Medien
Mehr Royals als Hunger: Wie Medien den Globalen Süden ausblenden
In zahlreichen sogenannten Leitmedien entfallen nur rund zehn Prozent der Beiträge auf den Globalen Süden, obwohl dort etwa 85 % der Weltbevölkerung lebt. Das ist das Fazit zahlreicher (Langzeit-)Untersuchungen, in denen unter anderem über 50.000 Ausgaben der reichweitenstärksten deutschsprachigen Nachrichtensendung, der „Tagesschau“, ausgewertet wurden. Die Analyse von circa 40 weiteren reichweitenstarken Medien in den sogenannten DACH-Ländern (Deutschland, Österreich und die Schweiz) bestätigt die Ergebnisse. In den meisten Printmedien sind es sogar nur um die fünf Prozent der Beitragsseiten, die sich mit den Staaten des Globalen Südens beschäftigen.
Dramatische Beispiele der medialen Vernachlässigung
Fundamentale Ereignisse im Globalen Süden werden in der Berichterstattung dieser Länder weitgehend ausgeblendet oder sogar vollständig übergangen. Sie sind damit hierzulande im kollektiven Bewusstsein und Gedächtnis praktisch nicht präsent. Dies gilt insbesondere für Geschehnisse in Lateinamerika, Subsahara-Afrika und Südasien.
Beispiele dafür sind:
- Die große Hungersnot von 2011, bei der am Horn von Afrika mehr als eine Viertelmillion Menschen starben, zur Hälfte Kinder unter fünf Jahren;
- der Krieg in Jemen, den die UN jahrelang als „weltweit schlimmste humanitäre Krise“ bezeichneten;
- der Krieg in der nordäthiopischen Region Tigray, in dem mindestens 120.000 Frauen vergewaltigt wurden und der mit circa 600.000 zivilen Toten als tödlichster Krieg des 21. Jahrhunderts gilt;
- der Krieg in Sudan, der mit etwa 25 Millionen Menschen, die von akutem Hunger betroffen sind, laut dem UN-Welternährungsprogramm zur aktuell „weltweit größten Hungerkrise“ geführt hat.
Positivbeispiele erreichen nur einen Bruchteil der Zuschauerzahlen
In der deutschen „Tagesschau“ wurde der Sportberichterstattung in der ersten Jahreshälfte 2022 mehr Sendezeit eingeräumt als allen Ländern des Globalen Südens zusammen. Die österreichische „ZIB 1“ berichtete im selben Jahr umfangreicher über die britische Königsfamilie als über den globalen Hunger, und in der Schweizer „Tagesschau“ nahm die Ohrfeige, die der Schauspieler Will Smith bei der Oscarverleihung seinem Kollegen Chris Rock gab, mehr Raum ein als die Kriege in Jemen und Äthiopien zusammengerechnet.
Dass grundsätzlich auch eine andere Form von Berichterstattung möglich ist, zeigen in Deutschland die positiven Beispiele „ARTE Journal“ im Bereich der Fernsehnachrichten und die „taz“ in der Gruppe der Printmedien. Beide Formate widmen dem Globalen Süden etwa dreimal so viel Sendezeit bzw. Beitragsseiten wie vergleichbare Medien ihrer Art. Die Berichterstattung beider Medien ist von einer geografisch weiter blickenden Perspektive gekennzeichnet und gibt dem Globalen Süden genügend Raum, um diesen nicht auf die sogenannten K-Themen (Krisen, Kriege, Katastrophen, Krankheiten, Korruption) zu reduzieren, sondern die Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas auch mit Positivbeispielen in ihrer Mehrdimensionalität zu erfassen. Fakt ist allerdings auch, dass das „ARTE Journal“ nur einen Bruchteil der Zuschauerzahlen großer Nachrichtenformate wie der „Tagesschau“ erreicht.
Einfluss und Verantwortung der Medien
Um eine größere Aufmerksamkeit zu erzeugen, sind mehr Sendezeit bzw. Beitragsseiten für den Globalen Süden notwendig. Informationsmedien wie Nachrichtensendungen, Reportagen und politische Diskussionsendungen kommt eine wichtige Rolle bei der privaten und öffentlichen Meinungsbildung zu. Sie bilden nicht nur ab, worüber öffentlich diskutiert und nachgedacht wird, sondern bestimmen dies mit und haben damit entscheidenden Einfluss darauf, welche Probleme politisch behandelt und möglicherweise auch gelöst werden können.
Insbesondere vor dem Hintergrund der globalen Reduktion der Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und Hungerbekämpfung (bei gleichzeitig massivem Anstieg der Rüstungsausgaben) wäre eine intensive öffentliche Diskussion über diese Entwicklungen von größter Bedeutung – sowohl aus humanitärer als auch aus geopolitischer Perspektive. Medien könnten die Plattform einer solchen breit gestreuten gesellschaftlichen Debatte sein, die zu weitreichenden politischen Entscheidungen führen könnte. Umso wichtiger ist es, dass Medien Ereignisse nicht ausschließlich nach ihrer geografischen Verortung, sondern auch nach menschlichen und geopolitisch relevanten Dimensionen beurteilen.
Soziopolitisches Interesse und Empathievermögen sollten nicht an Ländergrenzen Halt machen. Um Interesse für ein Thema zu generieren, ist allerdings eine umfangreiche und insbesondere konsequente Berichterstattung erforderlich. Denn Interesse an einem Thema setzt eine vorher in irgendeiner Form erfolgte Beschäftigung mit diesem voraus.
Die Länder des Globalen Südens sind von weitreichenden Entwicklungen mit großem Veränderungspotenzialen geprägt und werden in Zukunft auf der Welt eine noch größere Bedeutung einnehmen – nicht nur demografisch, sondern auch politisch und wirtschaftlich. Die Menschen des Globalen Nordens können es sich nicht leisten, über Ereignisse und Entwicklungen in Ländern, die 85 % der Weltbevölkerung ausmachen, uninformiert zu bleiben.
Vor diesem Hintergrund haben 1369 Personen und 163 Organisationen einen Appell des Autors (zusammen mit Thorolf Lipp und Hermann Rotermund) unterzeichnet, der mehr mediale Aufmerksamkeit für den Globalen Süden fordert. Auch E+Z gehört zu den Unterzeichnenden. Das Positionspapier und die gesamten Unterstützendenlisten können hier eingesehen werden. Es besteht auch weiterhin die Möglichkeit, den Appell zu unterzeichnen sowie dem in diesem Zusammenhang gegründeten Netzwerk beizutreten.
Ladislaus Ludescher ist promovierter wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die deutsch-amerikanischen Kulturbeziehungen, der Globale Süden und insbesondere die in- und ausländische Medienanalyse.
l.ludescher@em.uni-frankfurt.de