles. IIED blog.
http://www.iied.org/why-we-do-slum-profiles
Beukes, A., 2015: Making the invisible visible – Generating data on ,slums‘ at local, city and global scales. IIED Working Paper, London: IIED.
http://pubs.iied.org/pdfs/10757IIED.pdf

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