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Psychosoziale Unterstützung

„Du bist nicht verrückt“

von Esther Mujawayo

Meinung

Vergewaltigungsopfer in Südafrika.

Vergewaltigungsopfer in Südafrika.

Wenn ein Krieg vorbei ist, wollen die Menschen schlicht mit ihrem Leben weitermachen, ihre Häuser und ihr Land wiederaufbauen. Aber oft können sie den Frieden nicht genießen: Kämpfer und Zivilbevölkerung sind vom Krieg traumatisiert. Wenn die seelischen Wunden nicht geheilt werden, geht die Gewalt weiter und macht Friedensarbeit sowie Wiederaufbau schwierig. Die Traumatherapeutin Esther Mujawayo überlebte den Genozid in Ruanda und behandelt nun traumatisierte Flüchtlinge in Deutschland. Sie erklärte Sheila Mysorekar, warum es notwendig ist, sich um den psychischen Zustand von Überlebenden zu kümmern.

Warum ist Traumatherapie in Postkonfliktsituationen so wichtig?
Die Bearbeitung von Traumata ist grundlegend. Wenn das nicht angegangen wird, bricht alles andere zusammen. Traumatisierte Menschen funktionieren nicht gut, sie schlafen schlecht, sie sind vergesslich – bis zu dem Punkt, wo einfache Aufgaben wie Kochen unmöglich werden, weil sie dreimal Salz in den Kochtopf tun, bis das Essen ungenießbar ist. Oder sie setzen fahrlässig ihr Haus in Brand, weil sie das Feuer vergessen. Hinzu kommt, dass sie ihre Gefühle nicht beherrschen und mit ihrer Wut nicht umgehen können. Ein Beispiel: Ich kenne Frauen in Ruanda, die Mikrokredite bekamen, um kleine Unternehmen zu eröffnen. Aber sie waren damit überfordert. Eine Marktfrau schrie zum Beispiel und beschimpfte einen Mann an ihrem Marktstand, weil er sie an jemanden erinnerte, der ihre Familienmitglieder gefoltert oder getötet hatte. So darf man Kunden nicht behandeln, dann läuft der Laden nicht. Um ein Land wiederaufzubauen, müssen Menschen gut funktionieren, und das ist nicht der Fall, wenn jede Kleinigkeit schreckliche Erinnerungen hervorrufen kann.

Gilt dies auch für Kinder?
In vielen Ländern haben Kinder ihre Eltern verloren und wachsen bei Verwandten oder sogar Fremden auf. Diese Kinder haben extreme Gewalt miterlebt und sind natürlich traumatisiert. Deswegen haben sie Wutanfälle oder nässen ihr Bett ein oder schreien nachts wegen Albträumen. Die Verwandten denken dann häufig, dass die Kinder sich schlecht benehmen, und bestrafen sie, weil sie ins Bett gemacht haben oder ihre Wut herauslassen. Es ist sehr wichtig, dass die Menschen verstehen, dass dieses Verhalten von Kindern nach schrecklichen Erfahrungen gar nicht ungewöhnlich ist: Wenn man abartige Gewalt erlebt, erzeugt dies Reaktionen, die abnormal scheinen, aber tatsächlich ganz normal sind.

Ehemalige Kindersoldaten verschweigen ihre Vergangenheit, aber sie verprügeln andere Leute, auch ihre eigenen Kinder. Sie wollen in Wirklichkeit denjenigen treffen, der ihnen Leid zugefügt hat, aber stattdessen schlagen sie ihre Kinder. Wenn sie ihr eigenes, seltsames Verhalten bemerken, denken diese Menschen, dass sie verrückt geworden sind, und sagen gerade deswegen nichts. Damit sie psychisch heilen können, müssen sie aber verstehen, dass die Situationen, die sie erlebt haben, verrückt waren, nicht sie selbst. Wir arbeiten mit Traumapatienten, damit sie sich ein neues Leben aufbauen können.

Ist Ihre Arbeit für Friedenskonsolidierung nötig?
Ja, auf jeden Fall. Die Menschen müssen inneren Frieden finden, damit sie eine friedliche Gesellschaft aufbauen können.

Bekommt dieses Problem in Krisenländern ausreichend Aufmerksamkeit?
Die Relevanz von Traumata wird völlig unterschätzt. Traumata fügen Personen schwere Schäden zu und können sie völlig verändern. Beachtet werden normalerweise nur körperliche Verletzungen; unsichtbare Wunden übersehen wir. Aber innerliches Chaos beeinflusst das Handeln und das Verhalten eines Menschen. Es hindert die Person daran, gut zu funktionieren, und kann zu weiterer Gewalt führen. In vielen Krisensituationen konzentrieren sich sowohl die Menschen vor Ort wie auch die internationalen Helfer auf Grundbedürfnisse wie Essen und Unterkunft. Die überlebenswichtigen Dinge müssen natürlich sofort bereitgestellt werden, aber Traumata muss man zur gleichen Zeit ansprechen. Wenn wir das Essen bringen, sollten wir auch anfangen zu reden.  

Welche Konsequenzen hat es, wenn Menschen nicht reden können?
In Postkonfliktgesellschaften ist der Grad der Gewalt extrem hoch. Ich kenne einen Fall in Ruanda, wo ein Vater sich weigerte, seinem Sohn ein kleines Stück Land zu geben, woraufhin der Sohn den Vater angriff und ihm den Kopf abschnitt. Während des Genozids hatte der Vater Menschen getötet, und der Sohn hatte dabei zugesehen. Gewalttätige Reaktionen wie seine werden durch tiefgehende Traumata ausgelöst. Die Betroffenen leben mental immer noch im Krieg und leiden unter einer posttraumatischen Be­lastungsstörung (PTSD). Und solange der Krieg in deinem Kopf weitergeht, ist er für dich auch nicht vorbei. Alles Mögliche kann schlimme Erinnerungen wachrufen. In der Therapie versuchen wir, die Menschen in das Hier und Jetzt zu bringen, damit sie begreifen, dass der Krieg wirklich vorbei ist. Endlich.

Benötigen traumatisierte Frauen spezielle Behandlung?
Ja, denn in vielen Konflikten werden Frauen vergewaltigt. Dadurch werden sie zweimal verletzt  – einmal, weil ihnen etwas Furchtbares zugestoßen ist, und obendrein, weil sie deswegen stigmatisiert werden. In der Demokratischen Republik Kongo beispielsweise können viele Frauen nicht in ihre Dörfer zurückkehren, weil sie in den kriegerischen Ausein­andersetzungen vergewaltigt wurden. Sie müssen mit allem allein fertig werden – ungewollten Schwangerschaften, HIV/Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Sie brauchen Unterstützung, und sie brauchen Gehör und einen sicheren Raum, wo sie über ihre Erfahrungen sprechen können.  

An wen wendet sich Traumatherapie?
Wir müssen die gesamte Gesellschaft ansprechen, also die, die die Verbrechen begangen haben, und die, die zu Opfern wurden. Beide Seiten haben Gewalt in einem Ausmaß erlebt, das nicht normal ist. Die Täter sind ebenso traumatisiert wie die Opfer. Ich hatte schon Fälle aus dem Sudan, wo Milizen ein Dorf anzünden mussten und später Flashbacks von Flammen und schreienden Menschen hatten. Dieselben Flashbacks erleben auch die Opfer.

Es ist also notwendig, mit den Tätern zu arbeiten?
Ja, das gehört zum Peacebuilding dazu. In der Regel haben wir nur Mitleid mit den Opfern, aber viele Menschen vergessen, dass die Täter auch leiden, etwa Kindersoldaten: Sie sind gleichzeitig unschuldige Kinder und Mörder. Als Therapeutin muss ich das Kind und den Mörder ansprechen, in ein und derselben Person.

Welche Art der Behandlung wirkt bei traumatisierten Menschen, die immer noch in einem fragilen, gewaltträchtigen Umfeld leben?
Es ist sehr schwierig zu genesen, wenn man sich nach wie vor in einer unsicheren und instabilen Situation befindet. Im Südsudan, beispielsweise, flüchten die Menschen derzeit immer noch vor der Gewalt. Trotzdem kann man die psychischen Leiden schon jetzt ansprechen. Menschen haben generell eine unglaubliche Fähigkeit, Dinge zu bewältigen. Aber wenn eine Mutter im Südsudan mit ansehen muss, wie ihre Kinder sterben, wie kann sie das verkraften? Sie hat vielleicht das Gefühl, dass sie wahnsinnig wird. Dann ist es wichtig, ihr zu sagen: Du bist nicht verrückt, die Vorgänge um dich herum sind verrückt.

Was kann für Traumatisierte in Bürgerkriegsländern wie Syrien, Irak oder Südsudan getan werden?
Solange die Menschen noch auf der Flucht sind, zeigen sie vielleicht gar keine Trauma-Symptome – die Psyche stellt sicher, dass der Körper funktioniert, um das Überleben zu sichern. Aber später, wenn die Leute in Sicherheit sind, treten die Symptome auf. Ich kenne dies aus eigener Erfahrung: Während des Genozids in Ruanda, während ich mit meinen Kinder auf der Flucht war, um unser Leben zu retten, konnte ich nachts durchaus schlafen. Aber hinterher, als alles vorbei war, litt ich an Schlaflosigkeit. Im Irak oder in der DR Kongo ist es momentan schwierig, an Heilung zu denken, weil die Gewalt weitergeht. Solange es regnet, wirst du nicht trocken. In Ruanda hingegen war es einfacher, sich um Traumata zu kümmern, weil der Genozid mit seiner extremen Gewalt drei Monate lang dauerte, und dann war alles vorbei. Es herrschte Frieden.  Dadurch war es einfacher, Trauma-Arbeit durchzuführen. Auf alle Fälle brauchen Menschen eine sichere Umgebung, damit sie darüber nachdenken können, was sie erlebt haben. Wir können den Menschen nicht helfen, die keinen festen Boden unter den Füßen haben.

Gibt es Maßstäbe für die beste Vorgehensweise in Post-Konflikt-Ländern?
Einige zivilgesellschaftliche Organisationen, so etwa HAUKARI, leisten gute Arbeit mit Frauen im Nord­irak. Ärzte ohne Grenzen und UNICEF kümmern sich auch um psychische Notlagen und bieten psycho­soziale Unterstützung an. Aber es gibt so viel zu tun, weltweit. In Ruanda zum Beispiel ist die Trauma-Arbeit noch längst nicht abgeschlossen. Man muss dranbleiben, auch 20 Jahre nach dem Genozid. AVEGA, unsere Witwenvereinigung, bietet Frauen an, in der Gruppe über ihre Erfahrungen zu reden. Manchmal kommen zu unseren Treffen ältere Frauen, die schon die Pogrome von 1959, 1963 und 1973 in Ruanda miterlebt haben. Sie erzählen uns, dass sie damals keinerlei Möglichkeit hatten, über die Ereignisse zu sprechen. Erst jetzt wird ihnen klar, dass sie traumatisiert waren. Trotzdem behaupten viele Leute in Ruanda – vor allem Männer –, dass sie keine psychologische Betreuung brauchen. Aber wenn man mit ihnen redet, stellt sich heraus, dass sie zu viel trinken, oder Workaholics sind oder sexuelle Probleme haben – das ist auf ihre Traumata zurückzuführen. Und in Ruanda können Täter immer noch nicht über ihre Erlebnisse reden. Die Gesellschaft betrachtet sie nur als Mörder. Sie werden nicht als die traumatisierten Menschen gesehen, die sie nun mal auch sind. Deswegen ist es sehr wichtig, dass nicht nur Psychologen, sondern alle verstehen, worum es sich bei Trauma handelt.  Die gesamte Gesellschaft muss begreifen, wie man damit umgeht. Oft geht es um einfache Dinge, wie etwa ein schreiendes Kind in den Arm zu nehmen, anstatt es zu bestrafen.

Was kann auf internationaler Ebene getan werden?
In jedem Land, das von Gewalt und Bürgerkrieg erschüttert wird – wie zum Beispiel momentan der Südsudan–-, ist es sehr wichtig, dass die Menschen vor Ort sehen, dass andere von außen zur Hilfe kommen. Wenn internationale Organisationen vor Ort Hilfe leisten, gibt dies ihnen die Gewissheit, nicht vergessen worden zu sein. Psychologisch ist es außerordentlich wichtig, sich nicht alleingelassen zu fühlen.  

 

Esther Mujawayo ist Soziologin, Trauma-Therapeutin und Autorin aus Ruanda. Sie überlebte 1994 den Genozid in ihrem Land und arbeitet heute in Düsseldorf. Sie betreut Flüchtlinge, die, traumatisiert von Krieg und Folter, in Europa ankommen. Sie ist Mitgründerin von AVEGA (Association des Veuves du Genocide d’Avril), einer Vereinigung von ruandischen Witwen, Überlebende des Genozids von 1994.
[email protected]

Weiterführende Links:
AVEGA, Association des Veuves du Genocide d’Avril:
www.avegaagahozo.org
HAUKARI e.V.:
www.haukari.de
Ärzte ohne Grenzen (MSF):
www.doctorswithoutborders.org
UNICEF:
www.unicef.org
Psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf (PSZ):
www.psz-duesseldorf.de