Lateinamerika
Wer beugt sich Trumps Druck?
Das Jahr 2026 begann mit einem drastischen Ereignis: Das US-Militär entführte Venezuelas Nicolás Maduro. Diese Tat weckte Erinnerungen an das vergangene Jahrhundert, in dem die USA immer wieder in Lateinamerika intervenierten, was die betroffenen Länder langfristig beeinträchtigte.
Dabei war die Entführung in Venezuela nicht die erste Offensive gegen lateinamerikanische Länder seit Donald Trumps Amtsantritt. Der US-Präsident hat die Zölle für mehrere Länder drastisch erhöht, besonders dort, wo er die Regierungen nicht als Verbündete sieht. Allerdings wurden diese Maßnahmen oft spontan wieder zurückgenommen oder geändert, vor allem wenn sie zu steigenden Preisen und Produktionskosten in den USA führten. Zugleich hat Trump gleichgesinnten Regierungen finanzielle Unterstützung angeboten, allen voran der Regierung von Javier Milei in Argentinien. Die weitgehende Kürzung der Entwicklungsgelder hat die Region, vor allem die ärmsten Länder, hart getroffen.
Trumps Politik ist uneinheitlich und unvorhersehbar, insofern ist es kein Wunder, dass die Regierungen in Lateinamerika sehr unterschiedlich damit umgehen. Insgesamt gehen die meisten jedoch pragmatisch vor. Sie erkennen die enorme wirtschaftliche und militärische Asymmetrie zwischen den USA und Lateinamerika an. Viele haben – im Gegenzug zu Zollvergünstigungen – den Zugang zu natürlichen Ressourcen oder strengere Maßnahmen gegen organisiertes Verbrechen und Migration angeboten. Sie haben aber auch Verbündete unter US-Unternehmen und Interessengruppen gesucht. Amazon, Coca-Cola, General Motors, Caterpillar, MedTech und die amerikanische Handelskammer für Brasilien etwa unterstützten die brasilianische Regierung dabei, die von Trump verhängten Zölle rückgängig zu machen.
Mexiko: Zwischen Zusammenarbeit und Souveränität
Ein häufiges Ziel von Trumps Forderungen war Mexiko. Seine Forderungen reichen von Handelserleichterungen über die Bekämpfung der organisierten Kriminalität bis hin zur Bereitstellung von Wasser in Dürrezeiten. Washington hat sogar mit einem militärischen Angriff gedroht, um den sogenannten „Narco-Terrorismus“ – die Drogenkriminalität – in Grenznähe zu bekämpfen.
Wegen seiner geografischen Nähe und wirtschaftlichen Abhängigkeit von den USA kann Mexiko diese Drohungen nicht einfach abtun oder Vergeltung ankündigen. Zugleich kann es sich Präsidentin Claudia Sheinbaum nicht leisten, Schwäche zu zeigen. Alle großen politischen Parteien in Mexiko vertreten aus naheliegenden historischen Gründen eine recht nationalistische Haltung gegenüber den USA. Sheinbaum verfolgt daher eine Doppelstrategie: Sie bietet Zusammenarbeit an und bekräftigt zugleich Mexikos Souveränität. So hat ihre Regierung Geheimdienstinformationen weitergegeben und mehr als 50 Anführer*innen organisierter krimineller Gruppen an die USA ausgeliefert. Zugleich hat sie wiederholt erklärt, eine „Invasion“ der USA zur Bekämpfung mexikanischer Kartelle niemals zu tolerieren. Die Neuverhandlung des US-Mexiko-Kanada-Abkommens (USMCA), auf die Trump drängt, dürfte ihre nächste große Herausforderung sein.
Brasilien: Entschlossenheit gegenüber den USA
Brasilien ist sehr viel unabhängiger von der US-Wirtschaft und konnte Trumps Zölle weitgehend rückgängig machen. Die Regierung hat einen offenen Gesprächskanal mit Washington zu Themen wie Drogenhandel, Geldwäsche und der Venezuela-Politik aufgebaut. Brasilien hat Trump keine größeren Zugeständnisse gemacht, da seine große und diversifizierte Wirtschaft den US-Zöllen standhalten kann, auch wenn sie ohne Frage schmerzhaft sind.
Trumps wichtigste politische Forderung war, dass Ex-Präsident Jair Bolsonaro nicht wegen des Putschversuchs nach seiner Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen 2022 strafrechtlich verfolgt und inhaftiert würde. Doch die brasilianische Justiz ist unabhängig von der Exekutive und hat sich den Drohungen der USA nicht gebeugt. Brasilien reguliert auch digitale Plattformen – trotz Trumps Bemühungen, die großen US-Technologieunternehmen zu schützen.
Tatsächlich haben Trumps Drohungen den brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva sogar noch gestärkt. Er hat von einem „Rally-around-the-flag“-Effekt profitiert und viel von seiner verlorenen Popularität zurückgewonnen. Die Zölle wurden zwar temporär erhöht, und die Gespräche gerieten ins Stocken, aber Lulas Entschlossenheit zahlte sich aus. Schließlich hat Trump begriffen, dass Bolsonaro, einmal inhaftiert, nicht mehr ins Amt zurückkehren kann – und dass die USA höhere Preise für Fleisch und Kaffee und einen eingeschränkten Zugang zu Brasiliens Seltenen Erden riskierten.
Venezuela: Umgang mit einem realen physischen Angriff
Die Trump-Regierung hat Nicolás Maduro nie als legitimen Führer Venezuelas anerkannt. Im Laufe des Jahres 2025 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern zusehends, nachdem Washington große Flugzeugträger in die Karibik verlegte, mehrere Schiffe angriff, die angeblich vor der venezolanischen Küste und im Ostpazifik Drogenhandel betrieben, und Öltanker in der Region beschlagnahmte. Nachdem Maduro vom US-Militär entführt worden war, übernahm Vizepräsidentin Delcy Rodríguez die Regierungsgeschäfte.
Seit Kurzem exportiert Venezuela Öl in die USA, eine von Trumps Hauptforderungen. Doch Rodríguez ruft dazu auf, Venezuelas nationale Souveränität zu achten. Ihre Versuche, Trump zu beschwichtigen, deuten an, dass die antiamerikanische und antiimperialistische Ideologie des venezolanischen Regimes ihre Grenzen hat und politischem Pragmatismus weicht. In der Zwischenzeit versuchte Oppositionsführerin María Corina Machado vergeblich, Trump als Unterstützer zu gewinnen, und bot ihm sogar ihren Friedensnobelpreis an.
Das alles hat Folgen für die ganze Region. Die venezolanischen Ölexporte brechen ein, was besonders Kuba beeinträchtigt. Angesichts schwindender Ölvorräte warnt die UNO vor einem möglichen humanitären „Zusammenbruch“ in einem Land, das schon zuvor Probleme hatte, sein Stromnetz zu versorgen. Außenminister Marco Rubio, selbst kubanischer Herkunft, hatte Kuba wiederholt ins Visier genommen und auf eine Liste der Länder gesetzt, die bei der Terrorismusbekämpfung nicht kooperieren. Diese Rhetorik verschärfte sich 2026.
Kolumbien: Kein Rückzieher trotz schwerer Drohungen
Obwohl Kolumbien seit vielen Jahren mit den USA verbündet ist, wurde auch dieses Land Ziel militärischer Drohungen von Trump. Seine Regierung hat kürzlich das kolumbianische Kartell „Gulf Clan“, das als größter Kokainproduzent des Landes gilt, als Terrororganisation eingestuft. Im September entzogen die USA Kolumbien die Zertifizierung als Verbündetem im Kampf gegen Drogen. Durch diese Entscheidung – einer seit 1986 durchgeführten jährlichen Bewertung – gehen dem Land rund 380 Millionen Dollar an jährlichen Hilfen verloren.
Trotz dieser Vergeltungsmaßnahmen blieb der kolumbianische Präsident Gustavo Petro einer der lautesten Gegner von Trumps Politik in Südamerika. Er kritisierte die USA auch für ihre Unterstützung Israels. Nach monatelangen gegenseitigen Beleidigungen führte ein Treffen im Weißen Haus im Februar jedoch dazu, dass beide Staatschefs einen freundlicheren Ton anschlugen. Sie kündigten an, zusammenarbeiten zu wollen, besonders bei Exportrouten für venezolanisches Gas, der Bekämpfung des Drogenhandels und der Beilegung von Handelsstreitigkeiten zwischen Kolumbien und Ecuador.
Petro ist ein weitgehend unbeliebter Politiker geblieben, Umfragen vom Dezember ergaben eine Zustimmung von nur 35 %. Per Gesetz darf er sich nicht zur Wiederwahl stellen. Der von ihm unterstützte linke Kandidat, Senator Iván Cepeda, versucht, aus der nationalistischen und antiamerikanischen Stimmung in Kolumbien Kapital zu schlagen. Wie bei den Parlamentswahlen 2025 in Honduras, Chile, Bolivien und Argentinien wird erwartet, dass Trump auch in Kolumbien eine Präsidentschaftskandidatur unterstützen wird. Der rechtsextreme Kandidat Abelardo de la Espriella erklärte nach Maduros Sturz, er halte die Entführung für „brillant“, andere Oppositionspolitiker*innen reagierten zurückhaltender. Drei im November veröffentlichte Umfragen zeigen, dass Cepeda mit 24 % bis 31 % der Stimmen in Führung liegt und voraussichtlich in die zweite Runde kommt. Espriella folgt ihm mit 14 % bis 18 % der Stimmen.
Argentinien und Trumps Verbündete in Südamerika
Trump bevorzugt Länder mit Regierungen, die ihm gleichgesinnt sind. Sie bekommen Wahlkampf- und Finanzhilfen und erhalten Angebote für Wirtschaftsabkommen. Der argentinischen Regierung etwa hat Washington Kredite über 40 Milliarden Dollar gewährt, als im Vorfeld der Zwischenwahlen zum Kongress die öffentliche Unterstützung für Präsident Javier Milei zurückging. Das Land sah sich mit schwindenden Dollarreserven und einer rapiden Abwertung der Landeswährung konfrontiert. Trump drohte, die wirtschaftliche Unterstützung einzustellen, sollte die Opposition gewinnen.
Nach Mileis überraschendem Sieg unterzeichneten beide Länder ein umfassendes Handels- und Investitionsabkommen, das weit über das hinausgeht, was die USA mit anderen lateinamerikanischen Ländern vereinbart haben. Es öffnet den argentinischen Markt für US-Unternehmen, soll US-Standards und Patentrecht nach Argentinien bringen und erleichtert einen groß angelegten Datentransfer. Das Abkommen gewährt den USA zudem privilegierten Zugang zu Argentiniens Seltenen Erden und anderen wichtigen Mineralien.
Trump hat ähnliche Abkommen mit Ecuador, Guatemala und El Salvador angekündigt. Bolivien und Chile könnten nach den jüngsten politischen Veränderungen seine nächsten Partnerländer werden.
Partnerschaft mit China als Alternative
Trotz des starken Drucks sind die Länder Südamerikas heute jedoch weniger abhängig von den USA als früher. China bietet eine Alternative. Seit mehr als zwei Jahrzehnten macht Peking weitgehend ohne politische Bedingungen Investitionen und vergibt Kredite – im Austausch für den Zugang zu Ressourcen. Für die meisten Länder der Region ist die Handelspartnerschaft mit China heute die größte, und das Land stellt eine wichtige Investitionsquelle dar.
Kurz nachdem die USA im Dezember 2025 ihre Nationale Sicherheitsstrategie veröffentlicht hatten, legte China sein eigenes umfassendes „Dokument zur China-Politik für Lateinamerika und die Karibik“ vor. Der Zeitpunkt war kein Zufall. Für Trump wird es schwierig werden, den chinesischen Einfluss allein mit militärischen Drohungen und wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen zu kontern.
Die Einflussmöglichkeiten der USA sinken
Schon früher haben US-Präsidenten mit Maßnahmen Druck ausgeübt, wenn nationale Interessen auf dem Spiel standen. Zudem nutzten sie aber auch Verhandlungs- und Überzeugungsstrategien und kombinierten Druck mit Anreizen wie Krediten, Investitionen, Marktzugang und Entwicklungshilfe. Trump hat diese Strategie weitgehend aufgegeben. Seine Regierung kürzt Hilfsleistungen, führt Zollkriege und droht mit Militärmaßnahmen, um gegen komplexe Herausforderungen wie Migration und organisierte Kriminalität vorzugehen.
In einer Region, die zwischen links- und rechtsgerichteten Regierungen gespalten ist, birgt das die Gefahr, die politische Instabilität zu verschärfen und das Wirtschaftswachstum zu bremsen. Zudem erweist sich der Ansatz als kontraproduktiv. Im vergangenen Jahr hat Trumps politische Einmischung Politiker*innen wie Lula und Sheinbaum gestärkt, die standhaft blieben. Sie verurteilten Washingtons Vorgehen als imperialistisch und als Verletzung der nationalen Souveränität.
André de Mello e Souza ist Wirtschaftswissenschaftler bei Ipea (Instituto de Pesquisa Econômica Aplicada), einer staatlichen Denkfabrik in Brasilien.
andre.demelloesouza@alumni.stanford.edu