D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Internationale Beziehungen

Wahrnehmung des „Westens“

von Hans Dembowski

In Kürze

Kupfermine in der DR Congo.

Kupfermine in der DR Congo.

Deutsche sehen die Entwicklungspolitik der Bundesregierung meist als großzügiges Zeichen der internationalen Solidarität. Manche halten sie auch für „zu großzügig“. Die Lage ist in anderen europäischen Ländern ähnlich. Bürger von Entwicklungs- und Schwellenländern haben oft eine andere Sicht.

Auf die Frage, was ihr zum Stichwort „der Westen“ einfällt, antwortet die namibische Hochschuldozentin Emma Leonard, die „besonderen Beziehungen“, die ihr Land mit Deutschland verbinden. Es sind keine einfachen Beziehungen. Wie Leonard ausführt, bekommt Namibia viel deutsche Entwicklungshilfe (ODA – official development assistance), was aber mit der Kolonialvergangenheit zu tun hat. Leonard erinnert an den Völkermord: Anfang des 20. Jahrhunderts töteten deutsche Truppen 50 Prozent der Nama und 80 Prozent der Herero in der damaligen Kolonie.

Die namibische Regierung ist die Empfängerin der ODA-Mittel, aber die Nachfahren der beiden ethnischen Gruppen wurden nie entschädigt. Für die Jahre 2016 und 2017 stellte die Bundesrepublik 72 Millionen Euro für bilaterale Entwicklungszusammenarbeit bereit. Leonard sagt, ihre Regierung finde das gut. Sie verweist aber auch auf das in New York laufende Gerichtsverfahren gegen Deutschland, bei dem Vertreter der Nama und Herero Entschädigungen durchsetzen wollen (siehe E+Z/D+C e-Paper 2017/11, S. 28). Dass die meisten schwarzen Namibier heute arm sind, viele Großgrundbesitzer aber Nachfahren der deutschen Kolonialherren, macht die Dinge noch komplizierter (siehe E+C/D+C e-Paper 2017/07, S. 29). Leonard sagte, die Nama und Herero brauchten Geld, um Land zurückzukaufen.

Khadija Mounia von Femmes du Sud, einer zivilgesellschaftlichen Organisation in Marokko, sagt, Frauen in ihrem Land litten heute unter „wirtschaftlichem Kolonialismus“. Investoren aus Ländern wie Deutschland, Italien oder Britannien hätten große Agrarflächen gekauft und beschäftigten Saisonarbeiterinnen. Frauen – aber auch Mädchen von 14 oder 15 Jahren – verdienten so weniger als sechs Euro am Tag. Sie lebten in provisorischen Unterkünften und hätten keinerlei soziale Sicherung oder Rechte. Viele hätten nicht einmal einen schriftlichen Vertrag. Manche müssten mit Prostitution Geld dazuverdienen.

Viele Saisonarbeiterinnen leiden an Asthma, wie Mounia berichtet. Das sei die Folge des unsachgemäßen Einsatzes von Agrarchemikalien. Manchmal seien auch Babys betroffen. Niemand kläre die Frauen über die Chemierisiken auf, so dass sie in Arbeitspausen zum Stillen nicht die Kleidung wechselten. „Marokko hat nichts von den Investitionen“, urteilt Mounia. „Die Gewinne gehen nach Europa.“

Bei einer Veranstaltung der Frankfurt UAS (University of Applied Sciences), sagte die ugandische Feministin Juliet Were Studierenden Mitte Mai, ihre Landsleute hielten Deutsche für „reichlich ignorant“. Sie forderte dazu auf, fleißig zu lesen und sich über globale Angelegenheiten zu informieren. Es sei wichtig, „die Herstellung und den Verkauf von Waffen in Frage zu stellen und zu kritisieren“. Das gelte ebenso für „Minenverträge in der Demokratischen Republik Kongo“.

Were leitet eine Initiative, die Isis-WICCE heißt und Studien über Genderfragen, Sicherheit und Regierungsführung in Ländern wie Burundi, Südsudan und Nepal produziert hat. Migration und Vertreibung hätten mit Arbeitslosigkeit und politischer Instabilität zu tun, betont Were. Studierendenverbände sollten sich überall mit feministischen Organisationen verbünden, um weltweit für Menschenrechte und Gerechtigkeit zu kämpfen.

Abha Bhaiya von der zivilgesellschaftlichen Organisation Jagrigrammeen im indischen Himalaya sieht die Dinge ähnlich. „Unsere Stimmen werden von den Machtblöcken im Norden nicht gehört“, sagt sie. Massenhafte Armut sei die Folge davon, wie Land, Ressourcen und Arbeitskraft angeeignet würden.

Der äthiopische Soziologe Sewnet Mekonnen Yineso lehrt an der Frankfurt UAS. Ihn hat überrascht, dass seine Studierenden, als sie Korruption behandeln sollten, Beispiele zur Auswertung nicht in Deutschland, sondern in Indien suchten. Tatsächlich denken viele Deutsche, die hiesige Wirtschaft sei sauber und regelkonform – dabei hat das internationale Ansehen von Konzernen wie VW, Deutsche Bank und Siemens heftig an Skandalen gelitten.

 

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte anmelden oder registrieren