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Afrika und Europa

Gespannte Beziehungen

von Mildred Ngesa, Carola Kaps
Anfang Dezember kamen afrikanische und europäische Regierungs­­mit­­glie­der in Lissabon zu einem Gipfel zusammen. Die Europäer, so zeigte sich, gefallen sich in der Rolle großzügiger Geber. Afrikaner sehen sie jedoch anders. InWEnts Internationales Institut für Journalismus (IIJ) lud vor dem Gipfel eine Gruppe afrikanischer Jour­nalisten ein, die in Berlin, Brüssel und Frankfurt Politiker, Wissenschaftler und andere Meinungsführer trafen. Der Austausch zwischen den Kontinenten sollte gefördert werden. Die Journalisten nahmen unter anderem an einer informellen Konferenz von Bun­des­prä­si­dent Horst Köhler mit afrikanischen Amtskollegen im Taunus teil. Schon während der zweiwöchigen Journalistenreise wurde deut­lich, dass die Afrikaner europäische Intentionen mit Skepsis beobachten.

[ Von Mildred Ngesa ]

Nennen Sie mich zynisch, aber ich habe das Gefühl, dass das jüngste Rieseninteresse an Afrika etwas anderem gilt als nur besseren Beziehungen. Wir erleben einen ganz neuen Ansturm, ein heftiges Buhlen um etwas ungeheuer Wichtiges.

Alle, die etwas auf sich halten, scheinen plötzlich ihre Aufmerksamkeit mit wilder Leidenschaft und Überzeugung auf Afrika zu konzentrieren. China und Indien galten früher als zu weit entfernt und zu arm für Kooperation, aber jetzt dienen sie sich Ländern südlich der Sahara an. Auch Russland und die arabische Welt schenken uns neue und größere Aufmerksamkeit.

Afrika, von dem es früher einmal hieß, es sei „für Rettung zu dunkel“, wird auch von Europa umworben. Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler klingt fast verliebt, wenn er von seiner Vision für den Kontinent spricht. „Ich glaube, dass Afrika wichtig ist“, sagt Köhler. „Ich glaube, dass mit offenen Karten gespielt werden sollte.“ Und er betont: „Wir müssen lernen, Afrikaner nicht zu belehren, wie sie sich selbst regieren sollen. Sie sind in der Lage, ihre Probleme selbst lösen.“ Er will, dass Partnerschaften „frei und fair“ sind.
Uschi Eid, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, bläst in das gleiche Horn. Das Image Afrikas in den Medien sei zwar negativ, gibt sie zu, betont aber gleichzeitig die positiven Entwicklungen auf dem Kontinent und mahnt verantwortungsvolle Afrikaner vorwärtszugehen: „In demokratischen Ländern ziehen die Menschen selbst ihre Regierungen zur Verantwortung, nicht die Geber von außen.“

Der Weg Afrikas zu einem ebenbürtigen Partner Deutschlands – oder Europas als Ganzem – ist jedoch mit Hindernissen übersäht. Das gilt nicht nur auf afrikanischer Seite. Nehmen wir die EPA-Agenda als Beispiel. Die EU will solche Abkommen über wirtschaftliche Partnerschaft (Economic Partnership Agreements), die gleichberechtigt und fair sein sollen, abschließen. Dennoch sind die afrikanischen Regierungen zur Unterzeichnung nicht bereit – und das mit Recht.

Selbst in Europa ist es nicht schwer, ­Kritiker zu finden. Ute Koczy, ebenfalls Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, bezeichnet die Art und Weise, wie die Europäische Union die EPA-Verhandlungen führte, als „beschämend“ und erläutert: „Unsere Handelsbestimmungen sind nicht gerecht. Wir haben selbst keinen freien Markt für alle, wollen aber, dass die Afrikaner ihre Märkte öffnen.“ Ihrem Urteil nach muss das Gleichheitsprinzip gelten – aber Afrikas Volkswirtschaften seien noch weit davon entfernt, mit Europa auf Augenhöhe konkurrieren zu können.

Es wäre naiv zu glauben, dass die früheren Kolonialherren Afrika nun ernsthaft für eine gerechte und gleichberechtigte Partnerschaft erwögen. Es gibt immer einen Haken. Afrikas jüngste Attraktivität speist sich ohne Zweifel aus seinen vielen Rohstoffen und Bodenschätzen.

Ich habe einmal mitbekommen, wie Kollegen aus Nigeria, der Elfenbeinküste, Uganda und Sambia über mögliche Ölvorkommen in Afrika witzelten und über den plötzlichen Ansturm westlicher Länder auf dieses „Schwarze Gold“ lachten. Mein nigerianischer Kollege witzelte, Leitungen, die Öl aus dem Nigerdelta quer durch Afrika beförderten, hätten geleckt und in Angola, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo kleine schwarze Seen hinterlassen – und schon spiele die Welt verrückt, weil sie Afrika für reich an Öl halte.

Es ist lachhaft – und traurig. Die große Mehrheit der Afrikaner profitiert nicht von den Ölvorkommen, die verheerende Konflikte und Gewalt ausgelöst haben. Der Westen kennt diese deprimierenden Tatsachen, weigert sich aber, zuzugeben, dass Rohstoffe der wichtigste Grund für seine neu entbrannte Liebe zum afrikanischen Kontinent sind.
Afrikaner sind sich bewusst, dass sich Europa – wie auch der Rest der Welt – auf großem Werbefeldzug befindet. Doch sie zögern. Sie hinterfragen Motive, überdenken Prioritäten, erwägen die nächsten Schritte und berechnen Vor- und Nachteile. Es scheint, als ob Afrika und seine Länder, die früher als bloße Bäuerchen galten, zu wichtigen Akteuren in diesem Schachspiel geworden sind. Es fühlt sich jedenfalls gut an, dass Afrika endlich mal umworben wird.

[ Von Carola Kaps ]

„Europa hat ein völlig verzerrtes Bild von Afrika, die afrikanische Wirklichkeit ist ganz anders als in europäischen Medien dargestellt“: Diese bittere Klage haben zehn afrikanische Journalisten erhoben, die im Rahmen der Afrika-Initiative des Bun­despräsidenten zwei Wochen lang in Berlin, Brüssel und Frankfurt intensive Gespräche über die deutsche und europäische Afrika-Politik geführt haben. Ihrer Meinung nach strotzt auch in den deutschen Medien das Afrika-Bild von Vorurteilen. Außer von Kriegen, Hungersnöten, Naturkatastrophen oder Epidemien wie Malaria oder Aids gebe es nichts zu lesen, meinten die Kollegen aus Ghana, Senegal, Elfenbeinküste, Nigeria, Sambia, Kenia und Uganda.

Die immer wiederkehrenden Bilder verhungerter Kinder, die zu schwach seien, um die Fliegen von ihren Augen und Wangen zu verscheuchen, seien unerträglich und entsprächen nicht der afrikanischen Wirklichkeit, empörte sich eine ghanaische Reporterin. Das moderne Afrika habe nicht nur Hochhäuser, es gebe auch einen Mittelstand, der in schönen Häusern und Wohnungen lebe, von dem die Zeitungen aber nicht berichteten.

Mit Unverständnis reagierten die Afrikaner auch auf die Tatsache, dass selbst die großen deutschen Zeitungen für die 48 Staaten südlich der Sahara bestenfalls einen Korrespondenten beschäftigten. Der Hinweis, dass immer wieder ausführlich über positive Entwicklungen wie den Siegeszug des Mobiltelefons, die Bedeutung des Internets für afrikanische Bauern, das segensreiche Wirken von Mikrokrediten, das mutige Engagement afrikanischer Frauen oder die Bemühungen einiger Staaten um gute Regierungsführung und Transparenz, überzeugte die Gruppe wenig.

Die Gegenfrage, was und wie häufig denn afrikanische Zeitungen über Deutschland oder die EU berichteten, wurde von keinem deutschen Gesprächspartner gestellt. Eine derartige Gegenrechnung wäre freilich auch unfair, arbeiten doch die meisten afrikanischen Zeitungen unter schwierigsten Verhältnissen. Ein Korresponden­tennetz können sie sich nicht leisten.

Das Misstrauen gegenüber Europa und seinen Politikern sitzt so tief, dass westliche Statistiken über Afrika als unglaubwürdig abgelehnt werden. Europas Doppelstandards im Handel mit Afrika und seine Agrarsubventionen haben in vielen afrikanischen Staaten die traditionelle Landwirtschaft und die Fertigung von Schuhen und Textilien zerstört; noch schlimmer ist aber, dass sie das Bild Europas in den Herzen und Köpfen der Menschen auf Dauer beschädigt haben.

Wirklich beeindruckt zeigten sich die Journalisten nur von Bundespräsident Horst Köhler und dessen Initiative für Afrika. Auch die Offenheit, mit der Köhler über die Defizite Europas im Umgang mit Afrika sprach, die doppelte Moral in Handelsfragen anprangerte und ein wirklich faires Handelssystem forderte, fand ihre Hochachtung.

Nachdenklich stimmte die Journalisten, dass die deutschen Gesprächspartner fast einstimmig betonten, die afrikanischen Staaten müssten ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Deutschland und Europa stünden zwar bereit zu helfen, die Richtungsvorgabe müsse allerdings von den afrikanischen Staaten kommen. Am deutlichsten wurde dies im Gespräch mit der grünen Abgeordneten Uschi Eid, ehemals Staatssekretärin im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit: Afrika müsse mit seinen Diktatoren selbst fertig werden; weder Entwicklungshilfe noch die Hilfe internationaler Popstars könne die afrikanischen Länder retten.

Ob diese Botschaft angekommen und von den Journalisten weitergegeben wird, sei dahingestellt. Denn obwohl die zehn Presseleute zwischen 24 und 43 Jahren zur neuen gut ausgebildeten Generation gehören, überraschte, wie sehr ihr Denken vom Ballast der kolonialen Vergangenheit bestimmt ist und wie wenig sie den Blick nach vorne richten.