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Afrika

Noch auf dem Weg zu den MDGs

von Lewis Mwape

Hintergrund

Infrastruktur ist entscheidend – ländliche Regionen ohne Anschluss an das Eisenbahnnetz haben nicht vom Wirtschaftswachstum in Sambia profitiert.

Infrastruktur ist entscheidend – ländliche Regionen ohne Anschluss an das Eisenbahnnetz haben nicht vom Wirtschaftswachstum in Sambia profitiert.

Sambias Wirtschaft ist in den letzten Jahren schnell gewachsen, trotzdem scheinen viele der Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) in weiter Ferne.

Seit 2005 ist Sambias Bruttoinlandsprodukt um durchschnittlich sechs Prozent im Jahr gewachsen. Die Inflation konnte von 30 Prozent im Jahr 2000 auf derzeit 6,6 Prozent gesenkt werden. Trotz dieser makroökonomischen Erfolge ist es dem Land jedoch nicht gelungen, die Armut zu halbieren, wie es das MDG 1 (Bekämpfung von extremer Armut und Hunger) anstrebt. Mehr als 68 Prozent der 16 Millionen Sambier müssen mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag (Kaufkraftparität) ihr Leben bestreiten. Der kürzlich vom United Nations Development Programme (UNDP) und der sambischen Regierung verfasste MDG Progress Report stellt fest, dass der Anteil an Menschen in extremer Armut von 58 Prozent im Jahr 1991 auf heute 42 Prozent gesunken ist. Diese Zahl bis zum Jahr 2015 auf 29 Prozent zu reduzieren, scheint kaum realistisch.

Bislang haben vor allem Städte und Gegenden entlang des Eisenbahnnetzes vom wirtschaftlichen Wachstum profitiert. Dahingegen ist die Armut in ländlichen Gebieten unvermindert groß. Laut dem sambischen Statistikamt leben fast 65 Prozent der Menschen in der Provinz Luapula in extremer Armut. Der entsprechende Anteil der westlichen und östlichen Provinzen liegt bei 64 bzw. 59 Prozent. Gemessen am Gini-Koeffizienten, zählt Sambia mit einem Wert von 0,65 zu einem der Länder mit der größten Ungleichheit weltweit.

In Sambia besteht ein starkes Gefälle zwischen Stadt und Land. Der MDG Progress Report zeigt, dass es in den ländlichen Gebieten an Investitionen in In­frastruktur und öffentliche Versorgung mangelt. Das betrifft den Straßenbau, die Energieversorgung und den Telekommunikationssektor ebenso wie die Ausbildung von Fachkräften, den Zugang zu Märkten und Gesundheitsdienstleistungen. Eine bessere Infrastruktur ist aber nötig, um die Produktivität in der Landwirtschaft zu erhöhen und so den Wohlstand der Bevölkerung zu steigern.

Die Verantwortlichen müssen deshalb entsprechende Finanzmittel in die bislang vernachlässigten Regionen umlenken. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass auch in den städtischen Slums (shanty towns) sehr schwierige Lebensbedingungen herrschen. Die Bewohner dieser Elendsviertel haben ebenso wie die Dorfbevölkerung keinen Zugang zu wichtigen Dienstleistungen und Ressourcen.

Die Politik sollte sich die Überwindung der Kluft zwischen Stadt und Land ganz oben auf die Agenda schreiben. Dies ist allerdings nicht der Fall, vielmehr ist wahrscheinlich, dass die jüngsten politischen Entscheidungen viele in Armut lebende Menschen besonders hart treffen werden. Die Regierung hat Subventionen für Treibstoff und Mais – ein Grundnahrungsmittel in Sambia – gestrichen. Ein schneller Anstieg der Lebenshaltungskosten ist damit ­absehbar. Darüber hinaus plant das staatliche Energieunternehmen, die Preise zu erhöhen, was die Kosten zusätzlich auf ein Niveau weit über dem Ausgabenbudget vieler Haushalte treiben wird.

Der gesetzliche Mindestlohn ist in den vergangenen Monaten deutlich angehoben worden. Diese Maßnahme ermöglicht es den Sambiern mit formalen Arbeitsverhältnissen die steigenden Preise zu bewäl­tigen. Allerdings ist die große Mehrheit der Bevölkerung im informellen Sektor tätig. Ihnen nutzt ein höherer Mindestlohn nicht.

Sambia benötigt mehr formale Arbeitsplätze, aber diese entstehen nur sehr langsam. In jüngster Zeit haben zwar viele ausländische Unternehmen in Minen investiert, was jedoch kaum attraktive Arbeitsplätze für Geringqualifizierte brachte. Das ist die Folge daraus, dass viele Tätigkeiten mechanisiert worden sind. Aus diesem Grund fliegen die Minenbetreiber derzeit hoch qualifiziertes Personal aus dem Ausland ein.

Darüber hinaus haben ausländische Investitionen hauptsächlich zu Landnahmen beigetragen. Infolgedessen wurde ein Teil der einheimischen Bevölkerung von ihrem Grund vertrieben. Diese Entwicklungen verschärfen Ungleichheit und Armut und sind nicht ökologisch nachhaltig. Bergbau und unkontrollierter Kupferabbau zum Beispiel zerstören die Natur.


Kleine Fortschritte

Trotz der vielen genannten Probleme sind auch positive Entwicklungen bezüglich einiger MDGs in Sambia zu verzeichnen. So hat sich etwa die Zahl der Kinder, die eine Grundschule besuchen, von 80 Prozent im Jahr 1990 auf heute 94 Prozent erhöht. 1990 kamen auf ­einen Jungen in der Grundschule 0,9 Mädchen, 2010 waren es 0,99. Auch absolvieren mehr Schüler die siebte Klasse. Diese Erfolge schaffen jedoch auch neue Herausforderungen: Die weiterführenden Schulen müssen ausgebaut werden, denn andernfalls nutzt eine bessere Grundschulbildung den Jugendlichen nichts.

Deprimierend sind die Rückschritte in Bezug auf die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen an weiterführenden Schulen. Kamen 1990 noch 0,92 Mädchen auf einen Jungen, so waren es 2010 nur noch 0,86. Mädchen wachsen offensichtlich immer noch mit der Vorstellung auf, Ehefrauen, Mütter und Pflegekräfte zu sein. Die Konsequenzen aus dieser Sozialisierung sind viele Teenagerschwangerschaften und Eheschließungen im frühen Alter. Zweifellos sind in Sambia gezielte politische Maßnahmen notwendig um Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen, so wie es Frauenorganisationen in Aufklärungskampagnen fordern. Die Gesetzgebung sollte dafür sorgen, dass Frauen und Männer gleichen Zugang zu Bildung, Arbeitsmarkt und öffentlicher Versorgung haben und Frauen angemessen politisch repräsentiert werden. Aktuell sind nur 11 Prozent der sambischen Parlamentsmitglieder Frauen.

Im Kampf gegen HIV/Aids gibt es eine positive Entwicklung. Die Rate der infizierten Erwachsenen erreichte 2001 mit 21,5 Prozent ihren Höhepunkt, bis 2009 sank sie auf 13,5 Prozent. Dies gelang, obwohl Sambia lediglich 3,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit ausgibt – die niedrigste Rate im südlichen Afrika.

Dass der Gesundheitssektor jedoch dringend um- und ausgebaut werden muss, zeigen andere Zahlen: So starben im Jahr 2008 440 Mütter pro 100 000 Lebendgeburten, was weniger als im Jahr 2000 war (600 Todesfälle pro 100 000 Geburten). Allerdings lag die Zahl 1990 deutlich niedriger – bei lediglich 390.

Die Gesundheitseinrichtungen in Sambia sind personell schlecht ausgestattet. Das Gesundheitsministerium schöpft lediglich 50 Prozent seiner Kapazitäten aus. Die meisten Gesundheitszentren in den ländlichen Gebieten können nicht auf qualifizierte Fachkräfte zurückgreifen, sondern beschäftigen ungelerntes Personal. Darüber hinaus gibt es zu wenige Gesundheitszentren, sodass Patienten weite Entfernungen in Kauf nehmen müssen. Auch die städtischen Krankenhäuser sind überfüllt, sodass viele Mütter ihre Kinder auf dem Flur zur Welt bringen müssen.

In diesem Zusammenhang ist Präsident Michael Satas jüngste Ankündigung, 650 neue Gesundheitszentren im ganzen Land errichten zu wollen, sehr begrüßenswert. Der Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen wird sich so verbessern. Die Regierung muss jedoch auch in die Ausbildung von Fachkräften im Gesundheitssektor investieren. Sie sollte darüber hinaus attraktive Rahmenbedingungen schaffen, dass sich der Privatsektor in diesem Bereich beteiligt.

Vielversprechend ist die Tendenz der letzten Jahre, dass die Regierung vermehrt auf eigene finanzielle Ressourcen zurückgreifen kann. Seit 2006 konnte sie dank des Wirtschaftswachstums 70 Prozent des Staatshaushaltes aus heimischen Einnahmen finanzieren. Gleichzeitig zeigt diese Zahl aber auch, dass Sambia immer noch auf die Unterstützung der Geberländer angewiesen ist.

Beunruhigend in diesem Zusammenhang ist die steigende Staatsverschuldung, die von China als Hauptgläubiger finanziert wird. Die Kredite sind zu verschiedenen Zwecken genutzt worden, unter anderem für Hydroenergieprojekte, Sportstätten und regionale Stromnetze. Ob diese Investitionen nachhaltige Wirkung haben, bleibt abzuwarten. Da Sambia auf einen Schuldenerlass im Rahmen des HIPC-Programms (highly-indebted poor countries) angewiesen war, ist die Aufnahme neuer Schulden irritierend.

Westliche Geberländer haben nach wie vor beachtlichen Einfluss in Sambia. In den vergangenen zehn Jahren verlagerten sie ihre Unterstützung von einem projektbezogen Ansatz hin zu mehr Budgethilfe. Ziel war es – und ist es noch –, auf diese Weise gute Regierungsführung der sambischen Regierung zu fördern. Diese versprach im Gegenzug, die Armut zu reduzieren. Die Entwicklungszusammenarbeit sollte sich darauf konzentrieren, die Produktivität in der Landwirtschaft und in anderen Bereichen zu steigern.

Letztlich wird die Armut nur dann besiegt, wenn es der sambischen Wirtschaft gelingt, nicht nur im Rohstoffbereich zu expandieren. Andernfalls wird es unmöglich sein, die formalen Arbeitsplätze zu schaffen, die die Menschen benötigen.

 

Lewis Mwape ist geschäftsführender Direktor des Zambia Council for Social Development (ZCSD), einer NGO-Dachorganisation.
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