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Online-Petition

Das Recht, kritisch zu denken

von D+C | E+Z

Meinung

India has a healthy democratic tradition of political satire: using a cartoon of Prime Minister Manmohan Singh for protest purposes

India has a healthy democratic tradition of political satire: using a cartoon of Prime Minister Manmohan Singh for protest purposes

Indiens Bildungsminister Kapil Sibal hat kürzlich ein Schulbuch über die Verfassung wegen einer „beleidigenden“ Karikatur aus dem Verkehr gezogen. Etliche indische Gelehrte sprechen sich gegen eine solche Zensur aus, fünf von ihnen in einer Online-Petition, die wir hier leicht gekürzt wiedergeben. Die Schulbücher wurden wegen einer historischen Karikatur zurück­gezogen, die sich darüber amüsiert, wie lange es dauert, bis ein Gesetz erlassen wird. Sie zeigt die Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, ­Jawaharlal Nehru und B.R. Ambedkar, die eine Schnecke auspeitschen. Die Regierung meint, das könnte ­Mitglieder der benachteiligten Dalits beleidigen, da Ambedkar einer ihrer Kasten angehörte.

(…) Der Aufruhr um eine einzige Karikatur hat sich im Schneeball-Prinzip zum Generalangriff gegen die neuen Schulbücher des NCERT (Nationalrat für Erziehungsforschung und Training) ausgeweitet. Das Büro eines Experten, der an den politikwissenschaftlichen Werken mitgearbeitet hatte, wurde durchsucht, die Bücher wurden aus dem Verkehr gezogen, und die Regierung will nun ermitteln, wer dafür verantwortlich ist, dass das „beleidigende Material“ überhaupt in die
Bücher kam. (…)

Die Angst vor Karikaturen ist nicht unerheblich. Sie sagt einiges über die Demokratien aus, in denen wir leben. (…) Nehru, Ambedkar und andere große Demokraten wussten um die Bedeutung von Karikaturen. Ihnen war klar, dass Zeichner wie Shankar oder Laxman uns dazu verleiten, Dinge in Frage zu stellen, Mehrdeutigkeiten und Widersprüchlichkeiten zu erkennen und Dinge in ein anderes Licht zu rücken. Indien hat eine lange Tradition der Satire (…). Wenn wir dieser Tradition huldigen, huldigen wir der Demokratie. Nur in undemokratischen Ländern herrscht Angst vor Karikaturen.

Die Karikaturen in den neuen NCERT-Schulbüchern haben eine pädagogische Funktion. Sie werden neben anderem Material wie Fotos, Postern, Skizzen, Karten und Quellenauszügen eingesetzt. So sollen die Schüler kritisches Denken lernen. Zudem sollen sie Vergangenheit und Gegenwart über Bilder verstehen. Relevante Begleitfragen unterstützen die kritische Auseinandersetzung mit dem Material. Das sind pädagogische Methoden, die die besten Schulbücher weltweit nutzen, um den Geist der Heranwachsenden anzuregen und ihre Interpretationsfähigkeit zu schulen.

(...) Wenn wir 16-Jährige für naive und beeinflussbare Geister halten, die von der Welt mit ihren sozialen Konflikten und Spannungen fernzuhalten sind, bevormunden wir sie. (...) Wenn wir kritisches Denken fürchten, statt es zu fördern, zeigen wir nur, wie fragil unser demokratisches Denken ist.

Die Entscheidung des Ministers ist sehr beunruhigend. Die neuen NCERT-Bücher entstanden in einem langen Prozess demokratischer Diskussion, an dem etliche Komitees und Unterkomitees beteiligt waren. Das Nationale Lehrplankonzept wurde 2005 nach einer ausgiebigen Diskussion mit mehr als 300 Akademikern, Erziehungswissenschaftlern und Lehrern aus dem ganzen Land verabschiedet. Auch die Schulbücher, die in der Folge entstanden, sind Gemeinschaftsprodukte. Jedes Buch wurde von einem Team verfasst. (...)

Die plötzliche Entscheidung, alle politikwissenschaftlichen Schulbücher zurückzuziehen, und zudem zu ermitteln, wer dafür verantwortlich war, dass das mittlerweile als „beleidigend“ eingestufte Material abgedruckt wurde, sollte alle alarmieren, die an das Recht auf kri­tisches Denken glauben und die Unanfechtbarkeit demokratischer Prozesse
respektieren.

Jede Generation muss sich in ihren Schulbüchern von der vorigen abgrenzen, und jede Generation muss neue Wege finden, diese Texte zu verfassen. Schulbücher müssen Gegenstand von Debatten sein und überarbeitet werden – und dabei sollten Schüler wie Lehrer einbezogen werden. Wichtig ist, dass dieser Prozess akademisch, gemeinschaftlich, demokratisch und inklusiv ist. Jede direkte Einmischung der Regierung ist dagegen ein Angriff auf die Demokratie. (...)

– Dr. Sarada Balagopalan, Centre for the Study of Developing Countries, Delhi
– Professor Neeladri Bhattacharya, Centre for Historical Studies, Jawaharlan Nehru Univerisity (CHS/JNU), Delhi
– Professor Janaki Nair, CHS/JNU
– Professor Kumkum Roy, CHS/JNU
– Professor Hari Vasudevan, Calcutta University