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Entwicklungsstrategie

Die kulturelle Dimension

von Jörn Geisselmann

Hintergrund

A Miao bull fight

A Miao bull fight

Chinas ethnische Minderheiten sind meist ärmer als die Bevölkerungsmehrheit. Um daran etwas zu ändern, kooperieren UN-Institutionen mit der Regierung. Ihre Erfahrung zeigt, dass Sensibilisierung für die Kultur der Minderheiten sinnvoll ist. Das ist vermutlich in anderen Ländern ähnlich. Von Jörn Geißelmann

Als die Millenniumsziele (MDGs) konzipiert wurden, wurde die Rolle der Kultur übersehen. Tatsächlich wird der kulturellen Dimension der Entwicklung bisher insgesamt wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Und wo sie erwähnt wurde – etwa in Gunnar Myrdals „Asiatischem Drama“ (1968) –, galt sie meist als Entwicklungshindernis.

Erst seit kurzem ändert sich diese Sicht. 2010 zum Beispiel einigte sich die UN-Generalversammlung auf eine Resolution zum Thema Kultur und Entwicklung. Diese betont die Bedeutung, die Kultur für nachhaltige Entwicklung und die Erreichung der MDGs hat. Ein weiterer Ausdruck der neuen Perspektive ist der MDG Achievement Fund (MDG-F). Er ist einer der größten Fonds in der UN-Geschichte und wurde 2006 von der spanischen Regierung und dem UNDP gegründet. Seine Hauptziele sind das Erreichen der MDGs und die Förderung der UN-Reform auf nationaler Ebene. Zurzeit laufen in acht Bereichen 128 Programme in 49 Ländern. Ein Bereich thematisiert den Einfluss der Kultur auf die Entwicklung.

In China unterstützt der MDG-F ein UN-Programm, das eine kultursensible Entwicklung für ethnische Minderheiten fördert. Die Initiative Culture and Development Partnership-Framework (CDPF) begann 2009, läuft über drei Jahre und wurde in vier südwestlichen Provinzen gestartet, wo die Mehrzahl der ethnischen Minderheiten lebt.

Angesichts Chinas beeindruckender wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung überrascht es nicht, dass das Land viele MDGs bereits erreicht hat. Die Kluft zwischen den ethnischen Minderheiten und der Mehrheit bleibt jedoch groß. Während ethnische Minderheiten laut offiziellen Statistiken nur acht Prozent der chinesischen Bevölkerung ausmachen, befindet sich die Hälfte aller armen Menschen in Gegenden mit hohen Minderheitsanteilen. Im Schnitt fallen Bildungs- und Gesundheitsdaten für die Minderheiten ungünstiger aus. Zugleich sind ihre kulturellen Identitäten durch die Globalisierung und schnelles Wirtschaftswachstum bedroht.

Das CDPF ist bis dato das größte Projekt für ethnische Minderheiten, das die UN in China betreiben. In Zusammenarbeit mit der Behörde für ethnische Angelegenheiten und einer Reihe anderer staatlicher und nichtstaatlicher Stellen zielt es darauf ab, ethnische Minderheiten durch bessere Richtlinien und Sozialleistungen in das kulturelle, sozialökonomische und politische Leben einzubeziehen. Außerdem sollen sie befähigt werden, ihre kulturellen Ressourcen zu bewahren und sie für die wirtschaftliche Entwicklung zu nutzen. Das Programm erhielt sechs Millionen Dollar vom MDG-F und Sachmittel im Wert von einer Million Dollar von der chinesischen Regierung.

Seit 2009 haben mehr als 5000 Angehörige ethnischer Minderheiten in abgelegenen Gegenden an CDPF-Pilotprojekten und -Trainings teilgenommen. Die Aktivitäten zielen unter anderem auf die kulturelle Sensibilisierung der Behörden und Grundschulen ab. Außerdem wurden die Qualität der Gesundheitsversorgung für Mutter und Kind verbessert und der Zugang dazu erleichtert. Auch kultursensible Tourismusinitiativen wurden gestartet und das örtliche Handwerk gestärkt. Aufklärung über Diskriminierung am Arbeitsplatz sowie über kulturelles und landwirtschaftliches Erbe gehört ebenfalls zum Programm.

Obendrein wurden Studien über das Bildungswesen in den Minderheitsregionen, das Wechselspiel von Kultur und Gesundheit, aber auch die Rolle von Sprache und kulturellen Barrieren auf dem Arbeitsmarkt durchgeführt. Das half, Defizite der staatlichen Politik zu erkennen und Entscheidungsträger für spezielle Bedürfnisse und Lebensumstände der Minderheiten zu sensibilisieren. 2010 veranstaltete das CDPF einen nationalen Policy-Workshop mit Beamten und Wissenschaftlern.

Konkrete Beispiele

Konkrete Beispiele zeigen, wie sich die acht teilnehmenden UN-Institutionen – darunter UNESCO und UNDP – mit der kulturellen Dimension von Entwicklung befassten. In der Provinz Guizhou arbeitet das Programm etwa mit lokalen Gemeinschaften, um ethnische Kulturen zu identifizieren und zu dokumentieren. Die Methode heißt „cultural mapping“. Seine besondere Stärke ist, dass die Gemeinschaftsmitglieder selbst – und nicht UN-Personal oder Ethnologen – entscheiden, welche Elemente ihre Kultur definieren. Dieses Vorgehen stärkt die Gemeinschaft.

Gefragt, was ihr Dorf auszeichne, nannte ein Miao-Dorf zum Beispiel die Stierkampf-Tradition. In ihrer Kultur sind Bullen wertvoll und werden nicht im Kampf getötet. Rund 20 000 Besucher kamen zu dem viertägigen Fest, und mehr als 100 Ortsansässige profitierten von geschäftlichen Aktivitäten. Ermutigt durch diesen Erfolg, beschloss die Dorfgemeinschaft, solche Veranstaltungen regelmäßig durchzuführen.

Nachdem fast 40 Holzhäuser in einem Dorf der Dong niederbrannten, entschieden die Einwohner, ihre traditionellen Methoden zur Feuervorsorge aufzuschreiben und aktiv an die jüngere Generation weiterzugeben. Feuer treten in Dörfern der Dong regelmäßig auf.

Ein anderes Beispiel bezieht sich auf die MDGs 4 und 5 (Reduzierung der Kinder- und Müttersterblichkeit). Studien von UNICEF und UNFPA zeigten, dass viele Frauen aus ethnischen Minderheiten Hausgeburten bevorzugen. Das liegt unter anderem an weiten Entfernungen bis zum nächsten Krankenhaus, an den Kosten des Aufenthalts dort (die Entbindung selbst ist in vielen Regionen der Minderheiten gratis) und an Schwierigkeiten, rechtzeitig in die Klinik zu kommen, wenn die Wehen einsetzen. Manche Minderheiten glauben zudem, dass es das Kind segnet, wenn die Plazenta nahe dem Haus vergraben wird. Krankenhäuser weigern sich aber meist, die Plazenta auszuhändigen.

Chinesische Gesundheitsbehörden befürworten Klinikgeburten, da Hausgeburten ohne Hebammen für Mutter und Kind ein hohes Risiko bedeuten. Um die Lebenssituation der Minderheiten zu verbessern, führte das CDPF Warteräume ein, in denen schwangere Frauen vor der Geburt kostenfrei wohnen können. Außerdem empfiehlt das Programm, Eltern zu erlauben, die Plazenta mit nach Hause zu
nehmen.

Kulturelle Sensibilität kann auch wirtschaftliche Entwicklung anregen. Das CDPF unterstützt kulturell geprägte Tourismusinitiativen und Innovationen im traditionellen Handwerk. Dabei wird die Kommerzialisierung der Kultur sehr vorsichtig angegangen – würde sie übertrieben, würde sie weder die Bedürfnisse der lokalen Gemeinschaften noch die ihrer Kunden befriedigen.

Gleichzeitig werden Maßnahmen ergriffen, die es Gemeinschaften ermöglichen, vielfältig an Entwicklung teilzuhaben und von dieser zu profitieren. Dazu gehören:
– gemeinschaftsbasierte Konzepte der Tourismusentwicklung,
– die Einführung von Pensionen, die von Familien betrieben werden,
– umfassende Fortbildung für Handwerker und Unternehmer aus den ethnischen Minderheiten und
– die Gründung von Handwerksverbänden.
Auch andernorts zeigt die Erfahrung, dass ohne solche Maßnahmen die Gewinne größtenteils an externe Geschäftsleute und lokale Eliten fließen, aber die Armut kaum gelindert wird.

Die Beispiele machen deutlich, wie die Unterstützung von traditionellen Kulturen der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung helfen kann. Kultur- und situationssensible Maßnahmen können die Entwicklungsresultate verbessern. Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass traditionelle Kultur immer positiv ist und dass alle Elemente der Entwicklung helfen können. Für Bräuche wie die Genitalverstümmelung in Teilen Afrikas und der arabischen Welt gilt das sicherlich nicht.

Die Erfahrungen des CDPF zeigen, dass das Bewusstsein für die kulturelle Dimension helfen kann, die Millenniumsziele und andere wichtige Ziele zu erreichen. Die Vorteile der kultursensiblen Arbeit sind bei Minderheitsethnien besonders klar, aber der Ansatz ist vermutlich auch in anderen Kontexten sinnvoll.