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Kenia

Sex gegen Fisch

von Brenda Mbaja Lubang'a

Hintergrund

Eimer gefüllt mit Omena-Fischen in Sindo, Kenia.

Eimer gefüllt mit Omena-Fischen in Sindo, Kenia.

Am Viktoriasee in Kenia tauschen viele Fischhändlerinnen Sex gegen den Fang eines Fischers, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Diese Praxis hat zu hohen HIV-Raten beigetragen, die vor allem Frauen betreffen. Obwohl die Regierung und andere Akteure bemüht sind, die HIV-Infektionen in der Region einzudämmen, ist die Situation weiterhin besorgniserregend. Die Frage ist, warum die HIV-Infektionsrate in der Region trotz der Präventions-, Behandlungs- und Pflegemaßnahmen immer noch überproportional hoch ist.

An einem späten Freitagabend im Oktober 2017 kam ich in Mbita an, einem der vielen Fischerorte am Ufer des Viktoriasees. Das sollte für die nächsten Wochen mein Zuhause sein, und ich freute mich darauf, die hochgelobten Tilapia und Omena (eine Art Sardine) zu genießen. Obwohl die Gegend nicht vollständig elektrifiziert ist, bemerkte ich, dass es am Horizont viele kleine Lichter gab. Ich fragte mich, welche Stadt das ist. Mein Gastgeber sagte mir, dass dies keine Stadt sei, sondern der riesige Viktoriasee, und die Lichter die von den Fischern genutzte Lampen.

Omena, der größte Fang in dieser Region, wird nachts mit Hilfe von Solarleuchten gefischt. Die Fischer nutzen Holzboote und Fischernetze, die Moskitonetzen ähneln. Ein Fischerboot ist mit mindestens vier muskulösen Männern besetzt, die vom Bootsbesitzer angestellt sind. Die meisten Nächte verbringen die Fischer auf dem See, tagsüber schlafen sie. Mein Gastgeber sagte, bei starkem Wind erfordere das Ziehen der Netze viel körperliche Kraft, weshalb die Arbeit von starken Männern verrichtet werden muss.

Am frühen Samstagmorgen fuhren mein Gastgeber und ich zum nahe gelegenen Strand. Müde Fischer zogen den Fang des Tages an Land. Einige Boote waren halb und andere ganz voll. Die Frauen warteten gespannt darauf, ihre Ware für den Tag zu kaufen. Wie in vielen anderen Fischergemeinschaften ist die Arbeitsteilung in Mbita traditionell festgelegt. Die Männer holen den Fang ein, und die Frauen trocknen den Fisch und verkaufen ihn auf den lokalen Märkten. Teilweise verkaufen sie den Omena an Zwischenhändler, die ihn in großen Mengen sammeln und zu größeren Märkten bis nach Mombasa transportieren. Wie an vielen anderen Küstenstränden im Binnenland auch haben die Fischer weniger Fisch, als die Händlerinnen kaufen möchten.

Am Strand traf ich Akinyi (Name geändert). Sie war 26 Jahre alt und hatte drei Kinder. Nach dem Tod ihres Mannes verließ sie ihr Zuhause im Binnenland und zog nach Mbita. Sie wollte nicht von ihrem Schwager „geerbt“ werden. Witwenvererbung ist ein Brauch der Luo, der größten ethnischen Gruppe am kenianischen Ufer des Viktoriasees. Obwohl der Brauch langsam verschwindet, halten ihn einige Familien noch aufrecht.

Den Begriff „Sex gegen Fisch“ kannte Akinyi nicht, aber sie sagte, jeder kenne den lokalen Begriff „Jaboya“. In der Luo-Sprache meint Jaboya einen Schwimmer, der an einem Fischernetz befestigt ist. Er sorgt dafür, dass das Fischernetz trotz Beladung über Wasser bleibt. Die Fischer, die Händlerinnen Exklusivrechte an ihrem Fang geben, werden auch Jaboya genannt. Sie sind wie Schwimmer. Sie sichern den Frauen den Zugang zu Fisch. Akinyi sagte, dass ein Jaboya wegen des harten Wettbewerbs um den Zugang zum begrenzten Fang wie eine Brücke zwischen ihr und der Ware ist. Im Austausch für Sex erhalten die Händlerinnen vorrangigen Zugang zu Omena. Eine Frau ohne Jaboya muss warten und auf einen Überschuss hoffen. Akinyi sagte, es sei eine übliche Praxis in Mbita, aber die Leute redeten nicht offen darüber.

Auf die Frage, ob sie einen Jaboya hat, nickte Akinyi schüchtern. Nach dem Umzug nach Mbita war der Omena-Verkauf der einzige Lebensunterhalt, den sie finden konnte. Sie hoffte, damit sich selbst und ihre drei Kinder zu ernähren. Anfangs wollte sie sich nicht am Jaboya-System beteiligen. Nach vielen Tagen der Enttäuschung, in denen sie ohne Fisch nach Hause gehen musste, gab sie dem Druck nach. Der harte Wettbewerb um begrenzte Waren ließ ihr keine andere Wahl. Wie viele andere Händlerinnen entschied Akinyi sich aus Armut und Verzweiflung für eine sexuelle Beziehung zu einem Fischer. Sie sagte, dass sie sogar mehrere Jaboyas an verschiedenen Fischerstränden habe. Ich sprach auch mit anderen Händlerinnen, die von ähnlichen Erfahrungen mit Jaboya berichteten.

Bei einem Rundgang durch Mbita waren die vielen Plakate und Werbetafeln unübersehbar, die auf HIV und Aids aufmerksam machten. Es gab auch Zelte an strategisch wichtigen Orten und an den Stränden, wo Menschen kostenlos getestet und zur Behandlung in eine Gesundheitseinrichtung vermittelt werden können. Aufklärung über HIV wurde auch von Tür zu Tür, durch Roadshows und in lokalen Radiosendungen durchgeführt. Kondome wurden kostenlos verteilt und in Spendern an den Stränden angeboten. Viele Frauen sagten jedoch, dass sie sie nicht verwenden. Obwohl Akinyi die Kondomspender kannte, hat sie noch nie eins rausgezogen. Sie wollte nicht riskieren, dabei beobachtet zu werden. Sie fürchtete, dass die Leute auf sie herabschauen und die Gemeinschaft sie als unmoralisch ansehen würde.

Die Frauen erwähnten auch, dass ein hoher Alkoholkonsum unter Fischern verbreitet sei. Mit einem betrunkenen Fischer über die Nutzung von Kondomen zu verhandeln sei äußerst schwierig. Viele Studien zu Sexualverhalten bringen Alkoholkonsum mit riskantem Sexualverhalten in Verbindung. Akinyi sagte, dass sie bereits mehrfach auf ein Kondom verzichten musste, da ihr Jaboya drohte, ihr sonst keinen Fisch zu verkaufen. Lange Zeit hatte sie große Angst, sich auf HIV testen zu lassen. Während einer der Tür-zu-Tür-Kampagnen entschloss sie sich dennoch dazu. Der Test war positiv, und sie ist seitdem in Behandlung. In den vergangenen vier Monaten wanderte sie auf der Suche nach Fisch zwischen fünf Fischerstränden hin und her. Die häufigen Wege beeinträchtigten ihre Termine in der Klinik. Sie verpasste manchmal Termine und deckte sich nicht ausreichend mit Medikamenten ein.

Akinyis Geschichte ähnelte der vieler anderer Fischhändlerinnen, die ich getroffen habe. Obwohl die meisten von ihnen über die Angebote zur HIV-Prävention, -behandlung und -pflege Bescheid wussten und deren Vorteile kannten, machten sie nicht viel Gebrauch davon. Außerdem sahen sich viele Frauen, die einen Jaboya hatten, keinem hohen HIV-Infektionsrisiko ausgesetzt. Sie betrachteten es auch nicht als eine Form von Prostitution oder käuflichem Sex. Die meisten Frauen hatten langjährige Beziehungen zu den Fischern, und einige sagten, ein Jaboya sei wie ein Freund oder Ehemann. Manchmal lebten die Fischer einige Wochen bei der Frau und sie kochte und wusch Wäsche für ihn. In solchen Beziehungen sahen die Beteiligten keine Gründe, Kondome zu verwenden oder sich auf HIV zu testen.

Sex gegen Fisch wird in Kenia als eine der Hauptursachen für die hohen HIV-Raten unter den Fischergemeinschaften am Viktoriasee angesehen. Laut den Kenia HIV County Profiles, die 2016 vom National AIDS Control Council veröffentlicht wurden, waren die HIV-Prävalenzraten in den entsprechenden Landkreisen am höchsten. In Homa Bay (einschließlich Mbita) lag die Rate zum Beispiel bei 26 Prozent, fast das Vierfache des nationalen Durchschnitts von 5,9 Prozent. In anderen Fischergemeinschaften in einigen Ländern Sub-Sahara Afrikas ist die Situation ähnlich, insbesondere in der Binnenfischerei. Trotz umfangreicher Initiativen zur Prävention und Behandlung von HIV-Infektionen haben Studien konzentrierte Epidemien unter den Fischergemeinschaften in Uganda, Tansania und Malawi festgestellt.

Um das Ziel der Agenda 2030 zur Beendigung der Aids-Epidemie zu erreichen, sollte jedes Land daran arbeiten, die HIV-Prävalenz unter den wichtigsten Bevölkerungsgruppen zu verringern sowie Pflege und Behandlung anzubieten. Innovative und zielgerichtete Präventions-, Behandlungs- und Pflegedienste müssen entwickelt und ausgebaut werden. Interventionen müssen insbesondere auf die Bedürfnisse der lokalen Gemeinschaften eingehen. Zum Beispiel erwähnten Frauen in Mbita, dass es manchmal „Mondlicht-HIV-Tests“ gab. Menschen konnten nachts getestet werden, ohne Angst, dabei von Freunden und Familie gesehen zu werden. Solche Initiativen werden jedoch nicht regelmäßig durchgeführt. Für sehr mobile Gemeinschaften wie die der Fischer ist es wichtig, mobile Gesundheitsdienste anzubieten, um Dienstleistungen näher zu den Bedürftigen zu bringen. Die Ausweitung solcher Interventionen würde einen großen Beitrag im Kampf gegen HIV und AIDS leisten.


Brenda Mbaja Lubang’a ist Absolventin der Ruhr-Universität Bochum, Deutschland, wo sie einen Master in Entwicklungsmanagement absolvierte. Ihr Masterstudiengang ist dem AGEP, dem deutschen Verband für Postgraduiertenprogramme mit besonderer Relevanz für die Entwicklungsländer, angeschlossen.
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