Informelle Siedlungen
Wie marginalisierte städtische Gemeinschaften in Afrika Innovation vorantreiben
Die Bewohner*innen in den informellen Siedlungen der simbabwischen Hauptstadt Harare sehen sich selbst nicht als Innovator*innen. Für sie geschieht Innovation an Universitäten oder in großen Unternehmen, wo etwa neue Mobiltelefone oder digitale Zahlungssysteme entwickelt werden.
Und doch sind genau diese Menschen jeden Tag still und leise innovativ: Sie passen sich an, lernen und verbessern Dinge, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ihre Familien zu versorgen. Manches davon ist sichtbar, etwa das Recycling von Metall und Holz, um daraus neue Produkte zu fertigen – ein Prozess, der für die Kreislaufwirtschaft entscheidend ist.
Andere innovative Entwicklungen sind nicht so offensichtlich, und doch haben sie enormes Potenzial, Gesellschaften zu verändern. Ich begegne ihnen regelmäßig in den Netzwerken, Initiativen und Kampagnen in den benachteiligten Vierteln. Anfangs entstehen sie oft aus Selbsthilfegruppen für Sparprogramme heraus. Werden sie gut unterstützt und haben sie Möglichkeiten, wachsen diese Gruppen häufig zu Plattformen heran, die sich mit staatlichem Handeln auseinandersetzen, um Verbesserungen einzufordern und Lösungen für komplexe urbane Probleme zu finden.
Es gibt einen Spruch, der in Siedlungsgebieten auf dem ganzen Kontinent immer wieder zu hören ist: „Wir sind nicht das Problem. Wir sind die Lösung.“ Wer das Wissen, die Fähigkeiten und die Energie von einkommensschwachen Gemeinschaften ignoriert, verpasst eine wichtige Quelle für integrative und innovative Stadtentwicklung. Dieses Potenzial der Basis ist besonders in afrikanischen Städten wichtig, wo die Lebensrealitäten und Prioritäten vieler Menschen oft übersehen werden.
Beispiellose Urbanisierung
Zum einen hat das schlicht etwas mit Zahlen zu tun. Afrika ist weltweit die Region, die sich am schnellsten urbanisiert. Schon heute wohnen hier 700 Millionen Menschen in städtischen Gebieten; bis 2050 wird sich diese Zahl auf 1,4 Milliarden verdoppeln. Aktuell lebt auf dem gesamten Kontinent etwa die Hälfte der Stadtbewohner*innen in informellen Siedlungen – diese Menschen bilden somit eine enorme „Humanressource“.
In den meisten urbanen Zentren sind die Menschen jung – ein Trend, der sich beschleunigt. Bis 2050 wird die Hälfte der afrikanischen Bevölkerung unter 25 Jahre alt sein. Junge Menschen sind zunehmend gut ausgebildet, doch formelle Jobs sind nach wie vor rar. Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit sind weit verbreitet; die meisten verdienen ihren Lebensunterhalt auf informellem Weg, oft unter prekären Bedingungen. Es fehlt an Basisdienstleistungen, und aufgrund unsicherer Landbesitzverhältnisse müssen die Menschen ständig fürchten, vertrieben zu werden. In einem solchen Umfeld ist Innovation nicht nur eine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Der Klimawandel verschärft all diese Herausforderungen zusätzlich. Immer häufiger auftretende Extremwetterereignisse erfordern lokale Lösungen. Starkregen kann schwere Schäden verursachen – etwa wenn Sturzfluten auf informelle Siedlungen treffen, wo Kanalisation oder asphaltierte Straßen fehlen. Hohe Temperaturen können das Leben in schlecht belüfteten Hütten unerträglich machen.
Bewohner*innen werden aktiv
Häufig wird den Menschen in solchen Situationen klar, dass es staatliche Hilfe nicht so bald geben wird. In Siedlungen wie Tafara in Harare haben die Bewohner*innen die Dinge selbst in die Hand genommen. Sie bauen Entwässerungskanäle, um Hochwasser abzuleiten, und pflanzen widerstandsfähige lokale Gräser, um den Boden zu stabilisieren und Erosion zu verhindern. In Dzivaresekwa Extension, einer informellen Siedlung in Harare, erstellen die Bewohner*innen Karten, um zu ermitteln, wo Entwässerungskanäle am dringendsten benötigt werden, um Hochwasser effektiver zu bewältigen.
Einige der innovativsten Gemeinschaften, die ich kenne, haben sich erst nach und nach dazu entwickelt. Innovation braucht Zeit, Vertrauen und viel Organisation. Ich arbeite für Dialogue on Shelter for the Homeless in Zimbabwe. Wir stehen in Verbindung mit Slum Dwellers International (SDI), einem globalen Bündnis lokaler Organisationen, das sich für einen kollektiven, basisdemokratischen Wandel hin zu inklusiven und resilienten Städten einsetzt. Wie sich Gemeinschaften organisieren lassen, ist hier eine zentrale Frage.
In Südafrika etwa hat SDI dabei geholfen, gemeindebasierte Recycling-Teams aufzubauen, die sich mit der Rückgewinnung und Entsorgung fester Abfälle beschäftigen. In Uganda brachte SDI Mitarbeitende der Regierung und Bewohner*innen informeller Siedlungen zusammen, um gemeinsam Lösungen für bessere Bedingungen in den Siedlungen zu entwickeln. In Simbabwe unterstützte SDI den Bau umweltfreundlicher Toiletten sowie Recyclingaktivitäten in informellen Siedlungen, die aus Abfall eine Einnahmequelle machen. Andere von SDI unterstützte Projekte konzentrieren sich auf urbane Landwirtschaft, Klimaanpassung und darauf, Landbesitzrechte zu sichern.
Spargruppen als Startpunkt
In vielen informellen Siedlungen beginnt der Organisationsprozess von Gemeinschaften mit kleinen Spargruppen. Diese verbinden Menschen, die sonst isoliert und ungehört bleiben würden. Solche Gruppen aufzubauen, kann ein langwieriger und iterativer Prozess sein, und nicht alle Gruppen bestehen dauerhaft. Wenn sie sich aber etablieren, können sie viel bewirken – für Einzelpersonen wie für die gesamte Gemeinschaft.
Mit wachsender Sparsumme beginnen die Gruppenmitglieder naturgemäß, über umfassendere Probleme ihrer Wohngegend nachzudenken. Das reicht von der Sicherung von Landnutzungsrechten und dem Überflutungsmanagement bis zur Verbesserung des Zugangs zu Wasser und sanitären Einrichtungen. In Hopley, einem weiteren Stadtteil von Harare, sparen die Bewohner*innen auf Bohrlöcher, da der Staat keinerlei Pläne hat, dorthin Wasserleitungen zu verlegen. Ersparnisse zu haben, stärkt die Gruppe nicht nur in dem Gefühl, handlungsfähig zu sein, sondern bietet ihr auch die finanziellen Mittel, um Veränderungen anzustoßen und von den lokalen Behörden ernster genommen zu werden.
Peer-to-Peer-Lernen kann den gemeinschaftlich angestoßenen Wandel beschleunigen. Der Austausch mit Bewohner*innen benachbarter Siedlungen, Städte oder sogar Länder ermöglicht es, Erfahrungen und praktisches Wissen zu teilen. So können Innovationen, die sich in einem Kontext bewährt haben, auf einen anderen übertragen und angepasst werden. Die Bereitschaft, zu reflektieren, zu lernen und sich von anderen inspirieren zu lassen, erhöht das Veränderungspotenzial. Kürzlich etwa tauschten Gemeinschaften aus verschiedenen Siedlungen in Harare miteinander Ideen aus, etwa zu umweltfreundlichen Baumaterialien, Toilettenbau und Abfallrecycling-Genossenschaften.
Lokale Behörden zum Handeln bringen
„Information ist Macht“ ist ein Leitprinzip aller SDI-Gruppen. Lokale Behörden haben oft wenig Ahnung vom Leben in informellen Siedlungen – oder davon, wie viele Menschen in bestimmten Gebieten leben, wo in der Stadt sie ihren Lebensunterhalt verdienen oder wie sie mit informellen Dienstleistern zusammenarbeiten. SDI-Gruppen schließen diese Lücke, indem sie ihre Gemeinschaften systematisch kartieren, charakterisieren und zählen. Die detaillierten Daten, die sie generieren und analysieren, können entscheidend dafür sein, die Aufmerksamkeit von Mitarbeitenden der Regierung zu gewinnen, und sie können helfen, Dinge vor Ort zu verbessern – ohne die Bewohner*innen zu vertreiben.
Ein solches Engagement hilft nicht nur den Gemeinschaften dabei, Zugang zu Dienstleistungen zu erhalten und ihre Lebensbedingungen zu verbessern, sondern auch den staatlichen Institutionen. Wenn zuverlässige Daten zeigen, wie viele Menschen in einem Gebiet leben und wie viel die Gemeinschaften bereits investieren, wird für lokale Beamte oft sichtbarer, wo auch sie etwas tun können. Das kann der Aufwertung und Regularisierung informeller Siedlungen den Weg ebnen.
Ideen der Gemeinschaften legitimieren
Dialogue on Shelter for the Homeless in Zimbabwe arbeitet derzeit mit dem African Cities Research Consortium zusammen, das Bürgerorganisationen, Forschende und Mitarbeitende der Regierung zusammenbringt, um komplexe urbane Herausforderungen zu identifizieren und anzugehen. Solche Plattformen können sehr gut dabei helfen, Wissen und Lösungen von Gemeinschaften zu verbreiten und ihre Stimmen hörbar zu machen. Wenn Gemeinschaften Erkenntnisse und Pilotprojekte gemeinsam mit Forschenden entwickeln, nehmen Regierungsbehörden ihr Wissen oft ernster. Durch solche Kooperationen können Forschende dazu beitragen, Erkenntnisse und Ideen, die es in den Gemeinschaften bereits gibt, zu legitimieren.
In Harare hat das Urban Informality Forum – ein Netzwerk der Planning School der University of Zimbabwe – einen Raum für den Dialog zwischen Bürgerorganisationen, lokalen Behörden und Forschenden geschaffen. Es handelt sich um eine Plattform, um dringende Probleme zu benennen und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Das Forum hat Anteil daran, dass die Stadt ihre Sicht auf informelle Siedlungen verändert hat: Ihre Tendenz, diese abzureißen, ist einer zunehmenden Offenheit für Modernisierung und Verbesserung gewichen.
Dieser Fortschritt ist keineswegs selbstverständlich. In Simbabwe und ganz Afrika ist tiefgreifender Wandel nötig, um das volle Potenzial der Ideen, des Einfallsreichtums und der Innovationskraft der Stadtbewohner*innen freizusetzen. Wenn Gemeinschaften dabei unterstützt werden, sich zu organisieren, eigene Prioritäten zu setzen, voneinander zu lernen und neue Wege der Zusammenarbeit mit Behörden zu erproben, sind die Chancen für eine sinnvolle und integrative städtische Transformation immens.
Innovation kommt von den Menschen. In afrikanischen Städten bedeutet das, mit der großen Mehrheit zusammenzuarbeiten, die am Rande der rasanten städtischen Expansion lebt.
Links
African Cities Research Consortium
Slum Dwellers International
Dialogue on Shelter for the Homeless Trust
Teurai Anna Nyamangara ist Expertin für die Entwicklung von Gemeinschaften mit Sitz in Harare, Simbabwe. Sie arbeitet für Dialogue on Shelter for the Homeless in Zimbabwe, eine mit der zivilgesellschaftlichen Organisation Slum Dwellers International verbundene Organisation.
annanyamangara@gmail.com