Auslandsberichterstattung

Wie Auslandsberichterstattung von NGOs abhängt

Die Arbeit von Journalist*innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen (non-governmental organisations – NGOs) ist zunehmend verwoben. Das beeinflusst beispielsweise das Bild afrikanischer Länder im Ausland.
Projektbesuch bei der Welthungerhilfe im kenianischen Kitui County im Rahmen einer journalistischen Recherche. Birte Mensing Projektbesuch bei der Welthungerhilfe im kenianischen Kitui County im Rahmen einer journalistischen Recherche.

In Krisenregionen und in einkommensschwachen Ländern mit einer generell volatilen Sicherheitslage gibt es zwei Berufsgruppen, die in jedem Fall präsent sind: NGO-Mitarbeitende und Journalist*innen. Die einen leisten Hilfe auf verschiedenen Ebenen, die anderen berichten über die Situation im jeweiligen Land. Diese gemeinsame Präsenz schafft eine Reihe schwieriger Abhängigkeiten.

„Medien und NGOs sind nicht voneinander zu trennen“, sagt auch Jeremiah Kipainoi. Der Kenianer hat als Journalist unter anderem für die britische BBC gearbeitet. Seit drei Jahren ist er Kommunikationschef der britischen „Global Media Campaign to End FGM“, einer weltweiten Kampagne für das Ende der weiblichen Genitalverstümmelung. Er führt aus: „Medien nutzen zivilgesellschaftliche Organisationen und ihre lokale Präsenz als Zugangspunkt zu Geschichten, und NGOs brauchen Berichterstattung vor Ort, um zum Beispiel Sponsoren zu zeigen, dass ihre Spenden sinnvoll verwendet werden.“

Gleichzeitig erzeugen Medien Aufmerksamkeit für die Arbeit der Organisationen und können dabei auch politische Entscheidungsträger*innen erreichen. Kipainoi erzählt, dass Berichterstattung über die Beschneidung von Mädchen mittlerweile oft dazu führt, dass Verantwortliche gesucht und verhaftet werden. Zusätzlich, so Kipainoi, verschaffe die Präsenz in den Medien NGOs Glaubwürdigkeit, was sich wiederum positiv auf die Bereitschaft auswirkt, die Arbeit einer bestimmten Organisation finanziell zu fördern.

Weltverbessernder Journalismus

Die wechselseitigen Abhängigkeiten und Einflüsse haben Folgen für das Bild von Afrika, das dem Rest der Welt vermittelt wird. Mel Bunce, Leiterin der journalistischen Fakultät an der Londoner City University und Co-Autorin des Buches „Humanitarian Journalists“, sagt: „Der mediale Fokus auf Krise und Leid hat das Verständnis, dass Menschen in afrikanischen Ländern selbst auch handlungsfähig sind, quasi ausgelöscht.“

„Humanitarian Journalists“ seien laut Bunce dabei von denselben Motiven getrieben wie viele NGO-Mitarbeitende: „Sie wollen am Ende die Welt besser machen.“ Diese journalistische Motivation wird dann problematisch, wenn Berichterstattende NGO-Arbeit nicht mehr hinterfragen. Oft verdanken Journalist*innen bestimmten Organisationen auch viel: Zugang zu Personen, Geschichten – und Aufträgen.

Fehlende Mittel

Gleichzeitig sind NGOs für viele Redaktionen oft die wichtigste Informationsquelle zu Krisen und Konflikten, in denen die Organisationen Hilfe leisten (siehe Box): Eine ganze Reihe von Medien haben aufgrund von Budgetkürzungen mittlerweile keine oder nur wenige Korrespondentenposten. Das verstärkt die Abhängigkeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Bunce beobachtet in diesem Zusammenhang etwa, dass immer mehr Fotograf*innen, die in Krisengebiete reisen, von NGOs und nicht mehr von Medien bezahlt werden. „Die Bilder werden dann unter Anleitung der Organisationen produziert, die so bestimmen, was gezeigt wird“, sagt die Professorin.

Auch Gelder von Stiftungen werden immer wichtiger. Die Bill-und-Melinda-­Gates-Stiftung zum Beispiel gibt jährlich Millionen aus, um Journalismus zu finanzieren. „Stiftungen investieren meist in die Berichterstattung zu breitgefassten Themenfeldern, weniger in ganz konkrete Inhalte“, sagt Bunce.

Zusammen mit der Frage nach der Finanzierung von Auslandsberichterstattung stellt sich eine weitere: Welche Auswirkungen haben solche Abhängigkeiten auf die Perspektive, die in Berichten eingenommen wird? Die Sprecher*innen von NGOs in afrikanischen Ländern sind oft Menschen aus Europa oder Amerika. Führt die enge Zusammenarbeit von Organisationen und Journalist*innen vor Ort dazu, dass nur sie zu Wort kommen, wird die Realität der einheimischen Bevölkerung zu einem erheblichen Teil ausgeblendet. So steigt der Eindruck, dass diese nicht für sich selbst sprechen kann und dass Menschen in Afrika Hilfe brauchen und selbst nichts zu Lösungen beitragen.

Link
Scott, M., Wright, K., & Bunce, M., 2022: Humanitarian Journalists: Covering Crises from a Boundary Zone. London, Routledge.
https://doi.org/10.4324/9781003356806

Birte Mensing arbeitet als freiberufliche Journalistin in Nairobi.
birte.mensing@web.de

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