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Marginalisierte Gemeinschaften

Rasante Ausbreitung

von Thuany Rodrigues

Heutzutage

Keine Chance, Abstand zu halten: Bewohner einer Favela warten auf die Lebensmittellieferung einer zivilgesellschaftlichen Organisation.

Keine Chance, Abstand zu halten: Bewohner einer Favela warten auf die Lebensmittellieferung einer zivilgesellschaftlichen Organisation.

Der Ausbruch von Covid-19 trifft brasilianische Armenviertel besonders heftig. Aufgrund räumlicher Enge und schlechter hygienischer Bedingungen sind die Infektionsraten hoch. Mangelernährung und begrenzter Zugang zum Gesundheitswesen verschärfen das Problem.

Präsident Jair Bolsonaro spielt die Pandemie herunter (siehe Gilberto Scofield in unserem Covid-19-Tagebuch), aber die Fallzahlen steigen in seinem Land rapide. Weltweit haben mittlerweile nur die USA noch mehr Infizierte. Die Live-Statistik der Webseite Worldometer verzeichnet am 25. Mai 365 000 bestätigte Fälle in Brasilien – und 22 746 Tote.

Besonders gravierend ist die Situation in den Favelas, den informellen Siedlungen der Ballungsräume. Mehr als 6 300 solcher Slums gibt es in Brasilien. In Rio de Janeiro, der zweitgrößten Stadt mit 6,7 Millionen Einwohnern, sind es rund 700. Den Statistiken der Stadtverwaltung zufolge gab es Mitte Mai 20 000 Coronavirus-Infektionen in der Stadt. Wie viele davon auf Armenviertel entfallen, wird nicht erfasst. Voz das Comunidade, ein Lokalblatt aus einer großen Favela, erstellte zur Monatsmitte für 13 Favelas selbst Statistiken und stützt sich dabei auf eigene Datenerhebung sowie auf amtliche Angaben. Das Resultat ist nur ein kurzes Blitzlicht, vermittelt aber einen Eindruck davon, wie stark und mit welchen Folgen sich das Virus in den Armenvierteln verbreitet. Allein in den 13 untersuchten Favelas gab es Voz zufolge 440 bestätigte Fälle und 159 Covid-19-Tote.

Die Gesamtzahlen für alle Favelas sind sicherlich noch sehr viel höher.  13,6 Millionen Brasilianer leben in Favelas, schätzt das Forschungsinstitut Data Favela, und 2 Millionen davon leben im Staat Rio de Janeiro. Zwei Drittel von ihnen sind Schwarze. 

Diese Menschen sind sich ihres Risikos bewusst: „Wir kennen einige, die an der Krankheit gestorben sind“, sagt die 47-jährige Dulce dos Santos, die ihren Job als Hausangestellte aufgrund der Pandemie verlor. „Ein Nachbar wurde infiziert. Ich vermeide es, mein Heim zu verlassen.“

Auch hohe Infektions- und Todesraten überraschen hier niemanden. „Abstandhalten ist kaum möglich, und das Alltagsgeschäft läuft weiter“, sagt der arbeitslose William Rodrigues. Es seien auch keine Beamten da, die korrigierend eingreifen könnten. Tatsächlich bedeutet „Präsenz des Staates“ in Favelas in der Regel nur gewaltsames Eindringen von schwerbewaffneten Sicherheitskräften.

Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen. „Ich sehe keinerlei Bemühungen des Staates, die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen“, beklagt der 30-jährige Rodrigues. „Lebensmittelrationen verteilen nur zivilgesellschaftliche Organisationen.“

Zwar hat das nationale Parlament in Anbetracht der Krise jedem Arbeitslosen 600 brasilianische Real (etwa 95 Euro) versprochen. Doch viele Favela-Bewohner können darauf keinen Anspruch erheben, weil sie die nötigen Dokumente gar nicht haben. Das gilt besonders für Obdachlose.  

Brasiliens Gesundheitssystem SUS (Sistema Único de Saúde) ist überlastet, und Slumbewohner haben oft gar keinen Zugang. Da Favelas vielfach auch unter Wassermangel leiden, sind die hygienischen Bedingungen denkbar schlecht. Krankheiten breiten sich schnell aus. Viele Bewohner arbeiten aber weiter – ohne Abstandsregeln oder Hygienemaßnahmen. Sie haben gar keine andere Wahl.


Thuany Rodrigues ist Journalistin in Brasilien.
[email protected]

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