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Neue Technologien

Innovations-Inseln

von Eva-Maria Verfürth

In Kürze

Der iHub Nairobi, ein Technologie- und Innovationszentrum, ist Vorbild für viele ähnliche Einrichtungen in anderen afrikanischen Ländern.

Der iHub Nairobi, ein Technologie- und Innovationszentrum, ist Vorbild für viele ähnliche Einrichtungen in anderen afrikanischen Ländern.

Laut OECD sind Wissen und Innovation die Motoren der heutigen Wirtschaft, sie treiben Wachstum voran und schaffen Arbeitsplätze. Von Afrika wird in diesem Zusammenhang selten gesprochen. Dabei passiert gerade dort so viel.

Innovation ist überall – nur nicht in Afrika. Dieses Bild vermittelt zumindest die Global Innovation Map des Martin Prosperity Institute, eines Think Tank der Universität Toronto. Nordamerika, Australien und Europa seien demnach international die Vorreiter, viele Länder in Lateinamerika und Asien seien immerhin auch aktiv, in Afrika passiere größtenteils nichts.

Doch Statistiken zeigen nicht immer die ganze Wahrheit. Ein ganz anderes Bild von Afrika zeichnet Erik Hersman, einer der einflussreichsten Blogger des Kon­tinents und Mitgründer von Ushahidi. ­Ushahidi ist ein Internetangebot, das engagierten Netizens den Austausch von Informationen und Bildern auf digitalen Landkarten ermöglicht. Es entstand nach den  Wahlkrawallen von 2007/2008 in Kenia, um Verbrechen zu dokumentieren und aufzuklären. Ushahidi heißt auf Swahili „Zeugnis“.

Hersman sieht Afrika als Kontinent voller Innovationen und Unternehmergeist. Er referierte im Mai auf der Internetkonferenz Re:publica in Berlin und sprach aus Erfahrung. In seinem Heimatland Kenia wurde der Geldtransferdienst per Mobiltelefon entwickelt, M-Pesa, der mittlerweile in vielen afrikanischen Ländern genutzt wird (siehe D+C/E+Z 2013/02, S. 69 ff.).

Vor drei Jahren gründete Hersman den iHub Nairobi, ein Technologie- und Innovationszentrum, das heute mehr als 10 000 kenianische Programmierer, Desi­gner und Entrepreneurs vereint. Der Hub ist Gründerzentrum und Denkfabrik zugleich; hier treffen sich IT-ler, Tüftler und Unternehmer zu Austausch und Kooperation.

Seit der Gründung dieses ersten Technologie-Hubs sind in ganz Afrika schnell weitere entstanden – von Kairo bis Kapstadt, von Accra bis Addis Abeba. Auch in Asien und Lateinamerika hat es ähnliche Entwicklungen gegeben, berichten Jay Fajardo von der philippinischen Gründerförderung Launchgarage und Daniela Silva vom brasilianischen „Hackerbus“.

Zusammen bringen die Hub-Mitglieder eine stetig steigende Zahl von Start-up­Firmen hervor. „Gerade die ICT-Branche wächst in Afrika rasant“, sagt Johnpaul Barretto vom tansanischen Hub KINU. Es würden vor allem immer neue Apps entwickelt. „Einmal kam ein junger Mann zu uns, der seit fünf Jahren arbeitslos war“, erzählt René Parker vom Innovationszentrum RLabs aus Kapstadt, Südafrika. „Wie immer fragten wir ihn, welche Stärken er habe. Er meinte, als Langzeitarbeitsloser wisse er alles über die Probleme am Arbeitsmarkt.“ Der Mann, Terence Hendricks, entwickelte daraufhin eine Smartphone-App, die lokale Stellenausschreibungen verbreitet und Online-Bewerbungen vereinfacht: UUSI. Nach eigenen Angaben von UUSI haben bereits in der Testphase über 40 000 Jobsuchende die Seite besucht, und es wurden über 1200 Lebensläufe angelegt.


Erfolgskonzept ­Gemeinschaft

„Gemeinschaft ist ein komparativer Vorteil“, erklärt Hersman den Erfolg der Innova­tionszentren. Das habe er von einem Dorf im Südsudan gelernt. Dort mussten Dorfbewohner das Gras, aus dem sie ihre Hütten bauen, über 50 Kilometer weit transportieren. Keine Familie hätte den Transport allein organisieren können, es sei nur in Gemeinschaftsarbeit möglich gewesen.

Doch es ist nicht immer einfach, Menschen und vor allem Geldgeber von diesem Modell zu überzeugen. „Ich werde oft gefragt: Also was verkauft ihr?“, erzählt René Parker. „Ich sage dann: Hoffnung. Hoffnung kann man nicht in Geld messen, aber man kann sie fühlen.“

„Es ist schwierig, Innovation statistisch zu erfassen“, meint auch Hersman. „Vor allem für Amerikaner ist es schwer zu verstehen, dass man nicht alles messen kann und dass man manchmal einfach ein Risiko eingehen muss.“ Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb Afrika auf der Global Innovation Map aus Toronto kaum auftaucht – diese erfasst schließlich nur die messbare Einheit „eingetragene Patente pro Kopf“.

 

„Europa helfen“

2011 schlossen sich rund 19 afrikanische Hubs in dem Netzwerk „AfriLabs“ zusammen. Mit Unterstützung der GIZ kamen auf der Re:publica erstmals Vertreter ­aller 19 Labs zusammen. Sie möchten Menschen unterstützen, ihre Stärken zu entwickeln und ihre Ideen umzusetzen. Einige bieten deshalb Workshops für Universitätsstudenten an, Programmierkurse für Frauen oder Internetschnupperkurse für ältere Menschen.

Auch das wirtschaftlich schwache Madagaskar ist bei AfriLabs dabei. „Wir brauchten einen Ort für die Tech-Community“, erzählt der Gründer des Habaka-Hubs, Andriankoto Harinjaka Ratozamanana. Madagaskars Internet-Pene­trationsrate beträgt zwar weniger als zwei Prozent, doch die Ziele der IT-Community sind hoch. „Wir wollen online Dienstleistungen für Europa anbieten“, sagt Harinjaka überzeugt. Ein Start-up weise bereits den Weg: Es bietet erfolgreich Sekretariatsarbeiten für europä­ische Manager an.

Harinjaka selbst hat auch schon eine Idee, wo er ansetzen will. Wegen Visa-Problemen wurde er bei der Einreise drei Tage in Frankreich festgehalten. Ein Problem war, dass er seine Hotelreservierung nicht ausgedruckt hatte – er hatte die Daten aber bereits bei der Botschaft eingereicht und einen elektronischen Beleg dafür. Das half ihm in Frankreich jedoch nicht weiter. „In Europa funktioniert E-Government noch nicht“, ist seine Schlussfolgerung. „Wenn ich wieder daheim bin, werde ich eine neue App entwickeln, um Europa zu helfen, seine Verwaltungsprobleme zu lösen.“

Eva-Maria Verfürth