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Sommer-Special

Abstieg in die Hölle

von Linda Engel

In Kürze

Hühner sind die besten Freunde des Protagonisten Chinonso.

Hühner sind die besten Freunde des Protagonisten Chinonso.

Auch der zweite Roman „Das Weinen der Vögel“ des nigerianischen Autors Chigozie Obioma wurde international gefeiert. Obiomas Roman erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem ungebildeten Chinonso und einer Tochter der nigerianischen Oberschicht. Um eine unbeschwerte Sommerlektüre handelt es sich aber nicht. Vielmehr ebnet die Liebe den Weg in Chinonsos Abstieg.

Die Handlung hat ein bisschen märchenhafte Züge: Einfacher Geflügelzüchter bewahrt Tochter aus reichem Hause vor dem Sprung von der Brücke, und die beiden verlieben sich. Aber schnell wird klar, dass dieser Roman eben kein Märchen ist. Der Leser schaut dem Niedergang des Bauern Chinonso zu, der sein Leben für die Geliebte aufgibt. Das Weiterlesen ist stellenweise schmerzhaft, und doch kann man das Buch nur schwer aus der Hand legen.

Aber von vorn. Schnell ist klar, dass die Familie der Geliebten namens Ndali die Liebe zwischen ihr und dem ungebildeten Chinonso nicht akzeptiert. Letzterer lebt von der Hühnerzucht und etwas Landwirtschaft. Dies ist auch im Jahr 2007, in dem das Buch spielt, für die nigerianische Oberschicht inakzeptabel. Chinonso wird nicht nur verhöhnt und verlacht, sondern ernsthaft bedroht. Als Ausweg will Chinonso in der Türkischen Republik Nordzypern studieren. Ein alter Schulfreund unterstützt ihn – scheinbar selbstlos – bei den Vorbereitungen dazu. Chinonso verkauft alles, den Familienbesitz mitsamt Haus und Hühnern, bevor er seine Geliebte auch nur in die Pläne einweiht. Er will als gebildeter Mann mit besten Jobaussichten nach Nigeria zurückkommen.

Bereits im Flugzeug wird Chinonso klar, dass irgendetwas faul ist, als er auf Landsleute trifft, die wenig rosig von Nordzypern erzählen, das sein Schulfreund ihm als gelobtes Land verkauft hat. Bereits bei der Zwischenlandung in Istanbul ist sein Freund nicht mehr zu erreichen, und mit ihm ist ein Großteil von Chinonsos Geld weg.

Bei „Das Weinen der Vögel“ handelt es sich um Obiomas zweites Buch, das, wie schon sein Debütroman, für den Booker Prize, den wichtigsten britischen Literaturpreis, nominiert wurde (siehe Sabine Balk im Sommer-Special des E+Z/D+C e-Paper 2019/08). Es ist inspiriert von wahren Begebenheiten, denn Obioma selbst studierte in Nordzypern und lernte viele Landsleute kennen, die einen Teil ihres Geldes an Mittelsmänner verloren hatten.

Das verheißungsvolle Europa wird für Chinonso zum Alptraum. Der junge Mann, ohne große Ambitionen, der nur mit der Frau seines Lebens zusammen sein wollte, wird zum gebrochenen Mann, gestrandet in einem ihm feindlich gesinnten Land.

Chinonso geht es ein bisschen wie seinen Vögeln, den hilflosen Haushühnern, für die er sich bereits als kleiner Junge begeistert hat. Zusammen mit vielen anderen Gestrandeten gehört er zu den „Minderheiten dieser Welt, deren einzige Zuflucht darin bestand, sich diesem universellen Orchester anzuschließen, in dem es nur noch zu weinen und zu klagen gab“.

Das Buch zeigt den Protagonisten an vielen Stellen sprachlos und in sein Schicksal ergeben, was den Leser stellenweise wütend macht. Als Chinonso merkt, dass er betrogen worden ist, weiht er seine Geliebte nicht ein, bittet nicht um Hilfe. Er schämt sich und versucht seine Probleme allein zu bewältigen. Ein Fehler wie sich herausstellt, denn bald sind alle Kontaktwege zu Ndali verstellt.

Das kann auch sein „Chi“, eine Art Schutzgeist, nicht verhindern, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. In der Igbo-Kultur, der der Protagonist angehört, hat jeder Mensch ein Chi. Über den Chi die Geschichte zu erfahren ist manchmal vergnüglich, manchmal jedoch sind die Ausflüge für den Leser in die jenseitige Welt anstrengend, vor allem mit wenig Kenntnis von Igbo-Sprache und Kultur.

Die Erzählperspektive macht bereits zu Beginn klar, dass die Dinge sich kaum zum Besseren wenden werden. Neigt man tendenziell zu Weltschmerz und wenig Optimismus, ist dieses Buch gutes Futter für die eigene Weltsicht.


Buch
Obioma, C., 2019: Das Weinen der Vögel. München, Piper.

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