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Flucht

Ugandas offene Türen

von Ochan Hannington

Hintergrund

Südsudanesischer Junge im Flüchtlingslager Palorinya, Uganda.

Südsudanesischer Junge im Flüchtlingslager Palorinya, Uganda.

Obwohl Uganda ein armes Land ist, sind seine Türen offen für Geflüchtete. Die meisten kommen aus dem Nachbarland Südsudan, wo bewaffnete Auseinandersetzungen Menschen vertreiben.

Von den 68,5 Millionen Vertriebenen weltweit haben mehr als eine Million in Uganda Zuflucht gesucht. Laut UN-Statistiken  sind rund 800 000 von ihnen Südsudanesen. Seit dem Beginn der aktuelle Krise im Südsudan 2013 hat ihre Zahl drastisch zugenommen. Einige kleine Dörfer in Norduganda wuchsen innerhalb weniger Monate zu mit den größten Flüchtlingslagern der Welt an und beherbergen nun insgesamt rund eine halbe Million Menschen.

Geriga Charles ist einer dieser südsudanesischen Geflüchteten. Der 44-Jährige und seine 15-köpfige Familie leben im Flüchtlingslager Suwinga-Bidibidi. Sie überleben dank der mageren Essensrationen für Flüchtlinge und schlafen in Hütten aus Zweigen, Lehm und Gras – ein typischer Anblick in den Flüchtlingslagern in Uganda. Sie kamen in der zweiten Jahreshälfte 2016, zum Höhepunkt des jüngsten gewaltsamen Konfliktes im Südsudan, der die gesamte Region Equatoria im Süden des Landes in Mitleidenschaft zog. Charles hätte auch in die Demokratische Republik Kongo fliehen können, die seinem Zuhause näher lag, aber er führte seine Familie stattdessen nach Uganda. „Uganda ist freundlich gegenüber Geflüchteten. Hier ist Frieden; wir können uns frei im Land bewegen. Und es gibt eine gute Ausbildung für unsere Kinder“,  erklärt er seine Wahl.

Charles betrachtet Uganda als seine zweite Heimat. 1993 suchte er das erste Mal hier Schutz, während des Bürgerkrieges im Sudan, als Südsudan noch nicht unabhängig war. Damals floh er mit seinem Vater und mit nichts mehr als der Kleidung an seinem Leib. Als der Konflikt in seiner Heimat 2016 wieder aufflammte, waren Charles und seine Familie gezwungen, von einem Dorf ins nächste zu ziehen, um den verschiedenen bewaffneten Gruppen auszuweichen. Aber sich im Busch zu verstecken bedeutete keine Sicherheit, sagt Charles – und es war für ihn unmöglich, weiterhin als Bauer zu arbeiten. „Wenn die Kämpfe heftiger werden, gibt es nichts mehr zu essen, wir können nicht mehr auf unsere Felder und haben keine medizinische Versorgung; uns bleibt nur noch zu fliehen“, erklärt er.

Es war schwierig, das umkämpfte Gebiet zu verlassen. Charles kann nur an Krücken gehen, weil er als Kind Polio hatte. Diese Behinderung macht ihn zu einem leichten Opfer für marodierende Milizen. Aber die Familie schaffte es, die Grenze zu Uganda zu überqueren. Charles ist dankbar, dass sie nun in Sicherheit sind und hat vor, so lange zu bleiben, bis sich die Sicherheitslage im Südsudan verbessert.  


Wenige Alternativen

Maliko Hellen vom International Rescue Committee in Norduganda hilft Geflüchteten wie Charles, zu überleben und sich von dem Schock zu erholen. Sie ist froh, dass viele ihrer Klienten nicht zu lange im Südsudan geblieben sind und mit den bewaffneten Gruppen Verstecken gespielt haben. „Viele Geflüchtete erzählen mir, dass sie flohen, bevor die Kämpfe ihre Dörfer erreicht hatten. Sie wussten von der angespannten Lage, nahmen den schlimmsten Ausgang vorweg und verließen ihr Zuhause, bevor es dazu kommen konnte.“ Hellen fügt hinzu, dass diejenigen, die zurückblieben, nicht viele Möglichkeiten hatten – entweder mussten sie sich den bewaffneten Gruppen anschließen, die in ihre Dörfer einfielen, oder sie riskierten, getötet zu werden.

Laut der London School of Hygiene and Tropical Medicine standen fast 400 000 Todesfälle im Südsudan zwischen Dezember 2013 und September 2018 im Zusammenhang mit der Krise. Aus dem Land zu flüchten, ist somit eine kluge Entscheidung. 

Diese Wahl traf auch die 56-jährige ­Vicky Nyoka: Sie hatte einen Schusswechsel zwischen Regierungs- und Oppositionstruppen überlebt und wollte „kein Risiko mehr eingehen“. Nyoka, eine Witwe, floh im Dezember 2016 zu Fuß aus dem Südsudan, zusammen mit ihren sechs Kindern und noch drei weiteren, die sie unterwegs auflas. Die drei waren von ihren Eltern auf der Flucht getrennt worden und hatten keine Hoffnung mehr, ihre Verwandten je wiederzusehen. 2017 beging eines dieser Kinder Selbstmord.

Nyoka erinnert sich an den Moment, als sie die blauen und weißen Zelte des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR jenseits der Grenze in Uganda sah und wusste, dass ihr furchtbarer Marsch vorbei war und ein besseres Leben auf sie wartete. „In Uganda gibt es Freiheit. Andere Länder sperren Flüchtlinge ein als wären sie Tiere“, sagt sie. 

Thijs Van Laer von der International Refugee Rights Initiative (IRRI) meint, es sei absolut „sinnvoll“ für Leute wie Charles und Nyoka, Uganda anderen Nachbarländern vorzuziehen. „Das erste Kriterium ist geographische Nähe. Aber die Tatsache, dass Geflüchtete hier in Uganda relative Freiheiten genießen und von UNHCR und NROs unterstützt werden, ist natürlich ein weiterer Grund.“

Ugandische Gesetze von 2006 und 2010 garantieren Geflüchteten Schutz und Freiheit ebenso wie Eigentumsrechte, Bewegungsfreiheit, das Recht zu arbeiten und Zugang zu Dienstleistungen. Laut Weltbank und UNHCR bieten diese Leistungen Geflüchteten die Möglichkeit, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen und unabhängig zu sein.


Keine Sicherheit

Nach Einschätzung von Eujin Byun vom UNHCR-Büro in Juba hat sich der Konflikt im Südsudan beruhigt. Die „spontanen Konflikte“ in einigen Gegenden des Landes seien jedoch „beunruhigend“, und dies halte Flüchtlinge davon ab, zurückzukehren. „Ein wichtiger Grund, warum sie geflohen sind, war die Unsicherheit. Südsudanesische Geflüchtete in verschiedenen Ländern brauchen eine Garantie bezüglich Sicherheit, sonst trauen sie sich nicht zurückzukehren.“ Das heißt, es könnte lang dauern, bevor sie „das Narrativ der Repatriierung“ annehmen, sagt Byun.

Sie befürchtet, dass noch mehr Südsudanesen nach Uganda fliehen werden, wenn nicht bald Normalität einkehrt. „Das Problem der Nahrungsunsicherheit wird immer ernster. Wenn Bauern nichts anbauen können, weil sie sich im Busch verstecken müssen, können sie nichts ernten. Deswegen haben sie keine andere Wahl, als Nahrung in anderen Ländern zu finden.“ Rund 80 Prozent der südsudanesischen Bevölkerung lebt in ländlichen Gegenden im Süden des Landes. Die meisten Haushalte sind auf Subsistenz-Ackerbau angewiesen.

Obwohl die großen Konfliktparteien 2018 einen Friedensvertrag unterzeichnet haben, gibt es nach wie vor verfeindete bewaffnete Gruppen im Südsudan. Diese Gewalt ist eine Gefahr für Zivilisten. Bis sich die Lage beruhigt, haben Geflüchtete zu viel Angst, zurückzukehren.


Ochan Hannington ist ein südsudanesischer Journalist, Fotograf und Filmemacher. Er lebt momentan in Uganda.
[email protected]

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