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Ländliche Entwicklung

Dürfen wir an Ihrem Leben teilnehmen?

von Mirja Michalscheck

Hintergrund

Eine Frau trocknet Getreide in Ghanas Upper West Region.

Eine Frau trocknet Getreide in Ghanas Upper West Region.

„Den“ Kleinbauern gibt es nicht. Es handelt sich um eine sehr heterogene Gruppe. Wer mit Kleinbauern Forschungs- oder Entwicklungsprojekte durchführen möchte, muss ihre Vielfalt berücksichtigen. Um Entscheidungen zu verstehen, müssen wir den Kontext kennen, in dem sie fallen. Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt Africa RISING sucht zusammen mit Bauern nach Möglichkeiten der nachhaltigen Intensivierung. Der Erfolg unserer Arbeit hängt nicht so sehr davon ab, ob wir Kleinbauern am Projekt beteiligen. Wichtig ist, dass sie uns an ihrem Leben teilnehmen lassen.

Kleinbauern spielen eine wichtige Rolle beim Erreichen globaler Entwicklungsziele wie Ernährungssicherheit und Armutsbekämpfung. Sie produzieren rund 80 Prozent der Lebensmittel, die in Afrika und Asien konsumiert werden. Ihre Höfe beschäftigen im ländlichen Raum sehr viele Menschen. Zudem tragen sie durch den Anbau traditioneller Nutzpflanzen zum Erhalt der lokalen Biodiversität bei.

Kleinbauern stehen jedoch vor vielen Problemen. Dazu gehören beispielsweise kleine Äcker und ausgelaugte Böden. Ihr Zugang zu Märkten und Finanzdienstleistungen ist meist begrenzt, und folglich mangelt es ihnen an moderner Technik, Dünger und Saatgut. Das gilt besonders in Afrika. Laut FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (Food and Agriculture Organization), verwenden Kleinbauern dort nur zehn bis 13 Kilogramm Dünger pro Hektar. Die Vergleichszahl für Asien ist rund 100 Kilogramm.

Der große Unterschied basiert zum Teil darauf, dass die meisten afrikanischen Kleinbauern keine Bewässerungsmöglichkeiten haben und von unregelmäßigen Regenfällen abhängen. Regnet es zu viel oder zu wenig, zahlen sich Investitionen in Düngemittel oder zertifiziertes Saatgut nicht aus. Entsprechend sind solche Investitionen hochriskant.

Wer die Motive der Landwirte versteht, kann alternative Lösungen finden. Die unabhängige Organisation IPA (Innovations for Poverty Action) hat festgestellt, dass eine Niederschlagsversicherung, die Bauern für vom Wetter verursachte Ernteausfälle entschädigt, die Kalkulation verändert. Bauern mit entsprechender Versicherung steigerten den Düngerverbrauch im Schnitt um 25 Prozent, erweiterten die Anbaufläche um acht Prozent und arbeiteten pro Hektar 13 Prozent länger. 

Für Projekte wie Africa RISING ist der Zusammenhang von Versicherung und Investitionsbereitschaft sehr wichtig. Africa RISING wird von USAID finanziert und betreibt drei regionale Forschungsprogramme in sechs afrikanischen Ländern: in Äthiopiens Hochland, in Westafrika (Ghana und Mali) und Ost- sowie Südafrika (Tansania, Malawi und Sambia). Das Ziel ist, die Landwirtschaft auf nachhaltige Weise zu intensivieren. In Nord-Ghana arbeitet Africa RISING mit den Kleinbauern unter anderem an der Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit sowie am Fruchtwechsel von Mais und Hülsenfrüchten.

Der Begriff „Kleinbauer“ legt nahe, es gehe um eine homogene Gruppe. Das ist aber nicht der Fall. Zwischen Regionen, ethnischen Gruppen und selbst innerhalb einzelner Dörfer gibt es große Unterschiede. Sie betreffen landwirtschaftliche Ressourcen, Praktiken und Strategien. Manche Haushalte sind groß, besitzen relativ viel Land und Tiere, während andere Haushalte klein sind und nur wenig Boden und Vieh haben. Das Bildungsniveau schwankt und der Zugang zu Transportmitteln ist grundverschieden: Manche Bauern besitzen Motorräder, andere müssen zu Fuß gehen. Damit variiert auch ihr Zugang zu lokalen Märkten und ihr Zugriff auf moderne Inputs.

Africa RISING will Unterschiede zwischen den Betrieben und den Regionen verstehen. Wichtig sind aber auch Differenzen innerhalb von Haushalten, denn oft haben die Mitglieder unterschiedliche Perspektiven, Interessen und Meinungen. Das prägt die Entscheidungsfindung.

In Nord-Ghana ist ein Kleinbauern-Haushalt typischerweise ein Familienunternehmen mit mehreren, teilweise unabhängigen Einheiten. Jede Einheit wird von einem anderen Familienmitglied geführt. Der männliche Haushaltsvorstand baut hauptsächlich Getreide und Knollen wie Yam und Cassava an, womit er die Ernährungssicherheit gewährleistet. Die Frauen bauen Gemüse und Hülsenfrüchte an, die zur Ernährungsvielfalt beitragen, aber auch vermarktet werden. Das Geld wird zum Beispiel für die Schulgebühren der Kinder gebraucht. Auch die verschiedenen Tiere gehören meist unterschiedlichen Familienmitgliedern. Eigentum und Kontrolle der Produktionsmittel hängen von Alter und Geschlecht ab.

Nur wer die Matrix der interfamiliären Beziehungen und Interessen versteht, kann Haushaltsentscheidungen nachvollziehen. Bei der Einführung neuer Methoden oder der Umsetzung von Geschäftsideen ist es ratsam, die unterschiedlichen Haushaltsmitglieder miteinzubinden. Dies hilft auch zu vermeiden, dass unnötige Konflikte entstehen.

Trotz der Interessenvielfalt innerhalb von Familien werden bei Umfragen meist nur die männlichen Haushaltsvorstände berücksichtigt. Bei der Feldforschung in Sambia wurden jedoch Männer und Frauen aus Kleinbauernfamilien getrennt befragt. Das Ergebnis waren sehr unterschiedliche Antworten zum selben Thema. Typischerweise übertrieben die Befragten die Bedeutung ihrer eigenen Arbeit und der relevanten Ressourcen.

Forscher müssen also Einzelaussagen in den nötigen Kontext stellen und vorsichtig bewerten. Relevant ist zudem, dass Antworten auch von der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung oder der Angst vor Sanktionen geprägt sein können. Forscher, die von weither angereist sind, werden nämlich als Autoritätspersonen wahrgenommen. Die Einbeziehung unterschiedlicher Haushaltsmitglieder hilft, die wahre Situation zu erkennen. Wer nur mit dem männlichen Haushaltsvorstand spricht, erfährt auch nur dessen Sicht. 

Natürlich gibt es auch Frauen, die Haushalte leitne. Meist sind sie verwitwet. Ihre Perspektive ist aber nicht dieselbe wie die von Frauen aus männerdominierten Haushalten. Wichtig ist auch, dass alle Befragten sich in einem vertraulichen Umfeld äußern können. In Nord-Ghana ist es beispielsweise nicht üblich, dass eine Frau öffentlich in männlicher Gegenwart ihre eigene Meinung äußert. Forschungsprojekte sollten das berücksichtigen, indem sie Männer und Frauen möglichst getrennt interviewen.

Um erfolgreich mit Kleinbauern zu kooperieren, müssen wir verstehen, in welchem Kontext sie sich befinden, welchen Handlungsspielraum sie haben und welche Motive sie antreiben. Forscher und Entwicklungshelfer sollten sich ständig fragen: Wie gut verstehe ich meine Zielgruppe?

Es geht nicht nur darum, dass die Zielgruppe etwas lernt und vorankommt. Um sinnvolle Verbesserungsvorschläge machen zu können, müssen wir sie erst einmal verstehen lernen. Und wenn wir Ehrlichkeit, Offenheit und Engagement erwarten, müssen wir uns selbst entsprechend verhalten. Wir müssen unser Wissen ständig prüfen und verbessern, damit unsere Partner sehen, dass wir in der Tat Partner sind. Es geht nicht darum, „Landwirte an unseren Projekten teilnehmen zu lassen“. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Unser Erfolg hängt davon ab, dass die Kleinbauern uns an ihrem Leben und ihrer Entscheidungsfindung teilnehmen lassen.


Mirja Michalscheck ist Doktorandin an der Wageningen Universität (Farming Systems Ecology Group). Sie arbeitet seit 2013 in Afrika mit regionalem Schwerpunkt auf Äthiopien und Ghana.
[email protected]


Links

Africa RISING – Britwum, A. O. und Akorsu, A. D., 2016: Qualitative gender evaluation of agricultural intensification practices in northern Ghana.
https://cgspace.cgiar.org/bitstream/handle/10568/78479/AR_gender_ghana_dec2016.pdf?sequence=1&isAllowed=y

IPA: Examining Underinvestment in Agriculture.
http://www.poverty-action.org/study/examining-underinvestment-agriculture-returns-capital-and-insurance-among-farmers-ghana

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