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Technische Entscheidungen

Die Schattenseiten grünen Wachstums

von Ian Christoplos

Hintergrund

Vertriebenen bleibt oft keine Wahl, als Wälder zu zerstören, um sich neues Land zu erschließen: Brandrodung in Brasilien.

Vertriebenen bleibt oft keine Wahl, als Wälder zu zerstören, um sich neues Land zu erschließen: Brandrodung in Brasilien.

Ökologische Technologien an sich stellen meist keine direkte Gefahr für die arme Bevölkerung dar. Das Risiko liegt eher darin, wie diese Technologien genutzt werden – und von wem. Benachteiligte Gruppen müssen lernen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Andernfalls können grüne Wachstumsstrategien die Armut verschlimmern und der Umwelt schaden.

Im derzeitigen Diskurs ist grünes Wachstum eher ein Slogan als ein klares Konzept – wenn auch ein starker Slogan, der womöglich enorme Investitionen mobilisiert. Entscheidend ist aber, wie dieser Begriff aufgefasst wird und wie damit bestimmte Taten gerechtfertigt werden.

Befürworter des grünes Wachstums wollen in der Regel zwei Dinge zugleich erreichen: den Transfer vermeintlich ökonomisch nachhaltiger Technologien, sowie Wirtschaftswachstum. Dem liegt die Idee zugrunde, dass eine umweltfreundlichere Ökonomie möglich ist, ohne auf Wachstum zu verzichten.

In der Debatte über Armut und Wachstum besteht weitgehend Konsens darüber, dass Wachstum eine Voraussetzung aber keine Garantie für Armutsminderung ist. Das thematisieren die Befürworter grünen Wachstums nur selten – was aber besser wäre. Jahrzehnte der Entwicklungspolitik haben gezeigt, dass keine Technologie ohne weiteres in jeden beliebigen sozioökonomischen Kontext passt. Es gilt immer zu berücksichtigen, was die Einführung auf der Mikroebene der politischen Ökonomie der Armut bedeutet.

 

Falscher Fokus

Bei grünen Wachstumsstrategien liegt der Fokus meist auf den Technologien, wer sie nutzen wird und wie, ist zweitrangig. Das muss sich ändern. Wir müssen herausfinden, wie Arme von grünen Wachstumsstrategien profitieren können. Auch wenn die Armen und vom Klimawandel besonders Betroffenen nicht die Nutzer dieser Technologien sind, so muss doch genau geprüft werden, wie diese sich auf sie auswirken.

In der Debatte um grünes Wachstum wird oft suggeriert, es gäbe „Win-win"-Lösungen. Die Anpassung an den Klimawandel ist aber ein komplexes Vorhaben. So hängt jede grüne Wachstumspolitik von natürlichen Ressourcen ab – insbesondere von Land und Wasser. Der Zugang zu diesen Ressourcen ist fast überall auf der Welt ein Streitpunkt. Ob eine neue Technologie den Armen dient oder ihnen eher schadet, lässt sich also erst sagen, wenn klar ist, wie ihre Nutzung die Verteilung von Land, Wasser und anderen lebenswichtigen Ressourcen beeinflusst. Leider werden derartige Fragen oft gar nicht erst gestellt.

Wenn es Ziel ist, Armut zu bekämpfen, muss der Fokus auf den Menschen liegen, die klimatischen Veränderungen und Umweltrisiken ausgesetzt sind und die kaum Chancen haben, darauf zu reagieren. Meist wird aber lediglich analysiert, wie eine technische Lösung umsetzbar ist – wobei sie ganz selbstverständlich als gut gilt. Es wird zu wenig dafür getan, dass die Menschen ausreichend informiert sind, um eigenständig zu entscheiden. Werden Wünsche und Bedürfnisse der Bevölkerung nicht berücksichtigt, ist das Projekt zum Scheitern verurteilt.

Bei Programmen zum Landwirtschaftsausbau hat man genau diese Erfahrungen gemacht. Vorgefertigte Technologie-Pakete kommen oft nicht bei den Armen an – weil sie diese nicht akzeptieren, oder sie nicht richtig nutzen. Die Berater sind daran gewöhnt, für das Scheitern von Projekten verantwortlich gemacht zu werden. Meist ist der Grund aber banal: Das Technologie-Paket war nicht gut entwickelt und passt nicht dazu, wie die Bauern über Produktivität, Vermarktung, Lebensmittelsicherheit und ähnliche Themen denken.

Ein Beispiel dafür ist, dass Kleinbauern, besonders in abgelegenen Regionen, ihre Risiken eher minimieren, als ihre Gewinne zu steigern. Für ihre Situation ist das richtig, denn ihre Familien müssen davon leben, was auf ihren Feldern wächst. Die meisten Landwirtschaftsprogramme dagegen zielen darauf ab, die Ernteerträge zu steigern – und nicht darauf, das überlebensnotwendige Minimum zu sichern. Ich selbst bin Kleinbauern begegnet, die kein Interesse an der von den Beratern empfohlenen ökologischen Landwirtschaft hatten: Der Grund war, dass sie mehr verdienten, wenn sie zusätzlich Gelegenheitsarbeiten übernahmen, als wenn sie versuchten, ihre Ernte zu steigern.

 

Vernachlässigte, aber relevante Aspekte

Auf Menschenrechten basierte Entwicklungskonzepte sehen vor, arme Menschen darin zu bestärken, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Armut ist im Kontext von Rechten und Pflichten zu betrachten (siehe Kasten, S. xx). In diesem Essay stelle ich das schwedische Konzept menschenrechtsbasierter Entwicklung dar. Partizipation, Transparenz, Rechenschaftspflicht und Diskriminierungsverbot sind darin wesentliche Aspekte – alles Kriterien, die im Diskurs um grünes Wachstum meist unbeachtet bleiben. Dabei können gerade diese einen Hinweis geben, ob eine Strategie den Armen dient oder nicht.

Programme, die spezifische Technologien fördern, lassen den Armen meist wenig Raum, sich zu äußern. Politiker und Bürokraten neigen dazu, öffentliche Teilhabe als hinderlich zu betrachten. Sich über die Bedürfnisse der Menschen hinweg zu setzen führt jedoch nicht weit.

Viele grüne Wachstumsstrategien beziehen sich auf landwirtschaftliche Großbetriebe, die Bio-Treibstoff herstellen. Solche Farmen gelten als wachstumsfördernd und tragen messbar zum Umweltschutz bei. Leider profitiert die arme Bevölkerung oft nicht davon. Entweder wird sie schlichtweg ausgeschlossen – oder die Menschen stellen fest, dass die Arbeit dort so unsicher, begrenzt und saisonabhängig ist, dass sie sich lieber eine Alternative suchen.

Wenn Großfarmen dort Bio-Treibstoff herstellen, wo zuvor Kleinbauern ihre Äcker bestellten, kann das Umweltzerstörung zur Folge haben. Etwa dann, wenn die Vertriebenen sich nicht anders zu helfen wissen, als auf abschüssigen Randstücken Felder anzulegen oder aber Wälder abzubrennen, um neue Anbauflächen zu erschließen („Brandrodungsackerbau"). Solange die arme Bevölkerung nicht ernsthaft in Entscheidungsprozesse einbezogen wird, können grüne Wachstumspolitiken sich schnell als kontraproduktiv erweisen – auch hinsichtlich der Umwelt.

Andererseits müssen Randgruppen, wenn sie in Entscheidungen einbezogen werden, verstehen, worum es geht. Um diese Art von Transparenz zu ermöglichen, ist mehr nötig als „Bewusstseinsbildung", wie oft in Klima-Diskussionen behauptet wird. Vielmehr geht es darum, Menschen zu befähigen, Vor- und Nachteile sämtlicher Entscheidungen objektiv zu beurteilen. Viele Entscheidungen – etwa zu Lebensmittelsicherheit, Existenzgrundlage, kulturellen Werten und sozialen Beziehungen – sind unabhängig von Umweltfragen zu treffen.

Die Verantwortlichen verpflichten sich selten zu solch multidimensionaler Transparenz, wenn grünes Wachstum vorangetrieben wird. Oft wird der Ausbau der Landwirtschaft einfach nur gefordert, um vermeintlich grüne Technologien zu verbreiten. Dabei wird keinerlei Mühe darauf verwendet, die Menschen entscheidungsfähig zu machen. Man geht davon aus, dass die Experten schon wissen, was am besten ist.

Entsprechend unklar lässt die Win-win-Rhetorik rund um grünes Wachstum, um welch schwierige Entscheidungen es oft geht. Die Annahme, dass Widerstände gegen eine grüne Wachstumsagenda durch reine Bewusstseinsbildung ausgeräumt werden können, bestätigt nur, dass Klimaaktivisten die Erfahrungen aus jahrzehntelanger Entwicklungsarbeit nicht verstanden haben.

Partizipation und Transparenz bedeutet, dass Pflichtenträger rechenschaftspflichtig gegenüber Rechtsträgern gemacht werden müssen. Pflichtenträger sind überwiegend staatliche Institutionen, aber auch Geberagenturen. Leider bestimmen in vielen Ländern die Geber die Klima-Agenda. Rechenschaftspflicht öffentlicher Institutionen ist ein Grundstein der Demokratie, der aber für viele Entwicklungsländer als Rechtsträger nicht gilt. Es ist besorgniserregend, wenn selbst Befürworter des grünen Wachstums aus Geberländern „starke" politische Leadership fordern, damit „der Zug rechtzeitig in Fahrt kommt". Dahinter steht die Furcht, Politiker könnten „zu rechenschaftspflichtig" gegenüber einer Bevölkerung sein, die grünes Wachstum skeptisch betrachtet.

 

Wer ist wem gegenüber ­verantwortlich

Die entscheidende Frage im Zusammenhang mit Armut und Benachteiligung lautet: „Wer ist wem gegenüber verantwortlich?" Ist das Ziel Armutsminderung, so sollten die politisch Verantwortlichen denjenigen gegenüber rechenschaftspflichtig sein, die vom Klimawandel betroffen sind – inklusive Viehhaltern, Kleinbauern und diejenigen, die von dem Leben, was der Wald hergibt.

Die betroffenen Gemeinschaften machen jedoch keine große Wählerschaft aus und sie gehören oft marginalisierten ethnischen Gruppen an. Es ist gewiss nicht einfach, sie in einen Diskurs zu politischer Verantwortlichkeit einzubeziehen. Wo das nicht geschieht, kommt es aber häufiger zu Gewaltkonflikten.

Aus gutem Grund ist das Diskriminierungsverbot das entscheidende Kriterium des hier besprochenen menschenrechtsbasierten Ansatzes. Auch Geschlechtergleichstellung ist ein wichtiges Thema. Denn die erwähnten Großfarmen sind oft Bestandteil grüner Wachstumsstrategien – und dieser Sektor ist in vielen Ländern eine Männerdomäne.

Bei Frauen geht es bei der Anpassung an den Klimawandel meist darum, wie sie die Ernährung ihrer Familie über Diversifikation sichern können. Für Kleinbetriebe hat „Wachstum" eine andere Bedeutung und sie erwirtschaften diesen beispielsweise über den Verkauf auf lokalen Märkten. Solche Strategien sind ausgesprochen wichtig, werden aber bei grünen Wachstumsprogrammen nicht berücksichtigt. Die Gefahr, dass die Diskriminierung von Frauen sich verschärft, ist groß. Wer sich mit Genderfragen im Kontext ländlicher Entwicklung befasst, weiß um diese Problematik.

 

Fazit

Wir wissen, wie schwer es ist, dynamisches mit inklusivem Wachstum zu kombinieren. Grünes Wachstum als Slogan ist unproblematisch, solange wir die Erfahrungen aus der Entwicklungspolitik berücksichtigen. Menschenrechtsbasierte Ansätze können dazu beitragen, dass wir uns von der Win-win-Rhetorik grüner Wachstumsideologen nicht über potenzielle Armutsfallen hinwegtäuschen lassen.

 

Ian Christoplos ist Forschungsleiter am Danish Institute for International Studies. Er hat sich auf Bodenschätze und Entwicklung spezialisiert.
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