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Nachkriegs-Gesellschaft

Ausgezeichnete Frauenarbeit

von Eva-Maria Verfürth
Nikaraguas Polizei hat mit knapp 30 Prozent eine der höchsten Frauenquoten weltweit und wird sogar von einer Frau geleitet. Viele der Beamtinnen werden speziell für die Arbeit mit Opfern von Misshandlungen und Vergewaltigungen ausgebildet. Sie sollen die weit verbreitete häusliche Gewalt bekämpfen.

„Warum die Polizei Frauen braucht?“ Martha Picado Aguilar, Leiterin der Kommissariate für Frauen und Kinder, ist über die Frage sichtlich erstaunt. Allein bei jeder Patrouille müsse mindestens eine Polizistin dabei sein, erklärt sie, für den Fall, dass Frauen abgetastet werden müssten. „Und bei Fällen von geschlechtsspezifischer Gewalt natürlich – oder soll eine vergewaltigte Frau etwa einem Mann ihre Geschichte erzählen müssen?“

Diese Einstellung ist im internationalen Vergleich keineswegs selbstverständlich: Die meisten Polizeiapparate kommen fast ohne Frauen aus, die zentralamerikanischen Nachbarländer beispielsweise haben Frauenanteile von nur um die zehn Prozent. Nikaragua dagegen legt Wert auf die Förderung von Polizistinnen und die Begleitung von weiblichen Gewalt­opfern. Die Interamerikanische Entwicklungsbank zeichnete Nikaraguas Polizei deshalb 2005 für die beste Genderpolitik Lateinamerikas aus.

Bei der Frauenförderung gehe es um mehr als nur die Befolgung der Menschenrechte, sagt die Leiterin der Polizeiakademie, Elizabeth Rodríguez Obando. Generalkommissar Francisco Bautista zufolge verbessern Frauen die Polizeiarbeit: „Ob bei der Verkehrspolizei, bei Ermittlungsarbeit oder bei Demonstrationen: Die Präsenz von Frauen wirkt mäßigend, schafft Vertrauen.“ Dass die Polizei in Nikaragua Genderfragen immer mitbedenkt, ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, die mit der sandinistischen Revolution 1979 ihren Anfang nahm.

Vor etwas mehr als 30 Jahren kämpfte Martha Picado Aguilar noch in der sandinistischen Guerilla. Sie spürte die Jeeps des Militärs auf, half bei Barrikaden und baute Molotowcocktails. Mit dem Sieg der Sandinisten wurde sie auf einen Schlag von der Guerilla-Kämpferin zur Polizistin – ein Werdegang, der in Nikaragua normal ist. Nach der Revolution wurden alle dem Somoza-Regime treuen Soldaten und Polizisten durch ehemalige Guerilleros ersetzt. Der hohe Frauen­anteil der Guerilla übertrug sich auf die neue Polizeibelegschaft: stolze 35 Prozent. „Anfangs hatten wir keine Ahnung von Polizeiarbeit“, erzählt Picado, „wir mussten das alle erst lernen. Und nebenbei mussten wir unsere Felder bestellen, um unseren Lebensunterhalt zu sichern.“

Dass die Frauenquote auch heute noch hoch ist, dafür haben die Polizistinnen selbst gesorgt. Picado erinnert sich, dass sich nach dem Regierungswechsel 1990 die männlichen Kollegen immer mehr durchsetzten. Die neue liberale Regierung verkleinerte den Polizeiapparat und kürzte die Sozialleistungen – ­darunter die Mittel für Kindertagesstätten, ohne die es vielen Frauen unmöglich war, berufstätig zu bleiben. Die Frauenquote sank bis Mitte der neunziger Jahre auf 17 Prozent. „Ich bewarb mich auf neun Stellen“, erzählt Picado, „aber immer wurden Männer bevorzugt, obwohl sie geringer qualifiziert waren.“

Die Gleichberechtigung der Geschlechter wurde zwar stets als politisches Ziel deklariert, aber nur auf wenigen Feldern ernsthaft betrieben. Eine Gruppe Polizeibeamtinnen, unter ihnen die heutige Polizeichefin Aminta Granera, nahm die Dinge deshalb selbst in die Hand. Sie organisierten Fortbildungen für Frauen im Polizeiberuf und erreichten, dass im Jahr 1993 die Kommissariate für Frauen und Kinder gegründet wurden, die sich um die Belange von Opfern häuslicher und sexueller Gewalt kümmern. 1996 wurde die Gleich­stellung der Geschlechter in die Polizeistatuten aufgenommen. Zudem wurden Genderberatungsstellen (Consejos Consultivos de Género) eingerichtet, die die Arbeitsbedingungen von Polizistinnen überwachen.

Eroberte Männerdomäne

Der Polizeiberuf ist für Frauen nicht immer einfach: Die teils unvorhersehbar langen Arbeitstage mit ihren 24-Stunden-Schichten sind mit dem Familienleben nur schwer zu vereinbaren, die Löhne sind ­niedrig und die Beamten werden im Dienst immer wieder mit Gewalt konfrontiert. Die körperlichen Anforderungen für Frauen wurden zwar im Zuge der Gleichstellungspolitik angepasst – so wurde die Mindestgröße von 1,65 Meter, die kaum eine Frau erreichte, auf 1,55 Meter heruntergesetzt –, aber hoch sind sie immer noch.

Die gezielte Frauenförderung hat dennoch Wirkung gezeigt. In einer Medienkampagne warb die Polizei um Bewerberinnen und sie reformierte die Ausbildung. Der Frauenanteil steigt seitdem in fast allen Arbeitsbereichen und auch gehobene und Führungspositionen wurden in den letzten Jahren zunehmend mit Frauen besetzt. Fachleute der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammen­arbeit (GIZ) sind begeistert: Die GIZ unterstützte Nikaraguas Polizei von 1996 bis 2005 bei der Umsetzung ihrer Genderpolitik; als sie drei Jahre später die weitere Entwicklung analysierte, war der Frauenanteil fast bei dem als ausgeglichen angesehenen Verhältnis von 30 zu 70 angelangt.

Weitere positive Punkte waren, dass die Polizeiausbildung Genderthemen berücksichtigt und die Frauenkommissariate ausgeweitet worden waren. „Das beweist, dass die Polizei es wirklich ernst meint“, sagt Miriam Diaz von der GIZ. Ihre Kollegin Ligia Gutiérrez ergänzt: „Sie verfolgt die Genderpolitik auch ohne unsere Unterstützung weiter.“ Mittlerweile ist das GIZ-Projekt in eine zweite Phase gestartet. Lehrkräfte der Polizeiakademie werden für Frauenthemen sensibilisiert und Polizistinnen weiter im Umgang mit weiblichen Opfern geschult.

Im Kampf gegen Gewalt an Frauen

In den Kommissariaten für Frauen und Kinder wird die Genderpolitik auch auf die Polizeiarbeit übertragen. GIZ-Daten zufolge schlägt in Nikaragua jeder dritte Ehemann seine Frau regelmäßig, jeder zweite gelegentlich. Amnesty International beklagt im ­Jahresbericht 2010 zudem die hohe Zahl an Vergewaltigungen, bei denen zwei Drittel der Opfer unter 17 Jahre alt sind und 90 Prozent der Täter zur Familie gehören. Die Mitarbeiterinnen der Frauenkommissariate – darunter ausgebildete Psychologinnen, ­Ärztinnen und Juristinnen – begleiten die Opfer auf dem langen bürokratischen Weg von der Anzeige bis zum Gerichtsverfahren. Im Jahr 2008 nahmen sie rund 28 500 Anzeigen auf, von denen sie 20 000 vor Gericht brachten.

Besonders schwer ist es, das Schweigen der Opfer zu brechen. Deshalb fahren die Polizistinnen in Kleinbussen – so genannten „mobilen Kommissariaten“ – regelmäßig abgelegene Regionen mit einem hohen Gewaltindex an, um es Opfern zu erleichtern, Anzeige zu erstatten. Außerdem bildeten sie bisher über 3000 freiwillige Multiplikatorinnen aus. Zumeist selbst Opfer von Gewalt, sollen diese Frauen und Mädchen in ihren Heimatorten andere Betroffene unterstützen.

Mit den Kommissariaten ist Nikaragua seinen Nachbarländern einen großen Schritt voraus, die allesamt – wie die meisten Post-Konflikt-Gesellschaften – mit hoher familiärer und sexueller Gewalt zu kämpfen haben. Trotzdem kritisiert Amnesty International weiterhin unzureichende Polizeiarbeit und Rechtsprechung für misshandelte Frauen. Zudem zeugen wiederholte Beschwerden in den nationalen Medien von teils noch großen Schwächen bei der Polizeiarbeit. Erschwerend kommt hinzu, dass die Sicherheitskräfte im Land stark unterbesetzt sind. Auf 100 000 Einwohner kommen in Nikaragua 175 Polizisten, während der weltweite Durchschnitt bei 350 liegt. Trotz aller Fortschritte bleibt für die Kommissariate also noch viel zu tun.