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Integrierte ländliche Entwicklung wird immer wichtiger

Steigende Lebensmittelpreise erfordern eher agrarpolitische als makroökonomische Anpassungen. Die Klimakrise verschärft die Herausforderungen für die Landwirtschaft.
Die Klimakrise führt weltweit zu mehr extremen Wetterlagen. Zerstörte Ernten sind die Folge. picture-alliance/REUTERS/Desire Danga Essigue Die Klimakrise führt weltweit zu mehr extremen Wetterlagen. Zerstörte Ernten sind die Folge.

Die Financial Times berichtete kürzlich, Kakao sei international so teuer wie seit vier Jahrzehnten nicht mehr und Zucker habe ein Zwölf-Jahres-Hoch erreicht. Das liege an Markterwartungen, das weltweite Angebot werde wegen Klimaveränderungen schrumpfen. Auch Kaffeepreise würden voraussichtlich von bereits hohem Niveau weiter steigen.

Niemand stirbt an zu geringer Schokoladen- oder Kaffeeeinnahme. Ver­braucher*innen in Ländern mit hohen Durchschnittseinkommen achten aber auf diese Preise, sodass ihre Inflationssorgen wachsen.

Das Hauptinstrument, das Zentralbanken zur Inflationsbegrenzung haben, sind die Leitzinsen. Lebensmittelpreise schwanken aber stark und reagieren kaum auf Zinsen. Deshalb zerbricht sich die Ökonomenzunft bei der Einschätzung von Inflationsrisiken über sie nicht den Kopf. Lebensmittelpreise sind daher eher Gegenstand der Agrarpolitik als der makroökonomischen Steuerung.

Tatsächlich hat die weltweite Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten genug Nahrung produziert, um alle Menschen zu ernähren. Dennoch bekommen rund 10 Prozent der Weltbevölkerung nicht genug zu essen. Kleinbäuerliche Familien sind von Hunger und Mangelernährung besonders betroffen. Ihre Kaufkraft – oft knapp über null – reicht nicht, also leben sie von dem, was sie selbst anbauen.

Integrierte ländliche Entwicklung

Entwicklungsfachleute diskutieren seit Jahrzehnten über ländliche Armut. Seit den 1980er-Jahren gibt es das Motto der integrierten ländlichen Entwicklung. Die Grundidee ist, mehrere Dinge zugleich zu tun. Dabei ging es – und geht es weiterhin – vor allem um:

  • bessere Unterstützung mit Rat, Produktionsmitteln und Bewässerung,
  • bessere Transportmöglichkeiten, um die Vermarktung zu erleichtern,
  • besseren Zugang zu Finanzdienstleistungen und
  • ein besseres Gesundheits- und Bildungswesen, damit Menschen Chancen ergreifen können.

Leider ist es leichter, integrierte ländliche Entwicklung zu fordern, als sie in Gang zu setzen. Synergien gibt es nur, wenn Fortschritt in einem Bereich Fortschritt in anderen Bereichen wirkungsvoll unterstützt. Angesichts der Klimakrise sind die Herausforderungen indessen noch größer geworden, denn Hilfsmittel wie Kunstdünger und Pestizide müssen – wenn überhaupt – sehr behutsam eingesetzt werden.

Trotzdem sagt die Wissenschaft, integrierte ländliche Entwicklung sei auf nachhaltige Weise möglich. Dringend nötig ist sie auch, denn die Probleme werden schnell größer werden, wenn Extremwetterlagen Ernten in mehreren der wichtigsten Produktionsgebiete weltweit gleichzeitig zunichtemachen. Dann werden Lebensmittelpreise überall extrem in die Höhe schießen, ohne dass Zentralbanken Gegenmittel hätten. Folglich haben heutige Agrarinvestitionen langfristig riesige makroökonomische Relevanz.

Die Volkswirtschaftslehre geht normalerweise davon aus, dass, abgesehen von den Variablen, die ein bestimmtes Modell testen soll, alles andere gleich bleibt. Angesichts der Klimakrise stimmt das aber nicht mehr, was manche Modelle obsolet macht. Nichts bleibt gleich, wenn die Welterhitzung weitergeht. Wenn wir heute nicht entschlossen handeln, drohen morgen mehr – und schlimmere – Notlagen.

Die weltweite Ernährungssicherheit hängt vom Umweltschutz ab, der seinerseits in allen Branchen Investitionen in die Nachhaltigkeit erfordert. Versagen führt ins Verhängnis, zu dem ungeahnt hohe Lebensmittelkosten gehören dürften. Selbst in reichen Ländern dürften Kaffee- und Schokoladenpreise dann allen als minder wichtig erscheinen.

Hans Dembowski ist Chefredakteur von E+Z/D+C.
euz.editor@dandc.eu

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