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Global Leadership

„Die Zeit für Verhandlungen ist vorbei“

von Saleemul Huq

Hintergrund

Zyklon-Unterstand in Bangladesch.

Zyklon-Unterstand in Bangladesch.

Saleemul Huq ist ein Veteran der Klimadiplomatie und der multilateralen Gespräche müde. Im Interview sagte er Hans Dembowski, dass der Gipfel in Paris die Probleme, vor denen die Menschheit steht, nicht lösen wird. Aus Sicht des Wissenschaftlers aus Bangladesch stecken die Industrieländer, die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angehören, in ihren Gewohnheiten fest, sodass die Schwellenländer beim Engagement gegen den Treibhauseffekt auf nationalstaatlicher Ebene die Vorreiter sein werden.

Wird in Paris ein umfassendes Klimaabkommen geschlossen?
Ich denke schon. Niemand will die Erfahrung von Kopenhagen wiederholen, wo alle 2009 mit einem Vertrag rechneten, die Verhandlungen aber am Schluss scheiterten. Das Ergebnis von Paris wird aber wohl nicht wirklich befriedigend sein. Es ist sehr schwer, mit 200 Ländern einen Konsens zu erreichen.

Die Staaten werden sich also nicht darauf einigen, den globalen Temperaturanstieg im Schnitt auf zwei Grad zu begrenzen?
Das habe sie schon getan, das steht nicht auf der Tagesordnung. Die große Frage ist aber, ob sie bereit sind, sich konkret dazu zu verpflichten, genug zu tun, um dieses Ziel auch zu erreichen. Die Richtung stimmt, aber bisher sind die Zusagen viel zu gering. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat alle Regierungen aufgefordert, zu melden, was sie tun wollen, um Treibhausgase zu reduzieren. Was sie bisher versprechen, ist viel zu wenig. Wenn die Temperaturen nicht um drei oder vier Grad steigen sollen, muss mehr geschehen.

Wer ist dafür verantwortlich, dass mehr geschieht?
Es geht um kollektives Handeln. Einzelne Länder sind der Aufgabe nicht gewachsen. Alle müssen handeln, und niemand kann den Folgen entgehen, wenn zu wenig zu spät geschieht. Denken Sie an die USA, wo viele seit langem leugnen, dass es den Treibhauseffekt gibt. Kalifornien erlebt jetzt aber eine einmalige, mehrjährige Dürre. Die Landwirtschaft leidet. Gouverneur Jerry Brown musste Einschränkungen des Wasserverbrauchs anordnen. Kein Land kann den Folgen des Klimawandels entgehen, also müssen alle ihren Part übernehmen.

Denken Sie an Klimaschutz oder an Anpassung an den Wandel?
Natürlich an beides – Nationen müssen sich auf den Wandel, der nicht mehr vermieden werden kann, einstellen und zugleich den Wandel begrenzen, weil Anpassung sonst unmöglich wird. Das gilt für alle.

Wird es in Paris um Geld gehen?
Nein, warum auch? Das ist geklärt. Die hochentwickelten Länder haben versprochen, von 2020 an jährlich 100 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen. Das steht nicht zur Debatte. Der Green Climate Fund ist bereits etabliert. Die reiche Welt stellt an Klimafinanzierung derzeit - nicht nur für den Fonds - etwa 10 Milliarden Dollar im Jahr bereit, sie muss künftig also mehr in den Topf tun.

Die OECD-Länder erfüllen seit langem ihre Versprechen, was den Umfang ihrer Entwicklungshilfe (official development assistance – ODA) angeht, nicht. Vielleicht halten sie auch ihre Klima-Finanz-Zusagen nicht ein?
Sie haben das Geld jedenfalls versprochen, und Klimafinanzierung ist etwas anderes als ODA, weil sie auf dem Verursacherprinzip beruht. Diejenigen, die am meisten zum Treibhauseffekt beigetragen und seit der industriellen Revolution am meisten vom Verbrauch fossiler Treibstoffe profitiert haben, müssen sich ihrer Verantwortung stellen. Wenn sie das nicht tun, unterhöhlt das ihre Glaubwürdigkeit und ihren Anspruch auf eine Führungsrolle – nicht nur in Klimadingen, sondern in der Weltpolitik überhaupt.

Kann denn ein Land wie Indien weiterhin auf Kohle setzen und die Kohlenutzung sogar noch ausweiten?
Solche Fragen finde ich ein bisschen nervig. Schauen Sie: Inder emittieren pro Kopf und Jahr ungefähr zwei Tonnen C02. Das deutsche Niveau ist grob fünf Mal höher und das amerikanische sogar zehn mal. Wie kommen Sie dazu, Indien Lehren zu erteilen? Indien ist ein riesiges Land mit einer riesigen Bevölkerung, eine aufstrebende Macht. Die Regierung prüft ihre Optionen und will das Land entwickeln. Die Spitzenleute wissen, dass erneuerbare Energien wichtig sind, und sie wollen die Infrastruktur modernisieren. Das gilt genauso für China, Indonesien und andere Schwellenländer. Dass diese Staaten sich umstellen ist wahrscheinlicher, als dass Industrieländer das tun, die darauf festgelegt sind, so zu handeln, wie sie es seit Jahrzehnten gewohnt sind.

In Deutschland halten wir uns aber für ein Vorbild.
Es stimmt, dass Deutschland viel getan hat, um erneuerbare Energien und auch die internationale Diskussion darum voranzubringen. Ihr Versprechen, auf fossile Energieträger zu verzichten ist ebenfalls willkommen. Aber kurzfristig verbrennen Sie mehr Kohlem, weil der Atomausstieg für Sie Vorrang hat. Ihre Wirtschaft profitiert vom Export teurer Autos. Wir wissen, dass der Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft dazu beigetragen hat, dass Sie Ihre Klimaziele erreicht haben. Mir geht es nicht darum, deutsche Erfolge klein zu reden. Ihre Regierung sollte aber noch ehrgeiziger sein, wenn sie internationales Vorbild sein will.

Oft scheinen die Schwellenländer aber dem westlichen Vorbild zu folgen.
Sie müssen ja auch mit den OECD-Länder aufholen, was Produktivität, Technologie und so weiter angeht. Aber Sie irren sich, wenn Sie meinen, dass sie einfach Ihr Modell kopieren. China investiert im großen Stil in Erneuerbare, und andere Schwellenländer tun das auch. Die Welt wird China und Indien folgen, wenn diese Riesen sich für eine Richtung entscheiden. Das heißt nicht, dass sie nicht noch ein Weile Kohle nutzen – aber sie planen darüber hinaus. Wenn China sich bewegt, werden Sie sehen, dass die USA sich auch bewegen. Das Motiv ist dann aber nicht Klimapolitik, sondern die Sorge, von China geschlagen zu werden. Letztlich geht es um die weltweite Führungsrolle.

Aber China, Indien und die Entwicklungsländer im Allgemeinen fordern doch, was Klimapolitik angeht, seit Jahrzehnten Handeln und Vorbildrolle von den OECD-Ländern.
Ja, so war das, aber ihre Haltung hat sich geändert. Diesen Regierungen ist bewusst, was Klimawandel bedeutet. Auf der nationalstaatlichen Ebene nehmen sie das Thema sehr ernst. Meine Heimatland, Bangladesch, hat schon mehr als eine Milliarde Dollar ausgegeben, um auf den Klimawandel zu reagieren. Das ist für ein sehr armes Land, das zu den geringstentwickelten Ländern der Welt gehört, sehr viel Geld. Private Firmen handeln, Kommunen handeln. Klimawandel ist ein Thema von nationaler Bedeutung.

Sie scheinen Weltgipfel leid zu sein.
Ja, ich bin ihrer sehr müde. Nach Paris werde ich bei solchen Treffen auch nicht mehr dabei sein. Ich werde mehr Zeit mit Graswurzelarbeit verbringen, wo sich mit örtlichen Gemeinschaften wirklich etwas verändern lässt. Die Zeit für Verhandlungen war vor 20 Jahren. Sie ist vorbei. Die internationale Staatengemeinschaft hat sich viel zu lang mit Gesprächen aufgehalten. Wir hatten die Chance, den Klimawandel zu stoppen, haben sie aber nicht genutzt. Jetzt müssen wir im Alltag mit den Problemen fertig werden – in Kalifornien, im Gangesdelta, überall.

Sie glauben also Paris wird bedeutungslos?
Nein, nicht bedeutungslos, aber unzureichend. Wir werden unser Bestes tun, den Ehrgeiz der Beteiligten anzustacheln. Je schwächer das Gipfelergebnis wird, desto weniger wird es dazu beitragen, die Probleme zu lösen, vor denen wir stehen. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass das, was bisher in Aussicht gestellt wurde, nicht ansatzweise reicht, und dass multilaterale Verhandlungen hochkomplex sind. Es wäre also töricht zu erwarten, dass die Probleme in Paris gelöst werden. Wir müssen uns der Wirklichkeit stellen und mit dem Klimawandel leben.


Saleemul Huq ist Direktor des International Centre for Climate Change and Development an der Independent University in Dhaka und Senior Fellow des International Institute for Environment and Development in London.

[email protected]

 

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