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Kindheit

Vergessene Verantwortungsträger

von Damilola Oyedele

Hintergrund

Olawumi Ishola und ihr Bruder Michael – acht Jahre nach dem Tod ihrer Eltern leben sie noch zusammen.

Olawumi Ishola und ihr Bruder Michael – acht Jahre nach dem Tod ihrer Eltern leben sie noch zusammen.

In Nigeria lebt eine schutzbedürftige Gruppe, der die Behörden dringend mehr Beachtung schenken müssten: minderjährige Jugendliche, die Haushalte führen und sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern.

Olawumi Ishola war 15, als ihre Eltern starben. Von da an kümmerte sie sich als Ersatzmutter um ihre 13, neun und drei Jahre alten Geschwister. Die vier Kinder leben in Abuja, der Hauptstadt Nigerias.

Olawumis Vater starb nach langer Krankheit, die Mutter wenige Monate später, offenbar an gebrochenem Herzen. „Ich erinnere mich, dass sie sich sehr nah waren“, sagt sie. „Als seine Krankheit schlimmer wurde, brachte meine Mutter ihn in unsere Heimatstadt in Osun. Nach dem Tod der beiden wollte kein Verwandter uns alle vier aufnehmen.“

Eine Tante versprach, sich um die beiden jüngsten Kinder zu kümmern, und so kehrte Olawumi mit ihrem 13-jährigen Bruder Michael nach Abuja zurück. Einige Monate später erfuhr sie, dass ihr neunjähriger Bruder von der Tante misshandelt wurde. „Ich konnte es nicht ertragen. Mir wurde gesagt, er werde gezwungen, alle Arbeiten zu erledigen, und ständig geschlagen. Ich lieh mir Geld und holte ihn und unsere kleine Schwester zurück“, berichtet sie.

Sie hatte weder einen Job noch eine Ausbildung und war eigentlich nicht in der Lage, die Verantwortung für ihre Geschwister zu übernehmen. Hilfe gab es von niemandem, auch nicht von der Regierung. Die Waisenkinder kämpften um ihr Überleben. Wie zu erwarten, brachen sie die Schule ab. Die beiden Älteren verrichteten niedere Arbeiten, um die Familie zu ernähren und zu kleiden und die Miete für das Zimmer zu bezahlen, das sie ihr Zuhause nannten.

„Wir haben Kämpfe durchgestanden, an die ich mich nicht erinnern möchte. Wer nicht das Gleiche erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, was wir durchgemacht haben“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Ihr Bruder Michael arbeitete auf Baustellen und wurde Maurer. „Ich verdiene jetzt etwas mehr Geld, damit unser Bruder eine Ausbildung machen kann“, sagt er.

Acht Jahre nach dem Tod der Eltern ist offensichtlich, wie verheerend dieser Schicksalsschlag für die vier Geschwister war. Sie haben keine Bildung und keine Qualifikation, ihre Zukunft sieht düster aus.

Die Kleinste war drei, als ihre Eltern starben. Sie schaffte es, die sechsjährige Grundschulzeit an einer staatlichen Schule zu beenden. Der Unterricht war kostenlos, aber schlecht. Da sie ihre älteren Geschwister finanziell nicht belasten möchte, will sie nicht auf die weiterführende Schule gehen.

Chinwe Okafor (Name geändert) hat eine ähnliche Geschichte. Als Teenager kümmerte sie sich um ihre zwei kleinen Brüder. Mit 15 Jahren heiratete sie und hoffte, dass dann alles leichter würde. Leider war dem nicht so: Ihr Ehemann misshandelte sie und sie verließ ihn. Nun kümmert sie sich nicht nur um ihre beiden Brüder, sondern auch um das Kind, das aus der kurzen Ehe hervorgegangen ist. Sie ist jetzt 17.

Junge Verantwortungsträger sind in einer schwierigen Lage. Sie haben selten genug Geld, um die Grundbedürfnisse ihrer Familien zu erfüllen. Meist fehlt ihnen eine Ausbildung und sie übernehmen niederste Jobs. Sie helfen in Haushalten, putzen, arbeiten als Träger auf den Märkten, als Wasserverkäufer oder anderes. Manche werden in ihrer Verzweiflung zu Sexarbeiterinnen oder Kleinkriminellen.

Glaubensgemeinschaften, Nichtregierungsorganisationen und andere Organisationen kümmern sich um Waisenkinder in Nigeria. Auf die Bedürfnisse von verwaisten Familienernährern, die ihr Bestes tun, um das zusammenzuhalten, was von ihrer Familie übrig geblieben ist, gehen die meisten jedoch nicht ein.

Es gibt keine zuverlässigen Statistiken über derartige Teenager-Haushalte. Aber es dürften in den vergangenen Jahrzehnten mehr geworden sein – durch die HIV/Aids-Epidemie sowie ethnische Konflikte, religiöse Gewalt und Terrorismus sind viele Kinder verwaist.

Laut dem Nigeria Demographic and Health Survey (NDHS) von 2013 sind sechs Prozent der Bevölkerung Waisenkinder unter 18 Jahren. Zum Erhebungszeitpunkt lebten in Nigeria schätzungsweise 180 Millionen Menschen. Die meisten Waisenkinder gab es im Südosten Nigerias (11 Prozent), die wenigsten (jeweils 4 Prozent) im Nordwesten und Nordosten. Diese Umfrage wird alle fünf Jahre durchgeführt, – die nächste wird voraussichtlich Anfang nächsten Jahres veröffentlicht. Durch die Eskalation des Boko-Haram-Terrors dürfte sich die Situation im Nordosten deutlich verschlimmert haben.


Hilfe benötigt

Den offiziellen Daten zufolge erhalten 95 Prozent der Waisen und gefährdeten Kinder weder von Regierungsbehörden noch von Verwandten ordnungsgemäße Unterstützung. Sie haben keinen Zugang zu sozialen Diensten, Bildung, medizinischer und psychologischer Hilfe und oft nicht einmal zu Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser.

Viele Kinder, die in Waisenheimen aufwachsen, müssen die Schule verlassen und geben ihr Bestes, um den jüngeren Geschwistern den Schulbesuch zu ermöglichen. Der Rat von Erwachsenen fehlt ihnen, viele werden schon vor dem 15. Lebensjahr sexuell aktiv. Frühe Ehen, ungewollte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten – inklusive HIV/Aids – verschärfen die Probleme. Diese Jugendlichen kämpfen ums Überleben und die Versorgung ihrer kleinen Familien. Es erstaunt kaum, dass viele durch kriminelle Aktivitäten wie Schlägereien oder Diebstahl ihren Lebensunterhalt verdienen.

Allerdings übernehmen sie Verantwortung, so gut sie können. Sie entscheiden sich, mit ihren Brüdern und Schwestern zusammenzubleiben, weil sie emotionale Unterstützung voneinander erhalten, um den Verlust ihrer Eltern zu verkraften. Es wäre sinnvoll, diese spezifische Gruppe traumatisierter Menschen gezielt zu unterstützen. Die meisten Kinderhilfsorganisationen tun dies nicht, auch nicht das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF). Es führt mehrere Projekte in Nigeria durch, vor allem in Lagern für Binnenvertriebene. Um Waisenkinder, die ihre Geschwister versorgen, kümmern sie sich jedoch nicht.

Manche Waisenhäuser haben jedoch einen anderen Ansatz, wie etwa das Alpha-und-Omega-Waisenhaus am Stadtrand von Abuja. Dieses nimmt sich der Kinder an, die ihre Familien versorgen, bietet ihnen grundlegende Hilfestellung und Betreuung durch Erwachsene an. Dabei können die Kinder weiterhin zu Hause leben.

Elizabeth Ariyo ist die Betreiberin des Waisenhauses. Sie sagt, sie bleibe in Kontakt mit diesen Kinder-Familien. Ihre Möglichkeiten sind jedoch begrenzt. Sie hat genug damit zu tun, sich ausreichend um die Bedürfnisse und die Bildung der 55 Kinder zu kümmern, die sie in ihr Waisenhaus aufgenommen hat.

Ariyo erzählt: „Wir haben freiwillige Betreuer, die die jugendlichen Verantwortungsträger im Auge behalten, sie beraten und aufpassen, dass sie nicht in Schwierigkeiten geraten. Das ist wichtig, denn egal welche Probleme sie haben, wenn sie auf die falsche Seite des Gesetzes geraten, wird alles nur schlimmer und es wird keine Rücksicht auf ihre Situation genommen“, sagt sie.

Kiema Oglunlana ist Geschäftsführerin der Wohltätigkeitsorganisation Sam Empowerment Foundation. Sie fordert gezielte Förderung für extrem gefährdete Gruppen wie diese Teenager-Familien. „Es ist wie im Umgang mit körperbehinderten Menschen – Sehbehinderte werden auch anders behandelt als Hörgeschädigte, weil sie völlig andere Bedürfnisse haben“, argumentiert sie.

Ogunlana beklagt, dass es keine speziellen sozialen Bildungs- oder Sozialprogramme für diese Zielgruppe gibt. Sie findet, die Regierung sollte Ressourcenzentren für die ärmsten Gruppen einrichten. Das Ziel wäre, den jungen Versorgern zu helfen,

  • ihre direkte Familie zusammenzuhalten,
  • nicht in Schwierigkeiten zu geraten (z. B. durch Verwicklung in Straftaten) und
  • Bildung zu erhalten und sich zu qualifizieren.

Sie haben es verdient, darin unterstützt zu werden, selbständig zu werden und sich zugleich angemessen um ihre jüngeren Geschwister zu kümmern.


Damilola Oyedele arbeitet als Journalistin in Abuja, der Hauptstadt Nigerias.
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