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Ökonomische Kennzahlen

Wohlstandsmessung 2.0

von Nina V. Michaelis
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat eine Kommission renommierter Wissenschaftler beauftragt, eine Alternative zum BIP als Maßzahl für die Lebensqualität von Nationen zu entwickeln. Ihr Abschlussbericht ist eine solide Grundlage, um international die Diskussion über Wohlstandsmessung voranzutreiben. [ Von Nina V. Michaelis ]

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst den Wert aller in einem bestimmten Land in einem bestimmten Zeitraum produzierten Güter und Dienstleistungen. Es dient seit Langem als wichtiger Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft und ihren Fortschritt. Zwar trägt ein hohes BIP zur Lebensqualität bei, jedoch sind viele Kritikpunkte an diesem Konzept ebenfalls seit Langem bekannt:
– Das BIP erfasst weder Heimarbeit, noch ehrenamtliche Tätigkeit oder Schattenwirtschaft.
– Das BIP registriert keine Umweltschäden, wertet aber zu ihrer Beseitigung erbrachte Leistungen. Zu den paradoxen Effekten zählt, dass die Vernichtung natürlicher Ressourcen als Produktion gilt, und bloße Reparatur von Schäden statistisch als Fortschritt gemessen wird.
– Das BIP sagt nichts über die Einkommensverteilung oder die Qualität von Investitionen (etwa in Bildung) aus.

Aus diesen Gründen ist das BIP mit dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung nicht zu vereinbaren. „Nachhaltigkeit“ bedeutet, dass künftige Generationen mindestens eine gleich gute Ausgangslage haben werden wie die heute lebenden Menschen. Die meisten Länder dieser Erde haben sich zu diesem Leitbild bekannt.

Dennoch dienen Volumen und Wachstum des BIP bislang als international beachtete Kennzahlen für die Entwicklung eines Landes. Regierungen richten sich nach diesen Daten, mit der Folge, dass viele ihrer Strategien in die Irre führen, weil sie auf einer verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit beruhen. Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise, die wir derzeit erleben, ist ein Beispiel dafür, dass Entscheidungsträger sich auf ungeeignete Kennzahlen verließen, ohne zu merken, welche Risiken sich auftürmten.

Seit Jahrzehnten arbeiten Wissenschaftler an der Verbesserung der Wohlstandsmessung. Auch politische Entscheidungsträger interessieren sich für das Thema. Deutschland zum Beispiel entwickelte eine Umweltgesamtrechnung, um die bestehenden Statistiken zu ergänzen. Das Königreich Bhutan erregte in der Fachwelt Aufsehen mit seinem Konzept des „Bruttonationalglücks“ (Gross National Happiness, GNH), bei dessen Messung Aspekte berücksichtigt werden, die den Menschen am Herzen liegen: Umwelt, Kultur und Tradition. Weltweit beachtet wird der Human Development Index (HDI) des UNDP. Er misst den Wohlstand einer Gesellschaft anhand des BIP pro Kopf sowie der durchschnittlichen Lebenserwartung und der Alphabetisierungsrate seiner Bevölkerung.

Diese Versuche haben aber nichts daran geändert, dass das BIP der Politik immer noch als zentrale Richtgröße dient. Das könnte sich bald ändern. Eine solide Grundlage für fruchtbare Diskussion bietet zumindest der Bericht einer Kommission, die von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy beauftragt wurde, ein geeigneteres System der Wohlstandsmessung zu entwickeln. 22 renommierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern, darunter fünf Nobelpreisträger, beteiligten sich an der „Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress (CMEPSP)“. Ihr Vorsitzender war der Nobelpreisträger und ehemalige Chefökonom der Weltbank, Joseph Stiglitz. Andere prominente Beteiligte waren Amartya Sen, Jean-Paul Fitoussi, Bina Argarwal, François Bourguignon und Sir Nicholas Stern.

Stimmige Ansätze

Die CMEPSP legte im September ihren 285-seitigen Abschlussbericht vor. Sie hat alle bereits entwickelten Ansätze und Konzepte gründlich analysiert, und macht auf dieser Basis vernünftige Vorschläge. Die folgenden Überlegungen zählen zu den zentralen Empfehlungen, was die Messung des materiellen Lebensstandards angeht.
– Statt die durchschnittliche Produktion pro Kopf zu erfassen, wäre es besser, darauf zu schauen, was sich jeder Einzelne leisten kann. Es kommt also auf das Nationaleinkommen sowie auf den Konsum und die realen Haushaltseinkommen an.
– Es ist sinnvoll, von der gesamtwirtschaftlichen zur einzelwirtschaftlichen Perspektive zu wechseln, denn häufig wachsen die Haushaltseinkommen langsamer als das BIP. Das liegt unter anderem an Steuern, Sozialabgaben, Zinszahlungen und internationalen Wirtschaftsbeziehungen.
– Die Selbstversorgung mit Gütern und Dienstleistungen ist wichtig. Viele Kleinbauern ernähren sich zum Beispiel von ihren eigenen Produkten. Das BIP erfasst das aber nicht, weil kein Geld fließt. Das gilt ähnlich auch für die Betreuung der eigenen Kinder oder die unentgeltliche Pflege älterer Menschen. Beides ist für das Wohlergehen wichtig, trägt aber statistisch nicht zum BIP bei. Gerade Entwicklungsländer sehen deshalb am BIP gemessen ärmer aus, als sie eigentlich sind.
– Um Haushaltseinkommen zu einem international vergleichbaren Maß für das Wohlergehen zu machen, müssen andererseits staatliche Leistungen (kostenlose Bildungsangebote, staatlich (mit)finanzierte Gesundheitsdienstleistungen et cetera) berücksichtigt werden. Diese differieren global erheblich. In Frankreich trägt der Staat zum Beispiel einen viel größeren Teil solcher Kosten als in den USA.
– Um Wohlstand sinnvoll zu beurteilen, ist zudem ein Blick in die Zukunft nötig. Vermögen und Verbindlichkeiten müssen gegenübergestellt werden. Dabei geht es sowohl um die Bilanzierung von physischem Kapital, als auch von Natur-, Sozial- und Humankapital.
– Relevant ist auch die Verteilung von Einkommen, Konsum und Wohlstand. Durchschnittswerte helfen nicht weiter, weil diese von einzelnen, besonders reichen Menschen unverhältnismäßig stark nach oben getrieben werden. Ein Beispiel: Betritt der Milliardär Bill Gates einen Raum, sind alle Anwesenden auf einen Schlag im Durchschnitt Multimillionäre. Bessere Orientierung bietet der Median, der angibt, wie der ärmste Mensch der bessergestellten Hälfte der untersuchten Bevölkerung gestellt ist (und an dem die An- oder Abwesenheit von Bill Gates kaum etwas ändert).

Es ist nicht einfach, Daten zu erheben, die diesen Maßgaben genügen. Die Forschung hat auf diesen Feldern in den vergangenen Jahren aber vielversprechende Fortschritte gemacht.

Über materielle Versorgung hinaus

Menschliches Wohlergehen hängt indessen, wie die Kommission betont, nicht nur von materiellen Faktoren ab. Wichtig sind eine ganze Reihe von objektiv beobachtbaren Tatbeständen und Möglichkeiten (Amartya Sen spricht von „capabilities“). Dazu zählen Gesundheit, Ausbildung, individuelle Aktivitäten einschließlich Arbeit, politische Mitbestimmungsrechte, die Qualität der Amts- und Regierungsführung, soziale Beziehungen, der aktuelle und zukünftige Zustand der Umwelt sowie der Grad an Unsicherheit (sowohl ökonomisch als auch physisch).

Besonders für die Dimensionen „politische Mitbestimmung“, „soziale Beziehungen“ und den „Grad der Unsicherheit“ müssen noch robuste und verlässliche Maßzahlen entwickelt werden. Außerdem muss die ungleiche Verteilung dieser Tatbestände und Möglichkeiten zwischen Individuen, Bevölkerungsgruppen, Geschlechtern und Generationen erfasst werden. Zudem müssen die Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Dimensionen (einschließlich der des Einkommens) hinreichend erforscht werden. Relevant sind schließlich auch subjektive Einschätzungen („Wie glücklich/zufrieden bin ich?“).

Eine zentrale Fragestellung der Kommission war, wie sich nachhaltige Entwicklung messen und beurteilen lässt. Das ist wegen verschiedener ökologischer und sozioökonomischer Wechselwirkungen eine sehr komplexe Angelegenheit. Ein monetär aggregierter Indikator wie etwa die „wahre Sparquote“ (genuine saving rate) einer Volkswirtschaft, wie die Weltbank sie seit 2006 regelmäßig ermittelt, unterstellt, dass verschiedene Arten von Kapital (Wirtschafts-, Sozial- und Naturkapital) sich wechselseitig ersetzen könnten. Es besteht die Gefahr, dass wirtschaftliches Wachstum zu Lasten anderer Kapitalarten erfolgt. Das gilt umso mehr, als viele Komponenten des Natur- und Sozialkapitals monetär nur schwer bewertbar sind.

Wirklich „nachhaltige“ Entwicklung erfordert, wie die Kommission ausführt, den simultanen Erhalt oder die Erhöhung des Bestands verschiedener Kapitalformen (natürliche Ressourcen sowie von Human-, Sozial- und Wirtschaftskapital). Das ist ein Grund, warum nicht-monetäre Indikatoren berücksichtigt werden müssen. Vor allem kommt es darauf an, gefährliche und unumkehrbare Umwelttrends wie Klimawandel oder Artenschwund zu erkennen. Geeignete Maßzahlen müssen noch gefunden werden.

Die Chancen zur Verbesserung der weltweiten Wohlstandsmessung stehen besser als je zuvor. Die hochkarätig besetzte Kommission hat pragmatische Vorschläge gemacht, die auf alle Ländergruppen anwendbar sind. Zwar liefert der Bericht noch kein abschließend ausgearbeitetes Konzept, aber die politischen Entscheidungsträger sollten ihn, und die Aufmerksamkeit, die er erregt hat, dennoch nutzen, um auf internationalem Parkett die Reform der Wohlstandsmessung voranzutreiben. Sie täten sich damit selbst einen Gefallen – denn sie werden besser verstehen, worauf menschliches Wohlbefinden und damit letztlich auch Wählerzufriedenheit beruht.