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Nahost

Der Kampf um Erinnerung

von Mona Naggar

Hintergrund

Mitte der 1970er tobte der libanesische Bürgerkrieg im Hotel- und Bankenviertel Beiruts: Hotel Holiday Inn 1976.

Mitte der 1970er tobte der libanesische Bürgerkrieg im Hotel- und Bankenviertel Beiruts: Hotel Holiday Inn 1976.

Fast ein Vierteljahrhundert ist der libanesische Bürgerkrieg schon vorbei. Die Traumata und Spannungen jedoch halten an, denn die Vergangenheit ist ein Tabu. Die Nichtregierungsorganisation UMAM versucht, über diesen Bürgerkrieg zu sprechen – um neue Kriege zu verhindern.

„Am 1. Juli 1975 verließ Ahmad Said Intabawi (25 Jahre) seine Wohnung im Westbeiruter Stadtteil Basta Tahta und kehrte nicht zurück. Informationen werden unter den Telefonnummern 244413 oder 239137 entgegengenommen.“ Hunderte dieser Anzeigen veröffentlichten libanesische Tageszeitungen in den Jahren des Bürgerkrieges, zwischen 1975 und 1990. Die Überschrift lautete jedes Mal „Vermisst“. Viele der Menschen, die damals verschwanden, sind nie wieder zu ihren Familien zurückgekehrt, und ihr Verbleiben – beziehungsweise ihr Tod – ist bis heute ungeklärt. Schätzungen gehen von 17 000 vermissten Männern und Frauen aus.

Auf der Website www.memoryatwork.org kann man sich durch diese Schicksale klicken. In einer Rubrik sind die Vermissten alphabetisch geordnet; die meisten mit Foto, Geburtsdatum und Jahr des Verschwindens. In weiteren Rubriken kann man, chronologisch geordnet, die Aufrufe der Eltern von verschwundenen Söhnen oder Töchtern an die Entführer lesen – denn alle Bürgerkriegsparteien praktizierten damals Entführungen. Das Material auf www.memoryatwork.org erstreckt sich über das Ende des Krieges 1990 hinaus. In den folgenden Jahren geht es um Funde von Massengräbern in verschiedenen Teilen des Libanon oder um politische Vorstöße, das Recht der Angehörigen auf Klärung der Schicksale der Vermissten gesetzlich zu verankern.

„Memory at Work“ wird von UMAM betrieben, einem Zentrum für Dokumentation und Recherche in Beirut, das 2004 von der deutschen Journalistin Monika Borgmann und ihrem libanesischen Ehemann, dem Verleger Lukman Slim, gegründet wurde. „UMAM“ ist arabisch und bedeutet „Nationen“. Ziel der Organisation ist, die Vergangenheit aufzuarbeiten, aber auch in der Gegenwart zu wirken. UMAM baut seit Jahren ein umfassendes Archiv zum libanesischen Bürgerkrieg auf. Es organisiert Ausstellungen, Kon­ferenzen, Workshops, zeigt Fotoausstellungen und ­Filme libanesischer und ausländischer Künstler, die sich mit gewaltsamen Konflikten auseinandersetzen, und stellt Themen zur Debatte.

Dabei greifen Borgmann und Slim auch zu ungewöhnlichen Methoden. Vor kurzem brachten sie die Erfahrungen von Libanesen, die während und nach dem libanesischen Bürgerkrieg in syrischen Gefängnissen inhaftiert waren, auf die Bühne: Einige ehemalige Häftlinge verarbeiteten ihre traumatischen Erfahrungen, über die sie seit ihrer Rückkehr in den Libanon nie gesprochen hatten, in einem Theaterstück. UMAM gab ihnen den Raum, ihre Erinnerungen zu verarbeiten und anderen Menschen zugänglich zu machen.  Ein Bus, der als mobiles Büro von „Memory at Work“ dient, macht Menschen außerhalb von Beirut mit dem Archiv bekannt und regt sie an, über ihre Erinnerungen zu sprechen.


Undokumentierter Krieg

Die Idee zu UMAM entstand während der Dreharbeiten zum Dokumentarfilm „Massaker“, der im Jahr 2004 fertiggestellt wurde. Borgmann und Slim wollten darin das Massaker von Sabra und Shatila 1982 in Beirut aus der Sicht von sechs Tätern erzählen. Dabei stellten sie fest, dass es im Libanon keine brauchbaren Archive oder Anlaufstellen gab, um an Informa­tionen über die jüngste Vergangenheit zu kommen.  

„So ist UMAM gestartet“, sagt Borgmann. Aber die beiden Gründer hatten sich auch vorher schon mit den Themen Gewalt und Erinnerung beschäftigt. „In den Jahren, in denen ich als Journalistin im Nahen Osten gearbeitet habe, standen Erinnerung und Gewalt oft im Zentrum meiner Sendungen“, erzählt Borgmann. „Ich mache immer noch dasselbe, aber in einem anderen Kontext.“ Sie interessiert vor allem die Frage nach den Gründen, warum Menschen gewalttätig werden. Was bringt sie dazu, alle Grenzen zu überschreiten und das zu tun, was sie selbst für unmöglich hielten?

UMAM ist heute auf dem Anwesen der Familie Slim im Südbeiruter Stadtteil Harat Hreik untergebracht. Das Archiv ist allen Interessierten kostenlos zugänglich – Studenten, Journalisten, Wissenschaftlern oder interessierten Bürgern. Die Themen, die am meisten nachgefragt werden, seien die Verschwundenen und die libanesisch-syrischen Beziehungen, sagt die Archivarin Zeina Assaf.

 

Keine „Stunde null“

Vor 23 Jahren endete der libanesische Bürgerkrieg, der zwischen mehrheitlich christlichen Gruppen auf der einen Seite und mehrheitlich muslimischen und palästinensischen Gruppen auf der anderen Seite tobte – mit wechselnden Bündnissen. Auch die Armeen der Nachbarländer Syrien und Israel mischten sich damals in den Konflikt ein. Ungefähr 150 000 Menschen wurden während des Krieges getötet. Eine Aufarbeitung dieser Zeit fand nie statt.

Als die Waffen schwiegen, rief die offizielle Politik die „Stunde null“ aus und erklärte eine Generalamnestie. Slim lehnte diese Amnestie von Anfang an ab, die das libanesische Parlament 1991 für alle während des Bürgerkrieges begangenen Verbrechen beschloss. Heute ist klar, dass die Politik der völligen Leugnung gescheitert ist. Das Wissen der Libanesen über das blutigste Kapitel ihrer jüngeren Geschichte hängt stark von ihrer konfessionellen oder parteipolitischen Zugehörigkeit ab. Ein niedergeschriebenes kollektives Gedächtnis gibt es nicht – die Libanesen können sich nicht einmal auf ein gemeinsames Geschichtsbuch für die Schulen einigen, das die Zeit nach der Unabhängigkeit von 1943 bis heute abdeckt.

Für Ahmad Mroueh, Mitarbeiter von UMAM, ist das Kapitel des Bürgerkriegs längst nicht abgeschlossen: „Wir haben noch kein neues Blatt aufgeschlagen. Wir gehen lediglich zu einer neuen Zeile und zu einem neuen Datum über.“ Der 37-Jährige sieht die gewalttätigen Auseinandersetzungen, die seit Anfang der 90er Jahre immer wieder im Libanon aufflammen, als Folge des nicht aufgearbeiteten Bürgerkrieges. „Wenn wir den Krieg hinter uns lassen, müsste das doch heißen, dass wir daraus gelernt haben und uns nicht weiter hinter unseren Konfessionen und Führern verschanzen. Aber es wurde nicht gelernt. Jede Gruppe hat Angst vor der anderen und glaubt fest daran, dass die anderen sie auslöschen wollen.“
 
Nach dem „Minibürgerkrieg“ in Beirut 2008 befragte Mroueh die Kämpfer von beiden Seiten. Damals stand die schiitische Hisbollah mit ihren Verbündeten der sunnitischen Zukunftsbewegung und der drusischen Progressiven Sozialistischen Partei gegenüber. Die meisten Beteiligten waren jung. Sie hatten den Bürgerkrieg nicht erlebt, aber schienen entschlossen, ihn zu  zu wiederholen, sagt Mroueh. „Die einen beschrieben die anderen als Verräter und Kollaborateure. Die anderen sagten, dass sie ihre Würde wiederherstellen wollten. Es war dieselbe hetzerische Sprache wie damals.“

Das  Verschanzen hinter religiösen Führern und die Angst vor dem Anderen, die Mroueh beschreibt, werden besonders während des syrischen Bürgerkrieges deutlich. Die schiitischen Gruppierungen  im Libanon unterstützen das Assad-Regime, während die meisten Sunniten auf der Seite der Opposition stehen. Die Gräben zwischen beiden Glaubensrichtungen sind im Libanon tiefer geworden. Es kommt immer wieder zu Gewalt.

Ein Beispiel für die Arbeitsweise von UMAM sind die Projekte über die Verschwundenen. Auslöser für die Beschäftigung mit diesem Thema war die Entdeckung eines Massengrabes in Anjar, einer Stadt in der Bekaa-Ebene im Osten des Libanon, im Jahr 2005. Daraus entstand die Idee für die Ausstellung „Missing“ über Vermisste im Libanon. Dafür sammelte UMAM Daten aus Zeitungsarchiven und arbeitete mit verschiedenen Angehörigenvereinen zusammen. Die Ausstellung zeigte 500 Poster mit jeweils einem Foto, Geburtsdatum und Datum des Verschwindens. Sie tourte zwei Jahre durch den ganzen Libanon und wuchs ständig an. „An jedem Ort, an dem die Ausstellung Station gemacht hat, kamen Familien zu uns und sagten, dass sie auch Verschwundene vermissten“, erzählt Borgmann. Am Ende bestand „Missing“ aus 700 Postern.

Finanziert werden die UMAM-Projekte von verschiedenen ausländischen Organisationen. Dazu zählen auch deutsche Geldgeber, wie das Institut für Auslandsbeziehungen und die Heinrich-Böll-Stiftung. Fast zehn Jahre nach seiner Gründung ist UMAM aus dem kulturellen und politischen Leben im Libanon nicht mehr wegzudenken. Es verfügt über das umfassendste Archiv zum libanesischen Bürgerkrieg mit Büchern, Zeitschriften, Flugblättern, Kommuniqués von Parteien, Milizen oder Vereinen sowie audiovisuellem Material. Aber auch „Alltagsmaterial“ ist dort zu finden, wie etwa das Archiv des Carlton Hotels in Beirut, das seinerzeit ein  Treffpunkt für Politiker und Journalisten war.

Ein Teil der Unterlagen von UMAM – etwa die Informationen über die Verschwundenen – ist online verfügbar. Der Digitalisierungsprozess geht weiter, nicht nur damit das Archiv online zugänglich sein wird, sondern auch aus Sorge um die Sicherheit der Sammlung, wie Borgmann sagt. Im Krieg 2006 zwischen der Hisbollah und Israel wurde ein Nachbargebäude getroffen und ein Teil des Archivs durch Schrapnellen beschädigt.

Lukman Slim beobachtet, dass heute die 20- bis 25-Jährigen, also die Generation, die am Ende des Bürgerkrieges und danach geboren wurde, besonders interessiert an den UMAM-Aktivitäten sei: „Das ist die Generation, die sich nicht verantwortlich fühlt für das, was passiert ist, aber weiß, dass es ihre Gegenwart und Zukunft beeinflusst.“

 

Mona Naggar ist Journalistin und lebt in Beirut.
[email protected]