D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Regenwald

Amazonasgebiet in Gefahr

von Carmen Josse

Hintergrund

Wälder in Flammen: hier in Manicoré im brasilianischen Bundesstaat Amazonas.

Wälder in Flammen: hier in Manicoré im brasilianischen Bundesstaat Amazonas.

Gewaltige Waldbrände haben Menschen weltweit auf die Bedrohung des Regenwaldes und anderer Ökosysteme im Amazonasgebiet aufmerksam gemacht. Der politische Hintergrund ist klar: Brasiliens neue Regierung hält nicht viel von Umweltschutz, indigenen Völkern und Rechtsstaatlichkeit.

Die Amazonasregion beherbergt den größten zusammenhängenden Regenwald der Welt und speist mit ihren zahlreichen Wasserläufen einen der größten Flüsse. Der Amazonas, seine vielen Nebenflüsse und der Regen, den der Wald durch Verdunstung erzeugt, sind lebenswichtig für eine Region, die 70 Prozent der Wirtschaftsleistung Südamerikas erbringt.

Zugleich ist das Amazonasgebiet die Heimat indigener Völker. Ihr Land nimmt 30 Prozent des Territoriums ein. 23 Prozent des Gesamtterritoriums sind Naturschutzgebiete, welche die einzigartige Biodiversität erhalten sollen. Das Wissen der Indigenen ist ein großer kultureller Schatz. Es ist ebenso wie die natürliche Vielfalt derzeit so stark bedroht wie nie zuvor.

Seit August wüten verheerende Brände in der Region. Die Medienberichte darüber erschüttern die ganze Welt. Aber die Feuer haben eine Vorgeschichte – und sie sind nicht die einzige Gefahr.

Das Amazonasgebiet liegt zu 61 Prozent in Brasilien. Deshalb ist es so wichtig, was in dem größten Land Lateinamerikas passiert. Anfang dieses Jahres übernahm Jair Bolsonaro das Präsidentenamt. Schon im Wahlkampf hatte er angekündigt, die Amazonasregion stärker wirtschaftlich zu nutzen und Überwachung und Regulierung abzubauen. Zuvor hatten Schutzmaßnahmen zu wirken begonnen. Von 2005 bis 2012 sanken die Abholzungsraten spürbar. Seit 2012 sind sie zwar wieder etwas angestiegen, erreichten aber bei weitem nicht das Niveau früherer Jahre.

Erfolge beruhten auf mehreren Bedingungen. Die beiden wichtigsten waren:

  • Das Umweltministerium wurde seiner Verantwortung gerecht und kam Brasiliens Verpflichtungen in internationalen Abkommen wie dem Pariser Klimavertrag nach.
  • Private Sojakonzerne zeigten Kompromissbereitschaft. Weil internationale Kampagnen sie für die enorme Abholzung mitverantwortlich machten, stimmten sie einem Moratorium zu, um Abholzung zu stoppen. Zudem erklärten sie sich bereit, ab Juli 2006 keine Sojabohnen mehr zu beziehen, die auf gerodeten Flächen angebaut wurden.

Das Moratorium galt bis 2016. Der Privatsektor ging davon aus, dass Politik und Verwaltung innerhalb dieser zehn Jahre die nötigen Strukturen und Reglements schaffen würden, um die Abholzung wirksam staatlich zu kontrollieren.

Seit der Amtsübernahme Bolsonaros hat sich die Politik aber geändert. Die neue Regierung hat ihre Überwachungs- und Regulierungsinstanzen abgebaute und deren Befugnisse reduziert. Das gilt ähnlich für alle Behörden, die für Klimafragen zuständig sind. Die Regierung übertrug zudem dem Landwirtschaftsministerium, das normalerweise den Interessen der Agrarlobby folgt, per Dekret viele Entscheidungen in Umweltfragen. Es ist nun für die Vergabe von Lizenzen, Wasserressourcen und Landfragen wie etwa die Abgrenzung indigener Gebiete zuständig. Bolsonaro hat den Bock zum Gärtner gemacht.

In Bezug auf internationale Verpflichtungen sieht es nicht besser aus. Die Regierung zeigt kein Interesse daran, die Waldrodung zu bekämpfen oder nachhaltige wirtschaftliche Alternativen für die Region zu schaffen. Der internationale Amazonasfonds, der derlei unterstützte, wurde ausgesetzt.

Die Regierung fördert stattdessen Umweltkriminalität. Sie hat zum Beispiel Straffreiheit für illegalen Holzeinschlag ankündigt und versprochen, geschütztes indigenes Land für landwirtschaftliche Nutzung und Bergbau freizugeben. Auch die Regierungen einiger Bundesstaaten tragen zu der Trendwende bei, indem sie die Beteiligung ihrer Beamten an Kontrollmaßnahmen reduziert haben.


Wirtschaftliche Interessen

Leider sieht nicht nur die brasilianische Regierung im Amazonasgebiet riesiges Potenzial für landwirtschaftliche Nutzung und Rohstoffgewinnung. Alle Amazonasländer haben wirtschaftliche Interessen, die die nationale Politik stark beeinflussen und zu nicht nachhaltiger Nutzung führen. Dabei sind die Vorteile nur kurzfristig, während die langfristigen negativen Folgen irreversibel sein werden.

Indigene Völker und lokale Amazonasgemeinden bremsen seit Jahrzehnten das Voranschreiten der Abholzung und die damit verbundene Zunahme von CO2-Emissionen, die die globale Erwärmung verursachen. An die 73 Millionen Tonnen Kohlenstoff sind in den Wäldern des Amazonasgebiets gespeichert. Doch neuere Studien zeigen, dass die Umnutzung der Wälder und die damit verbundenen Emissionen zunehmen und die Region so zu einer Nettoquelle von Emissionen machen.

Außerdem tragen Prozesse der Walddegradation, die weniger auffällig sind und von den Ländern auch nicht im Rahmen ihrer nationalen Klimabeiträge (Nationally Determined Contributions – NDCs) überwacht werden, zunehmend zu Emissionen innerhalb und außerhalb von Schutzgebieten bei. Sieben der neun Amazonasländer weisen mehr Emissionen aus Degradierung als aus Abholzung auf.

58 Prozent des Waldkohlenstoffs im Amazonasgebiet sind in indigenen Gebieten und Schutzgebieten gespeichert, während die Emissionen aus dem Wald derzeit nur zehn Prozent der Gesamtmenge ausmachen. Klar ist aber, dass der Trend zu weniger Umweltschutz, einer Schwächung der Indigenen-Rechte und der Rechtsstaatlichkeit weltweite Probleme verschärfen. In der Region bedeuten sie eine existenzielle Bedrohung für indigene Völker und Gemeinschaften und deren Gebiete.

Die Feuer im Amazonas- und anderen Gebieten der Region haben – dank umfangreicher Medienberichterstattung – die Menschen weltweit aufgerüttelt und dazu gebracht, Druck auf ihre Regierungen auszuüben, damit sie etwas gegen die Katastrophe tun. Viele reagieren mit Bestürzung auf die Wälder in Flammen. Dass Bolsonaro angesichts der internationalen Empörung Brandrodungen kurzfristig für ein paar Wochen verboten hat, war ein PR-Manöver, das nicht viel bewirken wird.

Nüchtern betrachtet zeigt die Katastrophe aber klar den Zusammenhang zwischen Abholzung und Bränden auf. Die Rodung der Wälder für landwirtschaftliche Flächen führt in Kombination mit längeren Trockenzeiten aufgrund der Folgen des Klimawandels zu einem Teufelskreis aus weniger Regenfällen und mehr Emissionen. Tatsächlich verliert der Wald an Regenerationskraft. Was heute zerstört wird, kann nicht in wenigen Jahren wieder nachwachsen.

Die erklärte Absicht Bolsonaros, die Lebens- und Wirtschaftsweisen der indigenen Völker in ihren Gebieten zu zerstören und diese für Landwirtschaft zu öffnen, hat internationale Folgen. Diese Politik vernichtet den enormen Beitrag, den die Indigenen zur Bekämpfung des Klimawandels leisten. Die Chancen, die Erderwärmung in den Griff zu kriegen und der Menschheit eine lebenswerte Zukunft zu sichern, werden täglich kleiner.


Carmen Josse arbeitet als Wissenschaftlerin für die zivilgesellschaftliche Denkfabrik Fundación EcoCiencia in Ecuador.
www.ecociencia.org

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren