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Zentralafrika

Schutzlose Zivilbevölkerung

von Theresa Krinninger

In Kürze

Interreligiöser Dialog hilft: Papst Franziskus besucht die Hauptmoschee in Bangui im November. Rechts von ihm der Imam der Moschee, Tidiani Moussa Naibi.

Interreligiöser Dialog hilft: Papst Franziskus besucht die Hauptmoschee in Bangui im November. Rechts von ihm der Imam der Moschee, Tidiani Moussa Naibi.

Der Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) hat zu Tausenden Toten und Hunderttausenden Vertriebenen geführt. Die internationale Gemeinschaft reagierte zu spät, kritisieren Experten vom Londoner Overseas Development Institute (ODI) und fordern eine proaktivere Vorgehensweise.

Die jüngste Gewaltwelle in der ZAR ist Thema eines aktuellen Berichts der am ODI ansässigen Humanitarian Policy Group (HPG). Ende 2012 überrollten muslimische Seleka-Rebellen den Norden und die Mitte des Landes und stürzten 2013 den Präsidenten François Bozizé. Die Seleka-Rebellen verfolgten gezielt Andersgläubige, was eine Gegenbewegung auslöste: Die mehrheitlich christliche Anti-Balaka-Miliz. Sie verübte wiederum blutige Attacken auf Muslime.

Dem ODI zufolge sind 2,7 Millionen Menschen direkt vom Konflikt betroffen – mehr als die Hälfte der Bevölkerung der ZAR. Schätzungen zufolge starben zwischen 2000 und 5000 Menschen. Im Januar 2015 lagen die Flüchtlingszahlen in den Nachbarländern Tschad, Kamerun und der Demokratischen Republik Kongo bei 400 000. Weitere 400 000 sind Binnenflüchtlinge. Etwa 80 Prozent der Muslime haben die Hauptstadt Bangui verlassen oder wurden getötet.

Laut ODI-Bericht waren am Anfang der Krise nur wenige internationale Truppen vor Ort. Zudem haben sich die zentralafrikanischen Sicherheitskräfte komplett aufgelöst. Ohne Polizei und Militär war die Regierung völlig hilflos. Bis heute kann sie die Zivilbevölkerung nicht schützen. Zudem kommen die Gewalttäter ungestraft davon, weil die meisten Richter und Rechtsanwälte entweder geflohen sind oder umgebracht wurden.

Viele Betroffene suchten deshalb Schutz bei bewaffneten Gruppen und religiösen Führern. Je nach Zugehörigkeit waren das nach Erkenntnissen der ODI-Experten entweder christliche oder muslimische Führer und Milizen. Die Studie betont aber auch, dass Rebellen auf beiden Seiten Schutzgeld von den eigenen Glaubensanhängern einkassiert und deren Geschäfte geplündert haben.

2014 begannen die MISCA-Truppen der Afrikanischen Union und die französische Mission Sangaris mit der Entwaffnung der Seleka. Da die Kampagne ausschließlich auf Seleka-Rebellen abzielte, bezweifelten die Menschen die Neutralität der Friedenstruppen. Die ausländischen Soldaten bemerkten auch nicht, dass die Anti-Balaka-Miliz stärker wurde und damit auch die Gefahr für Muslime stieg. Im muslimischen Bezirk von Bangui fühlten sich Bürger deshalb besser von der Seleka beschützt. Dennoch loben die Londoner Experten, dass MISCA und Sangaris größere Massaker verhindern konnten.

Die Lage verbesserte sich, als im September 2014 eine größere UN-Friedensmission MISCA ablöste. Die neue Mission, MINUSCA, brachte 10 000 Sicherheitskräfte ins Land mit dem Auftrag, Zivilisten zu schützen. Laut ODI-Bericht hätte diese Mission schon viel früher beginnen müssen.

Der Autorin zufolge spielten Priester, Imame und Missionare eine wichtige Rolle in der Konfliktbearbeitung. Über die interreligiöse Plattform (IRP) mobilisierten sie internationale Hilfe und sogar die Friedensmissionen. Vor Ort vermittelten sie zwischen Dorfgemeinschaften und bewaffneten Gruppen. Ihr Einsatz erfolgte jedoch teilweise recht spät, wie die Studie kritisiert, und Hilfsorganisationen wurden nicht immer rechtzeitig eingeschaltet. Gerade in ländlichen Gebieten hatten die religiösen Helfer es demnach schwer, internationale Organisationen zu mobilisieren.

Im ODI-Bericht steht, dass nur wenige Hilfsorganisationen vor Ort waren, als der Bürgerkrieg ausbrach. Zudem zogen sich viele nach dem Putsch 2013 aus der ZAR zurück, weil sie zur Zielscheibe der Seleka wurden. Erst als der UN-Sicherheitsrat Ende 2013 den Notstand ausrief, griffen sie wieder verstärkt ein, indem sie etwa bedrohte Gemeinschaften in Schutzzonen evakuierten.

Der Bericht kritisiert auch, dass die internationale Gemeinschaft es versäumt habe, mit den bewaffneten Gruppen zu verhandeln und somit weitere Gewalt zu verhindern. Solange sich die Friedensmission dieser Aufgabe nicht stelle, werde die Krise nicht enden. Die staatlichen Institutionen in der ZAR seien nach wie vor sehr schwach. Zudem müsse den Friedenstruppen bewusst gemacht werden, wie die verschiedenen religiösen Gruppen in der ZAR die Dinge wahrnehmen und handeln.

Theresa Krinninger

Link:
HPG Working Paper, 2015: Central African Republic: addressing the protection crisis.
http://www.odi.org/publications/10103-protection-car-africa-conflict-seleka-anti-balaka-peacekeepers

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