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Interview

Krisenbedingte Expansion

von Ulrich Schröder

Meinung

Leitwarte eines von der KfW Entwicklungsbank mitfinanzierten Erdwärmekraftwerks in Kenia.

Leitwarte eines von der KfW Entwicklungsbank mitfinanzierten Erdwärmekraftwerks in Kenia.

In der globalen Finanzkrise haben staatliche Förderbanken weltweit an Bedeutung gewonnen. Ulrich Schröder, der KfW-Vorstandssprecher, warnt aber davor, vom Subsidiaritätsprinzip abzuweichen. Das eigene Wachstum darf ihm zufolge nicht Ziel eines regierungseigenen Geldhauses sein.

Warum ist die globale Finanzkrise noch nicht vorbei?
Sie ist eine Kombination aus einer Staatsschulden- und einer Bankenkrise. Es wurde sehr viel Vertrauen zerstört, und das geht bekanntlich schnell. Es dauert aber lange, Vertrauen wieder­herzustellen. Dafür müssen die Staaten ihre Haushalte sanieren und ihre Volkswirtschaften wettbewerbsfähig machen. Und die Banken müssen ihre Bilanzen in Ordnung bringen und ihre Geschäftsmodelle an die neuen Bedingungen anpassen. Das alles ist trotz beachtlicher Fortschritte noch längst nicht abgeschlossen.

Wie müssen sich die neuen ­Geschäftsmodelle von den alten unterscheiden?
Sie müssen dem veränderten regulativen Umfeld entsprechen. Das Grundcredo der Regulierer lautet, dass Banken aus eigener Kraft Schwierigkeiten überwinden können müssen, damit nicht am Ende der Steuerzahler für sie einspringen muss. Die neuen Regulierungen sollen Bankgeschäfte also sicherer machen.

  •  Sie verlangen deshalb von den Banken mehr Eigenkapital. Das heißt, die Banken müssen entweder mehr Eigenkapital aufbringen, um ihre Geschäfte auszudehnen, oder ihre Bilanzen verkleinern, um mit dem bestehenden Eigenkapital auszukommen. Letzteres ist leichter, und das tun viele Banken auch.
  •  Die neuen Regulierungen lassen erwarten, dass die Geldgeber der Banken künftig im Fall von Schwierigkeiten stärker in die Pflicht genommen werden. Ein Finanzinstitut braucht also ein vertrauenswürdiges Geschäftsmodell, um sich neue Mittel zu beschaffen.
  •  Die neuen Regeln schränken Inkongruenzen ein. Das bedeutet, dass Banken nicht mehr im bisherigen Umfang langfristige Kredite mit kurzfristigem Geld refinanzieren dürfen.

Insgesamt wird es für Kreditnehmer schwerer als vor der Krise, langfristige Finanzierungen von Banken zu bekommen, auch wenn sich die Lage derzeit wieder etwas verbessert hat.

Warum sind langfristige ­Finanzierungen wichtig?
Eine alte Kaufmannsregel besagt, dass langfristige Investitionen auch langfristig finanziert werden müssen. Sonst ist zuverlässige Kalkulation unmöglich – unter anderem, weil es dann keine Zinssicherheit gibt. Es stimmt aber auch, dass langfristiges Wachstum auf langfristigen Investitionen beispielsweise in die Infrastruktur beruht. Der Bedarf ist riesig. Die EU schätzt, dass bis 2020 in der EU allein 2000 Milliarden Euro gebraucht werden.

Aber da geht es doch um staatliche Budgets, für die Banken gar nicht so wichtig sind, weil Regierungen mit Staatsanleihen arbeiten können?
Ihr Einwand stimmt nur zum Teil. Bekanntlich müssen öffentliche Haushalte sparen. Außerdem gehören auch Kommunen zur öffentlichen Hand, aber sie gehen in Europa praktisch gar nicht an den Kapitalmarkt. Zudem können hochverschuldete EU-Mitgliedsländer heute keine für sie günstigen Anleihen auflegen. Generell gilt, dass in Europa langfristige Investitionen zu etwa
70 Prozent auf Bankkrediten beruhen.

Für langfristiges Wachstum sind auch langfristige Privat­sek­­to­r­investitionen nötig – zum Beispiel in Produktionsanlagen.
Richtig, und während große Aktiengesellschaften erfolgreich Anleihen auflegen können, ist dieser Weg kleinen und mittleren Firmen versperrt. Sie sind also auch auf Banken angewiesen. Auch strukturierte Finanzierungen brauchen den Bankenmarkt.

Wie ist die Lage der Schwellen- und Entwicklungsländer heute?
Sie haben mindestens so große Probleme wie die Industrieländer. Nur wenn sie Straßen bauen, Kraftwerke errichten und sich um die sonstige Infrastruktur kümmern, können sie wirtschaftlich gedeihen. Und für diese Dinge ist nach wie vor in erster Linie der öffentliche Sektor verantwortlich. Zum Teil helfen multilaterale Förderbanken wie die Weltbank oder bilaterale Förderbanken wie die KfW. Ein gewisses Problem ist aber, dass viele Gebernationen selbst Haushaltsprobleme haben und deshalb in der internationalen Entwicklungsfinanzierung Einschränkungen unterliegen. Was Privatinvestitionen in Schwellen- und Entwicklungsländern angeht, kommt es neben starken institutionellen Investoren wieder auf den Bankensektor an.

Macht sich da nicht die KfW-Tochter DEG, die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft, nützlich? Sie ist dazu da, mit Eigenmitteln Privatsektorinvestitionen in Schwellen- und Entwicklungsländern zu unterstützen.
Das stimmt, und es gibt erfreuliche Tendenzen. Die DEG hat sich mit ähnlichen europäischen Institutionen – etwa der Proparco in Frankreich oder der FMO in den Niederlanden – zu einem Verbund namens EDFI zusammengeschlossen. Das Kürzel steht für „European Development Finance Institutions“. Es war für EDFI-Mitglieder in letzter Zeit nicht ungewöhnlich, ihre Finanzierungszusagen jährlich um zehn Prozent aufzustocken. Dieser Erfolg beweist unter anderem, dass eine wachsende Zahl von Entwicklungsländern erfolgreich Investitionen anlockt. Die Zahlen zeigen aber auch, dass die Volkswirtschaften dieser Länder noch zu schwach sind, um das nötige Kapital vollständig im Inland zu mobilisieren.

Die Bedeutung der KfW für die deutsche Volkswirtschaft ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Die Bilanzsumme betrug zuletzt 512 Milliarden Euro – 45 Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. Manche Beobachter halten sie nun für die zweitwichtigste Bank in Deutschland – gleich nach der Deutschen Bank. Wie kam das?
Wir machen nur langfristige Finanzierung, und darauf kommt es jetzt besonders an. Wir haben kein Vertrauensproblem, weil wir der Bundesrepublik Deutschland gehören, die für uns bürgt. Das bedeutet, dass wir am Kapitalmarkt für neue Mittel heute nicht mehr zahlen als vor der Krise, sondern sogar ein bisschen weniger. Diesen Vorteil geben wir weiter, zum Beispiel in der Entwicklungsfinanzierung oder im Inland in verschiedenen Bereichen wie dem Wohnungsbau, der Studienfinanzierung und der Mittelstandsförderung. Es ist aber grundsätzlich nicht gut, wenn ein staatliches Institut immer wichtiger wird. Der kommerzielle Bankensektor muss wieder erstarken. Unser Wachstum ist das Ergebnis davon, dass wir gebraucht werden, nicht davon, dass wir Expansion oder Profitmaximierung anstreben.

Der Staat repariert also ­Marktversagen?
Es stimmt, Staaten setzen Regeln und greifen korrigierend ein. Das muss aber dem Subsidiaritätsprinzip entsprechen: Entscheidungen sollten möglichst in kleinen Einheiten – möglichst nah am Individuum – fallen, denn dann werden sie den Menschen gerecht. Nur wenn die unteren Ebenen oder private Marktteilnehmer überfordert sind, dürfen die höheren Ebenen und der Staat einschreiten. Dieses Prinzip ist elementar und gilt auch für die KfW.

Und entsprechend diesem Grundsatz bieten sie in Deutschland Ihre Dienste auch nicht den Endkunden an, womit sie andere Banken verdrängen könnten. Sie haben kein eigenes Filialnetz, sondern leihen anderen Geldhäusern günstige Mittel für Kreditangebote, die den KfW-Zielen entsprechen.
Das ist unser „Durchleitprinzip“. Es bietet zudem den Vorteil, dass das Wissen der Partnerinstitute, die ihre Kunden gut kennen, genutzt wird.

Haben andere EU-Mitglieder ähnliche Förderbanken?
Es gibt ähnliche Institute, und wo das nicht der Fall ist, herrscht ein großes Interesse daran, so etwas einzurichten. Portugal will eine Förderbank gründen, Griechenland ebenfalls. Italien hat die Cassa dei Depositi e Prestiti, die eine ähnliche Rolle spielt wie wir. Auch in Spanien und Frankreich gibt es Förderbanken. Es ist aber nicht leicht, unser Modell zu kopieren. Wir haben heute unter anderem den großen Vorteil, dass Deutschland noch eines der wenigen Länder mit AAA-Rating ist und entsprechend günstig an Geld kommt. Das ist für uns hilfreich, denn eine Förderbank, die vom Staat garantiert wird, hängt selbstverständlich von der Kreditwürdigkeit dieses Staates ab. Ein anderer Vorteil ist Deutschlands dezentrales Finanzsystem. Weil Sparkassen, Genossenschafts- und Geschäftsbanken flächendeckend präsent sind, können wir unser Durchleitprinzip einhalten.

Gibt es in Schwellenländern Förderbanken, die Ihnen ähneln?
Ja, in China gibt es die China Development Bank, Brasilien hat die BNDS und auch Indien verfügt über einflussreiche staatliche Institute. Sie sind sehr wichtig, und ihre Bedeutung ist wie unsere in der Krise gewachsen. Wir haben vor einiger Zeit die Initiative ergriffen, uns zusammenzuschließen. Der International Development Finance Club (IDFC) hat jetzt 20 Mitglieder. Es handelt sich um nationale und regionale Förderbanken. Im vergangenen Jahr haben die IDFC-Mitglieder Finanzierungszusagen im Gesamtwert von 430 Milliarden Dollar gemacht. Und abermals ist Subsidiarität wichtig. Große multilaterale Entwicklungsbanken wie die Weltbank oder die Asiatische Entwicklungsbank müssen nicht alles allein machen. Es ist klüger, zu kooperieren und das Know-how der örtlichen Institute zu nutzen. Angesichts der Engpässe bei langfristigen Finanzierungen wird es in den nächsten Jahren darauf ankommen, alle Kräfte zu mobilisieren – aber auch die Schranken zu akzeptieren, die uns das Subsidiaritätsprinzip auferlegt. Die Fragen stellte Hans Dembowski.

Ulrich Schröder ist Vorstandsvorsitzender der KfW Bankengruppe, die aus der nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Förderbank Kreditanstalt für Wiederaufbau hervorgegangen ist. www.kfw.de