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Nahrungssicherung

Regionale Märkte zählen

von Sheila Mysorekar

In Kürze

Small traders in Tanzania

Small traders in Tanzania

Afrika ist immer wieder in den Schlagzeilen wegen Hungersnöten. Ein neuer Bericht der Weltbank besagt, dass Afrika seine Bewohner ernähren könnte, dafür aber die Handelsschranken innerhalb des Kontinents beseitigen müsste. Von Sheila Mysorekar

Wenn man sich die Größe dieses Kontinents vor Augen hält, mit seinen enormen fruchtbaren und wasserreichen Regionen, dann scheint es über­raschend, dass Nahrungsknappheit in Afrika überhaupt existiert. Es gibt viele Gründe dafür – von Dürren über schlechte Infrastruktur und Bürgerkrieg bis hin zu noch immer von Landminen verseuchten Feldern.

In einem kürzlich erschienenen Report der Weltbank heißt es, der wichtigste Schritt zur Lösung von Afrikas Nahrungsproblemen sei, die Schranken für grenzüberschreitenden Handel abzuschaffen. Die Autoren der Studie meinen, dass Kleinbauern unterstützt werden müssten, um größere Nahrungsmittelkrisen zu verhindern. Noch wichtiger sei es aber, die Handelsbarrieren zwischen afrikanischen Staaten abzubauen.

Wegen rapider Urbanisierung müssen viele Staaten südlich der Sahara mehr Nahrungsmittel importieren. Aber die Weltbank warnt, dass dies nicht unbegrenzt so weitergehen kann, da die Kosten enorm sind – schon jetzt belaufen sie sich auf mehr als 20 Milliarden Dollar jährlich. Diese Summe steigt ständig mit der zunehmenden Nachfrage nach Nahrung. Der Nahrungsbedarf von Ländern südlich der Sahara wird sich bis zum Jahr 2020 voraussichtlich verdoppeln. Offensichtlich ist eine neue Agrarpolitik vonnöten.

Afrikanische Bauern ziehen aus verschiedenen Gründen in die Städte: Laut Studie sind Naturkatastrophen ein Hauptgrund, aber auch fehlendes Kapital, Saatgut und Dünger. Die Folgen sind weniger im Land produzierte Grundnahrungsmittel und mehr und immer teurere Importe. Eigentlich sollten die afrikanischen Farmer von diesem Trend profitieren, aber momentan kommen nur fünf Prozent der Getreideimporte aus dem Kontinent.

Laut Weltbank-Report kann dieses Problem gelöst werden, indem die Handelsbarrieren innerhalb des Kontinents abgebaut werden. Die Autoren erklären, dass in der Vergangenheit die Länder mit offenerer Handelspolitik größere Nahrungssicherheit hatten.

Die meisten Güter werden über Land mit Lastwagen transportiert. Schwache Logistik, schlechte Straßen und Straßensperren machen die Transitwege lang, teuer und oft auch noch gefährlich. Grenzüberschreitungen sind sogar noch schwieriger, weil nicht nur die Export- und Importbestimmungen sich selbst in Nachbarländern stark unterscheiden, sondern auch die Umsetzung dieser Regeln. Der Weltbank zufolge sind Bestechung und lange Verspätungen an den Grenzen an der Tagesordnung.

Das Problem der Logistik reicht jedoch noch weiter. Der Report weist auf eine andere Schwierigkeit im regionalen Handel hin: sexuelle Belästigung. Viele der von Kleinbauern produzierten Grundnahrungsmittel werden von Frauen zum Markt transportiert, von Kleinhändlerinnen, die ihre Familien mit dieser Arbeit ernähren. Die Weltbank-Studie führt ein Beispiel aus der Region der Großen Seen an, wo Frauen tagtäglich grenzüberschreitenden Handel treiben, oft aber von männlichen Grenzsoldaten belästigt werden. Die meisten dieser Fälle würden – so die Weltbank – nicht gemeldet. Aber das Verhalten der Männer beeinträchtige den Nahrungsmittelhandel.Den Handel für Frauen sicherer zu machen sei entscheidend für die Nahrungssicherung vieler Gegenden, stellt die Studie fest, da vor allem Produkte von Kleinbauern die Nahrungskrise abfedern könnten: „Arme Leute in den Slums von Nairobi bezahlen im Verhältnis mehr für Grundnahrungsmittel als die Reichen in ihrem Supermarkt.“ Daran kann man sehen, wie wichtig die richtige Verteilung ist, denn „in vielen Ländern kommen arme Bauern und arme Konsumenten nicht zusammen“.

Mehr als 70 Prozent aller Afrikaner leben auf dem Land und ihr Auskommen hängt von der Landwirtschaft ab. Der Report weist darauf hin, dass Kleinbauern unbedingt Zugang zu neuen Agrartechnologien bräuchten, wie zum Beispiel Hy­bridsamen und neue Düngemittel. An einem Beispiel aus Malawi zeigen die Autoren, dass dieser Prozess Hand in Hand mit einer Handelsliberalisierung gehen müsste, da Düngemittel und weitere Technologien importiert werden.

Investition in Institutionen

Handelsbarrieren zu senken ist eine ­politische Entscheidung. Nationale Regierungen ebenso wie regionale und ­internationale Handelsorganisationen müssen sich einig werden. Die Weltbank-Studie betont jedoch, dass auch die ­Beteiligung des Privatsektors für die Nahrungssicherung absolut notwendig sei. Den Autoren zufolge werden private Firmen gebraucht, um Nahrungsreserven aufzubauen und die Logistik zu verbessern, deswegen sei mehr Wettbewerb zwischen ihnen wünschenswert.

Weiterhin empfehlen die Autoren eine Reihe von Maßnahmen, um die Barrieren für den regionalen Nahrungsmittelhandel abzubauen. Darüber hi­naus fordern sie die Einführung eines Dialogprogramms über regionalen Nahrungsmittelhandel, in dem vernünftige Ziele ausgehandelt und durchgesetzt werden sollen.

Benjamin Luig, ein Nahrungsmittel­experte der katholischen Nichtregierungsorganisation MISEREOR, meint, dass die Weltbank-Autoren in einigen Punkten Recht haben: Es sei in der Tat „schockierend“, dass 95 Prozent der Grundnahrungsmittel in Afrika nicht regional produziert, sondern importiert würden. Megastädte wie Abidjan, Accra oder Nairobi sind sogar von Lebensmittelimporten aus dem Ausland abhängig.

Zwar seien in dem Weltbank-Report viele Probleme richtig benannt – wie Transportkartelle, teure Düngemittel oder schlechte Logistik –, sagt Luig, die wirklichen Gründe dafür würden jedoch nicht aufgeführt. Seiner Ansicht nach ist einer dieser Gründe die einseitige Orientierung des afrikanischen Agrarsektors hin zum Weltmarkt. Regionale Märkte würden zugunsten des Welthandels weitgehend vernachlässigt.

Anders als im Weltbank-Report empfohlen, befürchtet der Experte von MISEREOR, dass eine Handelsliberalisierung in Afrika entlang der Richtlinien der Welthandelsorganisation die afrikanische Nahrungsmittelproduktion weiter unterminieren würde.

Laut MISEREOR reicht es nicht aus, Regeln und Institutionen zu reformieren. Luig zufolge seien staatliche Investitionen in Lagerung und landwirtschaftliche Dienstleistungen notwendig. Er befürwortet auch die Unterstützung informeller Märkte, die von zentraler Wichtigkeit für arme Hirten, aber ebenso für arme Konsumenten seien.

Anders als viele andere Studien beschränkt sich dieser Weltbank-Report nicht darauf, die momentane Situation zu analysieren. Die Autoren haben eine „Indicative Action Matrix“ angehängt, in der sie klare Schritte empfehlen, die ihrer Ansicht nach die Nahrungsknappheit in vielen afrikanischen Ländern beheben würden. Dafür appellieren sie an höchste Autoritäten und die internationale Gemeinschaft ebenso wie an Grenzbeamte, Bauern und Kleinhändler.

Sheila Mysorekar