Humanitäre Hilfe
Minen: Das tödliche Risiko für Syriens Wiederaufbau
Eine ehemalige Frontlinie nahe der Stadt Chan Scheichun in der nordwestsyrischen Provinz Idlib: Dort, wo sich einst die Truppen des Assad-Regimes und die islamistische Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) gegenüberstanden, schiebt sich jetzt ein Traktor langsam durch das braune, aufgewühlte Erdreich. Vor ihm rotiert eine schwere Metallschaufel, die den Boden aufreißt und siebt. Für das Team von The HALO Trust, das den Traktor fährt, ist trotz Schutzmaßnahmen jeder Meter hochriskant. Denn die Schaufel fördert zutage, was das Auge oft nicht sieht: diverse Sprengkörper, die jederzeit explodieren können.
„Zusätzlich zu den Minen, die vom Regime als defensive Maßnahme gelegt wurden, finden sich auf dem Feld hier auch zahlreiche Blindgänger“, erklärt Bara al-Mustafa. Er ist Teamleiter bei The HALO Trust, einer der weltweit größten humanitären Minenräumorganisationen. Gegründet 1988 in Afghanistan, arbeitet sie heute in mehr als 30 Ländern und Territorien in Afrika, Asien, Europa, Lateinamerika und im Nahen Osten. Neben der Räumung von Minen und Blindgängern klärt sie auch über Gefahren auf, kartiert kontaminierte Gebiete und bildet lokale Fachkräfte aus. Das Ziel: Flächen wieder sicher nutzbar machen, etwa für Wohnen, Landwirtschaft, Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung.
Den ehemaligen Frontabschnitt in Idlib kartieren und räumen die Teams von The HALO Trust bereits seit Februar 2025. Rund 60 % des Areals haben sie inzwischen gesichert und dabei 21 Antipersonenminen, neun Antipanzerminen und 16 Blindgänger unschädlich gemacht. Täglich gehen hier 36 Einsatzkräfte ihrer extrem gefährlichen Arbeit nach; sie schaffen pro Tag etwa 1500 Quadratmeter.
Erschwert werden die Arbeiten durch eine Hauptstraße, die direkt durch das verminte Gebiet führt. „Wir können sie nicht komplett sperren“, sagt Bara al-Mustafa. Auch bewegen sich immer wieder Zivilist*innen auf dem verminten Gelände. Den vorgegebenen Sicherheitsabstand von 100 Metern zur Minenräumung können sie dabei nicht einhalten. Unfälle mit Menschen gab es bislang keine, doch sollen bereits vier Schafe auf Minen getreten sein. „Wenn das Land hier geräumt ist, soll es wieder landwirtschaftlich genutzt werden“, erklärt al-Mustafa. Bis dahin bleibt jeder Schritt ein kalkuliertes Risiko.
Minenfelder bremsen Wiederaufbau
In Syrien kämpfen viele Menschen weiterhin mit den wirtschaftlichen Auswirkungen des Bürgerkriegs. Etwa 90 % der Syrer*innen leben laut dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Armut, zwei Drittel der Bevölkerung – etwa 16 Millionen – sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Minenfelder wie jenes in Idlib prägen weite Teile Syriens. „Der Grad der Kontamination ist enorm. Jeden Tag erhalten wir mehrere Meldungen über explosive Kriegsreste und Minenfelder“, sagt Farouk al-Mustafa, der den Einsatz von The HALO Trust in Syrien leitet. Die Organisation hat ihre Arbeit in dem Land seit dem Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 ausgeweitet und unterhält mehrere Büros in verschiedenen Regionen.
Die Arbeit von The HALO Trust ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Mehr als 1,2 Millionen Menschen sind im ersten Jahr nach dem Sturz Assads nach Syrien zurückgekehrt. Viele betreten erstmals seit Jahren wieder Felder, Straßen und Ruinen, die lange Frontgebiet waren. „Die neu gewonnene Bewegungsfreiheit erhöht die Gefahr von Unfällen“, sagt Seba Abdulkareen, Leiterin der nicht-technischen Erkundung bei The HALO Trust. Ihre Teams befragen Anwohner*innen, Verletzte und lokale Akteure, dokumentieren Hinweise auf Minenfelder und leiten die potenziell lebensrettenden Infos an die Teams der Minenräumung weiter. Diese haben inzwischen mehr als 330.000 Quadratmeter syrischen Bodens von explosiven Rückständen befreit.
Hunderte Tote durch Landminen und Blindgänger
Für zu viele kommt diese Hilfe allerdings zu spät. In den ersten elf Monaten nach dem Sturz Assads wurden laut The HALO Trust in Syrien mindestens 585 Menschen durch Minen und Blindgänger getötet, darunter 165 Kinder. Über 1000 weitere Personen wurden verletzt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, da es keine zentrale Erfassung und keine übergreifend koordinierende Stelle gibt. Syrien zählt damit neben Myanmar aktuell zu den Nationen mit den meisten Opfern von Landminen.
Die Überbleibsel des Krieges fordern nicht nur weiterhin ihre Opfer, sie bremsen auch die Entwicklung Syriens aus. Die Provinz Idlib beispielsweise galt früher als Kornkammer des Landes. Heute aber trauen sich viele Bauern aus Angst vor Landminen oder Blindgängern nicht mehr auf ihre Felder. Auch der Wiederaufbau wichtiger Infrastruktur wird so verhindert oder verzögert.
So wichtig die Arbeit von Organisationen wie The HALO Trust auch ist – in welchem Ausmaß sie künftig helfen können, ist ungewiss. Aufgrund der Kürzungen bei der Finanzierung humanitärer Hilfe steht auch die Minenräumung mächtig unter Druck. „Wir nutzen alle verfügbaren Ressourcen“, sagt Farouk al-Mustafa. „Aber Syrien braucht mehr Unterstützung, um eine sichere und nachhaltige Umgebung für alle schaffen zu können.“
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The HALO Trust
Kim Berg ist Redakteurin bei der Kommunikationsagentur Fazit und spezialisiert auf politische Kommunikation. Sie besuchte The HALO Trust im Rahmen einer Syrien-Reise im November 2025.
kim.berg@fazit.de