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Familien- statt Frauenförderung

von D+C | E+Z
In abgelegenen Regionen von Honduras hat sich das Geschlechterverständnis in den vergangenen Jahren geändert. Die Teilnahme von Frauen am politischen und wirtschaftlichen Leben ist nicht mehr außergewöhnlich. Dennoch bleiben die Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen beschränkt, solange Kinderbetreuung und Hausarbeit weiterhin als Frauensache gelten.

[ Von Rita Trautmann ]

Der ländliche Raum der Provinz Colon in Honduras ist typisch für die Agraregionen Zentralamerikas. Erwerbsmöglichkeiten sind rar, Land ist knapp und die Infrastruktur schwach. Vor allem Männer, aber auch Frauen wandern ab. Ein hohes Gewaltpotenzial besteht wegen Konflikten mit Großgrundbesitzern, Spannungen zwischen ethnischen Gruppen und des zunehmenden Drogenhandels. Dies geht mit ausgeprägten Machismo und häuslicher Gewalt einher.

Regierungsunabhängige Organisationen (NGOs) und kommunal-staatliche Institutionen halten Frauenförderung in Colon für ein dringendes Anliegen. Es geht darum, Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen und die wirtschaftliche und soziale Situation der Frauen zu verbessern. Die eingeschlagene Strategie basiert einerseits auf Fortbildungen in Feldern wie Frauenrecht, Familienplanung und Gewalt gegen Frauen; andererseits auf ökonomischen Maßnahmen wie die Gründung von Frauenkooperativen und kaufmännisch-betriebswirtschaftliche Ausbildung. Beide Aspekte lassen sich gut miteinander verbinden. Und so bleiben denn auch Männer aus dem Prozess der Frauenförderung meist von Anfang an ausgeschlossen. Dabei müssten auch sie Einstellungen und Verhalten ändern, damit Frauen gleichberechtigt am Wirtschaftsleben teilnehmen können.

Nöte erwerbstätiger Mütter

Maria S. beispielsweise ist 46 Jahre alt und lebt von den Erträgen ihrer landwirtschaftliche Produktion und ihrer Tätigkeit als Schneiderin. Seit einigen Jahren übt sie eine leitende Funktion in einer Frauenkooperative aus, die durch den Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten auf lokalen und regionalen Märkten geringe Einkünfte erwirtschaftet. Dieses Geld reicht nicht zum leben, aber es ist ein wichtiger Zuverdienst. Maria muss aber auch sechs Kinder und ihren Mann versorgen. Nur weil auch zwei Töchter zum Haushaltseinkommen beitragen, reicht das Familieneinkommen für die Lebenshaltung und für eine mittlere Ausbildung der Kinder. Marias Mann verdient zwar auch Geld – er trägt aber nur etwas zur Haushaltskasse bei, wenn sein persönlicher Bedarf gedeckt ist.

Marias Beispiel verdeutlicht typische Probleme erwerbstätiger Frauen, die das Förderkonzept bislang nicht berücksichtigt. Selbstverständlich begrüßen Frauen Projekte, die ihnen Zugang zu Bildung bieten und Freiräume schaffen, die nicht von Männern kontrolliert werden. Die Kehrseite ist, dass sie ein besonderes Organisationstalent und ein stabiles soziales Netzwerk brauchen, um alle ihre Aufgaben bewältigen zu können. Denn Kinderbetreuung und Nahrungszubereitung bleibt selbstverständlich allein ihre Sache. Geschlechterrollen werden vom Kindesalter an reproduziert. Söhne bleiben von Haushaltsarbeiten weitgehend befreit – und Väter erst recht.

So richten sich die Arbeitszeiten in Marias Kooperative nach den Mahlzeiten. Die Kinderbetreuung übernehmen weibliche Verwandte: Schwestern, Mütter und häufig die ältesten Töchter. Dennoch sagen Männer, sie unterstützten die Kooperative, schließlich erlaubten sie ihren Frauen dieses Engagement. Es wird kaum überraschen, dass sie ihren Frauen eher gestatten, Geld zu verdienen als an Projekten teilzunehmen, die deren soziale Stellung stärken würden. Wenig überraschend neigen die Männer auch zur Klage, ihre Frauen verbrächten zu viel Zeit in der Kooperative und verdienten dabei zu wenig.

Wieviel Zeit eine Frau für die Genossenschaftsarbeit hat, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören Zahl und Alter der Kinder, andere Erwerbstätigkeiten und die Unterstützung durch die Familie. Solange sich das Rollenverständnis der Männer zumindest im Haushalt nicht ändert, bleiben viele Frauen überlastet. Sie können weiterhin nicht im gleichen Maße am öffentlichen Leben teilnehmen wie Männer. Aus Zeitgründen kann keine Frau mit kleinen Kindern einflussreiche Ehrenämter – etwa in der Kommunalpolitik – übernehmen. Weiterbildung kommt auch nicht in Frage.
Dabei hat sich das Verständnis von Geschlechterrollen im öffentlichen Leben in Lateinamerika in den vergangenen Jahren deutlich geändert. Frauen sind in zuvor ausschließlich von Männern beherrschte Räume vorgedrungen. Sie werden als politisch relevant wahrgenommen und sind beispielsweise im Gemeinderat vertreten. Sie spielen auch in NGOs eine Rolle.

Dennoch klammern sich viele Männer an traditionelle Vorstellungen. Im herkömmlichen Verständnis bleibt der Mann der Ernährer, die Autorität in der Familie und derjenige, der im öffentlichen Leben mitspielt. Dass Frauen wirtschaftlich tätig sind, stellt die männliche Versorgerrolle in Frage. Andererseits fühlen sich viele Männer ausgegrenzt, weil Fortbildungsmöglichkeiten, finanzielle Unterstützung und technischer Rat nur Frauen angeboten werden. Viele Männer bekunden Interesse daran, an solchen Programmen teilzunehmen. Dass sie in Frauenkooperativen nicht mitmachen können, weckt Neid – und Angst um die eigene Stellung.

Viele Männer reagieren auf den empfundenen Statusverlust mit Eifersucht und Gewalt. Sie wollen „ihre“ Frau kontrollieren. Colon ist laut Angaben einer lokalen Frauenorganisation die Provinz mit der höchsten Rate an häuslicher Gewalt in Honduras. Das steht sicher auch im Zusammenhang mit dem Drogenhandel und der verbreiteten Hoffnungslosigkeit. Aber der Wandel der Geschlechterrollen spielt auch eine Rolle.

Frauenförderung ist ohne Frage notwendig – nicht zuletzt, weil viele Männer ihrer traditionellen Versorgerrolle gar nicht gerecht werden können und die Frauen Geld verdienen müssen. Allerdings sollten die Männer einbezogen werden. Allein auf Frauen abzielende Programme können Rollenverständnisse nur begrenzt ändern. Letztlich bringt es wenig, wenn nur Frauen in Fragen wie Familienplanung oder Einkommensverwaltung neue Einsichten gewinnen. Die Männer müssen mitmachen.

Besonders über die familiären Finanzen herrscht vielfach Streit. Eine Frau, die einer entlohnten Arbeit nachgeht, hat noch längst keine Verfügungshoheit über ihr Einkommen. Besonders Männer, die ihre traditionelle Rolle nicht erfüllen, versuchen oft, die Finanzen zu kontrollieren. Folglich führt die Förderung von Frauen im Wirtschaftsleben denn auch nicht unbedingt dazu, dass es den Frauen selbst wirtschaftlich bessergeht. Für ihre persönlichen Bedürfnisse haben gewöhnliche Landfrauen kein Geld – so wie ihnen auch keine Freizeit bleibt.

Andererseits sehen Männer, die sich aus der Versorgerrolle verdrängt fühlen, sich oft nicht mehr in der Pflicht, zum Haushaltseinkommen beizutragen. Sie verfügen dann entweder frei über das von ihnen verdiente Geld oder gehen gar keiner Erwerbstätigkeit mehr nach.
Mobile Männer

Einige Ehemänner von Frauen aus Marias Kooperative gehen temporär oder dauerhaft Beschäftigungen außerhalb ihres Dorfes nach, aber sie tragen nicht regelmäßig zur Haushaltskasse bei. Die Frauen müssen für die alltäglichen Ausgaben aufkommen und bleiben mit den häuslichen Pflichten allein. Sie sind es auch, die über die Ausbildung der Kinder entscheiden.

Je mehr Frauen verdienen, umso mehr ist davon auszugehen, dass Männer ihren finanziellen Beitrag zum Familieneinkommen reduzieren, ihr Geld in Luxusgüter wie Fernseher stecken oder vielleicht am Ort ihrer Erwerbstätigkeit noch eine Freundin haben. Viele Frauen haben sich darauf eingestellt, dass sie ohne ihre Männer auskommen müssen – und das macht die Männer sozial mobiler.

Ausschließlich auf Frauen gerichtete wirtschaftliche Förderung verstärkt diesen Trend. Sie versetzt Frauen vielleicht in die Lage, in einer schwierigen sozioökonomischen Situation zurechtzukommen, aber sie trägt nicht dazu bei, wirksam gegenzusteuern.

Sicherlich können Förderprogramme komplexen Phänomenen wie der Schwächung der Institution Familie, der Arbeitsmigration und destruktiven Rollenverständnissen nur in gewissem Umfang entgegenwirken. Dass es aber nicht völlig unmöglich ist, belegt ein Projekt mit einkommensschaffenden Maßnahmen in Colon, das sich an ganze Familien richtet.

Die Herstellung traditionellen Kunsthandwerks ist bei der afro-indigenen Bevölkerungsgruppe der Garifuna eine Tätigkeit, die Männer und Frauen ausüben können. Sie erfordert Kenntnisse und Fertigkeiten. APROSA (Asociacion de Profesionales de Sangrelaya – Verband von Berufstätigen der Gemeinde Sangrelaya) ist eine vom Deutschen Entwicklungsdienst (DED) unterstützte örtliche NGO. Sie hat mehrere Monate lang Fortbildungen in diesem Spezialwissen angeboten. Es wurde von Männern, Jugendlichen, Kindern und einigen Frauen genutzt. Danach nahmen etliche Teilnehmer die häusliche Produktion von Kunsthandwerk auf, sie verkauften ihre Waren auf dem regionalen und nationalen Markt mit Unterstützung der NGO.

Die wenigen Frauen, die ausgebildet wurden, konnten aus Zeitgründen diesem Gewerbe nicht oder nur teilweise nachgehen. Dennoch empfanden sie dieses Projekt als entlastend. Vor allem jungen, unverheirateten Männern gelang es, dank der neuen Fähigkeiten zum Familieneinkommen beizutragen. Einige Jugendliche halfen so, den Lebensunterhalt zu sichern, gingen aber dennoch weiter ihrer Ausbildung in der Stadt nach. Dieses Projekt war frauenpolitisch durchaus sinnvoll.

Echtes Gender-Mainstreaming

Diese Einsicht hat sich jedoch noch nicht im Denken aller Geberorganisationen durchgesetzt. Frauenkooperativen bleiben für viele Geber eine attraktive Angelegenheit. Das gilt vor allem für Organisationen, die von Spendengeldern finanziert werden – schließlich ist es politisch korrekt, eine Frauenkooperative zu unterstützen. Den NGOs in Colon ist das bewusst. Viele von Männern geführte Organisationen betonen deshalb Gender-Aspekte. Doch die Projekte, die daraus resultieren, sorgen meist nicht für ein echtes empowerment von Frauen, sondern schaffen allenfalls ein paar Verdienstmöglichkeiten.

Vermutlich würde ökonomische Familienförderung, sofern sie frauenfreundlich konzipiert wird, mehr bewirken als reine Frauenförderung. Es wäre zu wünschen, dass Geber und Spender sich statt für „women’s empowerment“ zu begeistern wirklich auf Gender-Mainstreaming einließen und dass das den Projektalltag prägen könnte.

In Colon hat sich das Geschlechterverständnis geändert. Die Teilnahme von Frauen am politischen und wirtschaftlichen Leben ist nicht mehr außergewöhnlich. Aber wie in Deutschland liegt die Zahl der Kinder von Frauen in höheren beruflichen Positionen unter dem Landesdurchschnitt. Die Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen bleiben beschränkt, solange Kinderbetreuung und Hausarbeit weiterhin als Frauensache gelten. Die Entlastung der Frau in diesen Aufgabenbereichen ist ein wesentlicher Punkt für eine tatsächliche Chancengleichheit beider Geschlechter.