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Kolonialvergangenheit

„Trostpflaster auf Krebsgeschwür“

von Salua Nour

Hintergrund

Nigerian boy scouts in Lagos on 30 September 1960

Nigerian boy scouts in Lagos on 30 September 1960

Vor 50 Jahren wurden viele frankophone Länder Afrikas unabhängig. 1960 löste sich auch Nigeria von der britischen Kolonialmacht. In den Jahren 1960 bis 1966 wurden 46 von 54 Staaten des Kontinents souverän. Darüber, ob es an den Jahrestagen viel zu feiern gibt, haben Else Engel und Stephanie von Hayek mit der ägyptischen Politologin Salua Nour gesprochen. [ Interview mit Salua Nour ]

Wie war die Stimmung 1960 im Vergleich zu 2010?
1960 war symbolträchtig. Damals haben die führenden Kräfte die Bevölkerung mit Enthusiasmus in das politische Geschehen eingebunden. Es hieß: Wir kämpfen gegen den Kolonialismus. Hoffnungen wurden geweckt. Abertausende wurden mobilisiert. Dieser antikoloniale Kampf war wie eine Energie. 50 Jahre danach hat die Bevölkerung längst gemerkt, dass diese Unabhängigkeitsprozesse nicht zu dem geführt haben, was versprochen wurde.

Wie gestaltete sich der Übergang vom kolonialen zum nachkolonialen Staat?
In der nachkolonialen Zeit entstanden in den afrikanischen Ländern Klassenverhältnisse. Die Machthaber kontrollierten nationale Ressourcen und die Militärgewalt. Sie führten die Funktion des kolonialen Staates weiter, das bedeutete, sie marginalisierten und instrumentalisierten die Bevölkerung. Da keine Opposition aus der Gesellschaft kam, war das eine Entfesselung von Praktiken der uneingeschränkten Macht.

Ist Afrika dekolonialisiert?
Nein. Der offizielle Diskurs seit 50 Jahren sieht so aus: Afrika ist formal unabhängig, also muss sich etwas geändert haben. Das ist die Sprache innerhalb der internationalen Gemeinschaft und der Entwick­lungsländer. Die Realität ist etwas anders. Der einzige Unterschied zum kolonialen Verhältnis ist, dass der Kolonialstaat mit seinem Ausbeutungssystem jemandem zum Nutzen gereichte. Die ausgebeuteten Reichtümer wurden in geordneter Weise in die Mutterländer transferiert. Dort dienten sie der Akkumulation, der Entwicklung von Technologie und dem Wachstum. Der nachkoloniale Staat übt die gleiche Form der Ausbeutung aus, die Ressourcen nutzen aber niemandem. Sie werden auf Schweizer Banken transferiert, konsumiert, vernichtet.

Wie sehen die politischen Strukturen heute aus?
Seit dem Fall der Mauer und der Wandlung des internationalen Systems haben die afrikanischen Eliten gelernt, mit den Instrumentarien des Westens umzugehen. Die heutigen demokratischen Strukturen, Parlament und Wahlen haben mit Demokratie nach westlichem Verständnis aber nichts zu tun.

Geben Sie uns ein Beispiel.
Über den Kongo hat man gesagt, er sei Ursprung aller Katastrophen in der Region der Großen Seen. Nach Vorstellung der internationalen Gemeinschaft müss­te der Kongo in vier Teile geteilt und entwaffnet werden. Die Ordnungskraft in den Großen Seen sei Ruanda, dem man Einfluss auf den Ostkongo gibt. Dann veranstaltete man Wahlen. Dafür gab die EU eine Hilfe in Höhe von 20 Millionen Euro. Man hat europäische Truppen hingeschickt, um zu kontrollieren. Ein Parlament entstand. Aber es hat sich nichts geändert. Schauen Sie sich die wirtschaftlichen und politischen Strukturen an, die Korruption bis hin zu den Namen der Vertreter im Parlament, die sich aus der seit Jahrzehnten herrschenden Schicht rekrutieren. Das ist immer die gleiche Clique geblieben. Mobutu ist gestorben, aber sein Sohn und die Kräfte, die ihn getragen haben, sind da. Wer Widerstand leisten möchte, dem scheint nur die Option Gewalt zu bleiben.

Sie sagen, dass für die Menschen die Unabhängigkeit faktisch keinen Unterschied bedeutet.
Ghana und Botswana sind Ausnahmen. Ruanda präsentiert man als Erfolgsgeschichte. Es ist auf dem „Doing Business Index“ der Weltbank innerhalb von zwei Jahren von Platz 143 auf Platz 67 geklettert. Man schaut bei Ruanda aber nicht, was dahinter passiert. Man ist pro Ruanda wegen des Völkermordes von 1994. Egal, ob Ruanda den Ostkongo illegal besetzt, man sagt, das geht uns nichts an. Ruanda ist einer der größten Exporteure von Diamanten auf dem Weltmarkt, aber dort gibt es keine Diamantenvorkommen. Das kommt aus dem Ostkongo. Die Lage der Mehrheit der Bevölkerung in Ruanda bleibt insgesamt vergleichbar mit derjenigen der Bevölkerung in den meisten afrikanischen Ländern. Und für diese hat sich die Lebenslage seit der Unabhängigkeit faktisch verschlechtert.

Braucht Afrika Entwicklungshilfe, um der Armut zu entkommen, oder müssen die afrikanischen Eliten, wie es der ehemalige Botschafter Volker Seitz formuliert, „ihr Land endlich selbst in die Hand nehmen“?
Die Aussage von Botschafter Seitz ist nicht zu akzeptieren. Erstens weil sie utopisch ist. Er denkt logisch: Entwicklungshilfe geht immer an die herrschende Klasse, und die verwendet das für sich, also stoppen wir das. Aber er hat nicht untersucht, welche Funktion die Entwicklungshilfe für Industrieländer und deren Partner hat. Ein solcher Vorschlag würde massive politische und strukturelle Umwälzungen weltweit voraussetzen. Zweitens ist Afrika auf die brutalste Art ausgebeutet worden. Man kann postkolonial denken, wie man will, zurück zu den Zuständen im Afrika des 17. Jahrhunderts kann man nicht. Afrika ist Bestandteil der modernen Welt und braucht viele Ressourcen, um das zu kompensieren, was verloren gegangen ist. Afrika kann kein Kapital akkumulieren und nicht aus der Not herauskommen, wenn es kein Kapital hat.

Sie kennen Afrika. Was ist Ihre Empfehlung?
Sie wollen eine leichte Formel: Warum gibt man Entwicklungshilfe an die Politik? Die fressen 80 Prozent oder 90 Prozent, und der Rest wird konsumiert. Entwick­lungshilfe darf nicht mehr an die herrschende Klasse, sondern muss an die organisierte Bevölkerung und den Privatsektor gehen, dorthin, wo sich Menschen durch ihre Aktion selbst aus der Not heraushelfen können. Die Millenniums-Entwicklungsziele der UN sind nicht nachhaltig, sondern wie ein Trostpflaster auf ein Krebsgeschwür.

Und die Pflaster gehen irgendwann aus?
Der Mechanismus müsste jedem klar sein: Sie erreichen ein permanentes Funktionieren nur, wenn die Wirtschaft der Länder funktioniert und Steuern generiert. Warum gibt die internationale Gebergemeinschaft ihr Geld nicht an den Wirtschaftssektor? Das ist zu verstehen, wenn Sie die Rationalität des internationalen kapitalistischen Systems begreifen. Hier geht es um Konkurrenz. Man baut sich nicht seine eigene Konkurrenz auf, man vernichtet sie.

Das heißt, die Funktion Afrikas in der Vor- und der Nachkolonialzeit ist gleich geblieben?
Ja, Afrikas Rolle im internationalen Wirtschaftssystem ist es, Rohstoffe zu liefern und einen Absatzmarkt für Industriegüter abzugeben. Europa subventioniert seine Agrarprodukte. Diese sind dann sehr viel billiger als alles, was Afrika produzieren kann. Das ist das Ende jeden Wirtschaftens. Afrika hat keine Grundlage für eine Reproduktion und Erweiterung der Ressourcen über den Anschluss an den Weltmarkt. Afrika wurde abgehängt.

Was raten Sie jungen, idealistischen Menschen in Deutschland, die etwas verändern möchten?
Es gibt zwei Optionen. Erstens: auf der Dis­kursebene bleiben und sagen, es hat schon seine Ordnung, und ich kann nicht viel machen. Zweitens: radikales Ablehnen von Bestehendem. Das empfehle ich nicht. Meine Empfehlung ist: Ich gehe in dieses System im Rahmen einer Institution wie der GTZ und nutze die Handlungsspielräume. Diese sind in der Regel für das Individuum sehr viel größer, als man gemeinhin annimmt oder als man sich auszuloten traut. Ich konnte in der Praxis viel durchsetzen, indem ich auch oft nein gesagt oder innovativen Problemlösungsansätzen zur Geltung verholfen habe.