D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

- keine -

Systemischer Rassismus

Kein Interesse am Gemeinwohl

von Hans Dembowski

Hintergrund

Mehr Vielfalt, aber auch höhere Studiengebühren: Eingangstor der University of California in Berkeley

Mehr Vielfalt, aber auch höhere Studiengebühren: Eingangstor der University of California in Berkeley

Wer über Rassismus schreibt, beschäftigt sich meist mit dem Leiden der betroffenen Bevölkerungsgruppen. Heather McGhee geht in ihrem Buch „The Sum of Us“ einen anderen Weg und zeigt, welch hohen Preis in den USA die weiße Mehrheit für systemischen Rassismus zahlt.

McGhees Kernthese ist, dass eine Gesellschaft kein gesundes Verständnis des Gemeinwohls entwickeln kann, wenn sie große Gruppen ausschließt. Als Konsequenz bleiben öffentliche Infrastruktur und Dienstleistungen schwach. Für kaufkräftige Eliten ist das kein Problem, weil sie sich selbst beschaffen können, was sie brauchen. Für die breite Mehrheit bedeuten geringe staatliche Leistungen aber hohe Belastungen im Alltag, weil Gesundheitsversorgung, Bildung und selbst der Berufsverkehr sehr teuer werden. Das betrifft in den USA nicht nur Schwarze – auch die Lebensbedingungen der Mehrheit der Weißen könnten besser sein.

Öffentliche Schwimmbäder bieten ein anschauliches Beispiel. Laut McGee überboten sich amerikanische Städte bis in die 1960er Jahren gegenseitig mit dem Bau möglichst großer und attraktiver Anlagen. Bürger waren stolz auf ihre Schwimmbäder – aber Schwarze hatten keinen Zutritt. Dann urteilten Gerichte angesichts der Bürgerrechtsbewegung, diese Diskriminierung müsse enden. Daraufhin begannen Kommunalpolitiker, Schwimmbäder zu schließen, denn das schien attraktiver, als öffentliche Bäder mit der schwarzen Minderheit zu teilen. McGhee berichtet, die Stadt Montgomery in Alabama hätte sogar den Zoo und sämtliche kommunalen Parke geschlossen. Nun hatte niemand mehr Zutritt zu den kommunalen Angeboten, die zuvor nur Schwarzen vorenthalten worden waren.

McGhee ist in einem schwarzen Stadtteil von Chicago aufgewachsen und hat den New Yorker Thinktank Demos, der sich auf Sozialpolitik und Ungleichheit konzentriert, geleitet. Ihr Buch stützt sich auf Interviews mit Menschen im ganzen Land. Die Leitfrage war: „Warum bekommen wir gute Dinge nicht?“ Tatsächlich sind öffentliche Dienstleistungen und Infrastrukturen in anderen hochentwickelten Ländern generell besser .als in den USA. Aus McGhees Sicht ist systemischer Rassismus der Grund (siehe Buchrezension im Schwerpunkt von E+Z/D+C e-Paper 2021/08).
 

Unerwünschte Nebeneffekte

Nach der Bürgerrechtsbewegung redeten konservative Politikern der weißen Mehrheit ein, soziale Sicherungssysteme dienten vor allem einer faulen Minderheit, also müssten die Staatsausgaben minimiert werden. Die Autorin belegt sorgfältig, dass solches Denken heute Politik und Gesellschaft in den USA prägt. Weil das Arbeitslosengeld besonders gering ist, treffen Jobverluste Betroffene härter als in anderen Industrieländern. Millionen von Menschen haben keine Krankenversicherung – und das gilt auch für sehr viele Weiße. Obamacare hat die Lage verbessert, aber der Anteil der Unversicherten ist immer noch höher als in anderen reichen Nationen.

Auch das öffentliche Schulwesen hat gravierende Schwächen. Staatliche Schulen werden mit kommunalen Steuern finanziert und sind in wohlhabenden, weißen Stadtteilen entsprechend gut ausgestattet. Die Grenzen reicher Schulbezirke sind aber sehr eng gezogen, sodass auch der Zugang zu guten Bildungseinrichtungen limitiert bleibt. Weniger finanzkräftige Schulbezirke versorgen dagegen viel mehr Familien. Mittelschichtsangehörige, die nicht genug Geld haben, um in einem reichen Schulbezirk zu wohnen, schicken ihre Kinder dann auf teure Privatschulen, weil sie wissen, dass die öffentlichen Schulen nicht viel taugen. Das gilt auch für schwarze Mittelschichtsangehörige.

Auch den Wohnungs- und Immobilienmarkt prägt systemischer Rassismus. Schwarze Aufsteiger erlebten immer wieder unerwünschte Nebeneffekte, wenn sie ein Haus in einem wohlhabenden Viertel kauften. Sobald sie einzogen, begannen im ganzen Viertel die Immobilienpreise zu stagnieren und dann zu fallen. Die neu Hinzugezogenen beeinträchtigten also unmittelbar das Vermögen der anderen Anwohner.


Unpersönliche Marktdynamik

McGhee dienen solche Beispiele als Beleg dafür, dass Rassismus mehr ist als eine persönliche Abneigung gegen Menschen mit anderer Hautfarbe. Auf dem Immobilienmarkt bestimmen Angebot und Nachfrage die Preise. Was einzelne Akteure über Hautfarbe denken, ist unwesentlich. Tatsächlich gibt es selbst für weiße Nachbarn, die Rassismus vehement ablehnen, handfeste Marktanreize, ihr Viertel zu verlassen, wenn dunkelhäutige Nachbarn einziehen. Deren bloße Präsenz beeinträchtigt den Wert des eigenen Hauses. Falls sie Kinder im schulpflichtigen Alter haben, sind auch mittelfristig Auswirkungen auf die Bildungsqualität zu befürchten, wenn immer mehr weiße Familien weg- und schwarze Familien zuziehen.

Ökonomisch hat der Erwerb eines Hauses eine doppelte Funktion – Wohnraum und Kapitalanlage. McGhee hält fest, dass schwarzen Leistungsträgern aber regelmäßig der Vermögenszuwachs verwehrt blieb, der normalerweise mit Immobilieninvestitionen einhergeht. Im Schnitt erwies sich der Hauskauf für weiße Familien als sehr viel bessere Investition. Konservative Politiker erklären größeren weißen Wohlstand aber mit besseren individuellen Entscheidungen, nicht mit anonymen Marktkräften.

McGhee stellt klar, dass Rassismus letztlich nur einer kleinen reichen Minderheit dient. Mittelschichtsangehörige zahlen sicherlich nicht gern Steuern, aber sie hängen von steuerfinanzierten Staatsleistungen ab. Politikkonzepte, die Staatseinnahmen und -ausgaben minimieren, tun nicht nur den Armen weh – sie machen das Alltagsleben schwerer und reduzieren Aufstiegschancen. Wo Rassismus Gesellschaften spaltet, werden solche Mittelschichtsinteressen aber politisch kaum noch artikuliert.

McGhee zufolge gelang es der US-Politik von den 1930er bis 1960er Jahren, eine breite Mittelschicht aufzubauen, wobei Schwarze allerdings ausgegrenzt blieben. Nachdem Rassentrennung politisch inakzeptabel wurde, setzten sich dann zunehmend marktradikale Konzepte durch. Deshalb wurde unter anderem die Hochschulbildung sehr teuer. Schon im 19. Jahrhundert entstanden Staatsuniversitäten, die – mit Ausnahme der schwarzen Minderheit – breiten Schichten Aufstiegschancen bieten sollten. In dem Maße, wie die Vielfalt an den öffentlichen Universitäten stieg, ging aber auch der staatliche Bildungsaufwand zurück und die Studiengebühren wurden teurer. Unabhängig von der Hautfarbe haben junge Menschen heute weniger Chancen als früher – und entsprechend werden Forderungen nach „free colleges“ beliebter.

Wo das Gemeinwohl wenig zählt, bleibt auch die Umweltpolitik unterentwickelt. Ökologischen Schäden sind, wie McGhee ausführt, vor allem sozial Benachteiligte ausgesetzt, die in der Politik kaum Gehör finden. Sie führt sogar die aktuelle republikanische Klimaleugnung auf Jahrzehnte spalterischer Strategien zurück: Von Politikern ohne Gespür für das nationale Gemeinwohl erwartet sie auch kein Engagement für das globale Gemeinwohl.


Buch
McGhee, H., 2021: The Sum of Us. New York, One World.


Hans Dembowski ist Chefredakteur von D+C Development and Cooperation / E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit.
[email protected]

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren