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Studie

Linderung im Gespräch mit Gott

von Mira Enders, Caterina Rohde-Abuba

Hintergrund

Der Glaube gibt Halt: Zwei syrische Mädchen in einem libanesischen Lager für Flüchtlinge aus der Idlib-Region.

Der Glaube gibt Halt: Zwei syrische Mädchen in einem libanesischen Lager für Flüchtlinge aus der Idlib-Region.

Religion und Glaube können Geflüchteten helfen, traumatisierende Erlebnisse besser zu verarbeiten. Dass dies auch für Kinder gilt, belegt World Vision in einer aktuellen Studie. Eine der beiden Autorinnen, Caterina Rohde-Abuba, erläutert im E+Z/D+C-Interview die Ergebnisse.

Wieso hat World Vision die Studie durchgeführt?
Es ist mehrfach nachgewiesen worden, dass der Glaube Erwachsenen hilft, schwierige Lebenssituationen zu bewältigen. Für Kinder steht die Forschung dazu noch am Anfang. Wir wollten dazu einen Beitrag leisten und haben Kinder und deren Familien interviewt, die sich selbst als glaubend bezeichnen und über ihren Glauben sprechen wollten.

Was macht Religion zu einem relevanten Thema?
Religion ist ein relevantes Thema, weil sie für viele Menschen, die aktuell als Geflüchtete nach Deutschland kommen, eine große Bedeutung hat. Oft ist Religion Bestandteil des Lebensalltags und der Identität dieser Menschen. Unterstützungsangebote und Strukturen, mit denen man geflüchtete Menschen erreichen möchte, dürfen nicht im Widerspruch mit ihrer Religiosität stehen oder Menschen gar aufgrund ihrer Religion diskriminieren. Darüber hinaus zeigt unsere Studie das gesellschaftliche Potenzial von Religionen:  Viele der von uns interviewten Kinder orientieren sich an religiösen Werten, um mit ihren Mitmenschen, egal welcher Herkunft und Religionszugehörigkeit, tolerant und friedlich umzugehen.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie?
Es ist aufgefallen, dass die Gottesvorstellungen und auch religiösen Werte der verschiedenen Religionen sehr ähnlich sind. Hört man die Kinder von ihrer Beziehung zu Gott und religiösen Werten, die ihnen wichtig sind, erzählen, könnte man gar nicht sagen, welcher Religion das Kind angehört. Ein weiteres, wichtiges Ergebnis ist, dass Kinder, anders als viele Erwachsene, jeden Tag in der Schule Diversität von Religionen erleben. Sie haben damit meist kein Problem und hinterfragen das nicht.

Was haben Sie herausgefunden, wie Kinder mithilfe von Religion ihre Kriegs- und Flucht­erlebnisse besser verarbeiten können?
Für viele Kinder – unabhängig von der Religion – sind das freie Gebet, Gespräch oder auch die Gedanken an Gott eine wichtige Möglichkeit, mit belastenden Situationen umzugehen. Es hilft ihnen, ihre Sorgen auszudrücken und sich Mut und Hoffnung zu machen, indem sie Gott um Hilfe oder Beistand bitten. Viele Kinder, die mit dem Boot über das Mittelmeer gekommen sind, erzählen, dass sie in dieser Situation gebetet haben. Oft geht es bei ihren Gebeten aber auch um Familienangehörige, die noch im Herkunftsland sind. Sogar jüngere Kinder, etwa im Alter von acht oder zehn Jahren, erzählen, dass sie sich nach dem freien Gebet erleichtert, gestärkt und hoffnungsvoll fühlen, was auf die besondere Bedeutung des Gebetes für ihre Resilienz verweist.

Welche Ergebnisse haben Sie besonders überrascht?
Besonders überrascht hat mich die Offenheit der Eltern gegenüber interreligiösem Unterricht. Die Eltern wünschen sich, dass interreligiöser Unterricht stattfindet, damit Vorurteile gegenüber anderen Religionen abgebaut werden können und Kinder lernen, friedlich und respektvoll miteinander umzugehen. Außerdem hat mich überrascht, wie entspannt die religiöse Erziehung der Eltern ist. Religion ist präsent und stark in den Alltag eingebunden, in Form von Gebeten zum Beispiel. Die Eltern laden ihre Kinder immer wieder ein, an Gebeten oder Ritualen teilzuhaben, setzen sie aber nicht unter Druck. Die Eltern unterstützen die Kinder dabei, selbst zu entscheiden, wann und wie sie beten. Außerdem hat mich beeindruckt, dass bereits die achtjährigen Kinder, die wir interviewt haben, ein freies Gebet formulieren können. In Deutschland gelten Kinder erst ab vierzehn Jahren religionsmündig. Die Interviews haben gezeigt, dass Glauben auch schon von jüngeren Kindern verstanden und eingesetzt wird.

Welche Methoden haben Sie eingesetzt, um die Kinder zu interviewen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen?
Gestalterische Methoden können helfen, über abstrakte Themen zu sprechen. So haben wir zum Beispiel die Kinder im Interview gebeten, ihre Beziehung zu Gott mit bunten Fäden darzustellen. Bei der Auswahl der Methoden haben wir darauf geachtet, dass sie interreligiös verwendbar sind. Auch wenn es im christlichen Kontext üblich ist, Bilder von Gott zu malen, ist das für Musliminnen und Muslime aufgrund des Bilderverbots nicht möglich. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Erwachsene ohne Probleme verbalisieren können, was ihren Glauben ausmacht. Gestalterische Methoden können also sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen eingesetzt werden. Um keine Traumata anzustoßen, wurde den Kindern mit einer Geschichte die Möglichkeit gegeben, über ihre Flucht zu sprechen. In der Geschichte gerät eine alte Frau namens Varenka in Not und betet zu Gott. Die Kinder wurden dann gefragt, ob sie schon mal in einer Situation waren, wo sie zu Gott gebetet haben. Die allermeisten haben dann von ihren Fluchterlebnissen erzählt.

Wie kann die Studie in der entwicklungspolitischen Arbeit weiterhelfen?
Die Studie liefert uns Ansätze, wie man Menschen und speziell Kindern mit Traumata helfen kann. Besonders die Ausbildung von Laien ist dabei wichtig, damit traumatisierte Kinder schon aufgefangen werden können, bevor professionelle Hilfe da ist. Außerdem haben wir bei den vielen internationalen Projekten, die World Vision betreut, bemerkt, dass es wichtig ist, religiöse Akteure in die Bildungsprojekte einzubinden, weil über sie häufig Wertevorstellungen vermittelt werden. Wir müssen erkennen, welche Bedeutung Glaube in unserer Gesellschaft hat und welches Potenzial er birgt.


Links
World Vision, 2020: Flucht, Religion, Resilienz. Glaube als Ressource zur Bewältigung von Flucht- und Integrationsherausforderungen.
https://www.worldvision.de/sites/worldvision.de/files/pdf/World_Vision_Studie_Resilienz_Feb_2020.pdf


Caterina Rohde-Abuba ist Forschungsleiterin bei World Vision Deutschland und Mitautorin der Studie.
[email protected]

 

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