D+C Newsletter

Liebe Besucher,

kennen Sie unseren Newsletter? Er hält Sie über unsere Veröffentlichungen auf dem Laufenden. Wenn Sie sich registrieren, bekommen Sie ihn jeden Monat zugesendet.

Herzlichen Dank,
die Redaktion

Registrieren

Forschung

Globale Probleme gemeinsam erforschen

von Jon-Andri Lys, Alexander Schulze

Hintergrund

Kompetente Basis: Fachpersonal im tansanischen Gesundheitsforschungs-Institut Ifakara.

Kompetente Basis: Fachpersonal im tansanischen Gesundheitsforschungs-Institut Ifakara.

Wissen ist der Schlüssel für Wachstum und Transformation. Wissen zu teilen trägt deswegen zur Unabhängigkeit von Entwicklungsländern bei. In der Schweiz sind Prinzipien zur Forschungszusammenarbeit auf den neuesten Stand gebracht worden.

Nach dem letzten UNESCO World Science Report (2010) werden 78 Prozent  der weltweiten Mittel für Forschung und Entwicklung in den OECD-Ländern investiert. Weitere 16 Prozent ­entfallen auf China, Indien und die industrialisierten Staaten Ostasiens. Den restlichen rund 150 Ländern stehen somit sechs Prozent der weltweiten Forschungsressourcen zur Verfügung. Gemessen an den enormen Herausforderungen in diesen Ländern ist dies viel zu wenig.

Die Forschungskapazitäten armer Länder müssen daher gestärkt werden; nur so können vor Ort komplexe, globale Aufgaben lokal angegangen werden, welche uns alle angehen. Dies stärkt die Autonomie dieser Staaten, sei es bei der Aufnahme, Verarbeitung und Anwendung von neuem Wissen im jeweiligen lokalen Kontext  oder in globalen Verhandlungen und Netzwerken. Nicht zuletzt deshalb gewinnen Forschungspartnerschaften zwischen OECD-Ländern und so genannten Entwicklungs- und Schwellenländern immer mehr Bedeutung. Dabei geht es um ein globales öffentliches Gut: nämlich darum, weltweit kompetente Forschungskapazitäten zu schaffen. Wie Czapek, Hanne und Ziegenbalg (E+Z/D+C 2013/09, S. 344 f.) betonen, ist der Aufbau von Forschungskapazitäten in Entwicklungsländern ein wesentlicher Grundpfeiler für gleichberechtigte und wirksame Partnerschaften. Das bedeutet: geteiltes Interesse an den gewählten Forschungsthemen sowie gemeinsame Planung, gegenseitiges Vertrauen und wechselseitige Verantwortung.

Ebenso entscheidend für den Erfolg ist aber, wie der Prozess der Zusammenarbeit konkret gestaltet wird. Die schweizerische Kommission für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern (KFPE) hat deshalb einen – bereits in den 90er Jahren entwickelten – Leitfaden überarbeitet. Dieser soll Forschende darin unterstützen, eine wirkungsorientierte Partnerschaft auf Augenhöhe aufzubauen. Forschende in Entwicklungsländern sollen nicht als Datenlieferanten dienen, sondern einen eigenen Nutzen aus der Zusammenarbeit mit OECD-Ländern ziehen. Die Revision des erprobten KFPE-Leitfadens wurde aus verschiedenen Gründen notwendig:

  • Der internationale Forschungskontext hat sich verändert: Neue Akteure sind hinzugekommen, Finanz- und Machtverhältnisse haben sich verschoben, und neue Kanäle der Wissensverbreitung haben sich etabliert.
  • Globale Herausforderungen erfordern neue Lösungsansätze und Kooperationsformen.
  • Auf Zielkonflikte und Hindernisse im Aufbau ausgewogener Partnerschaften muss spezifischer eingegangen werden.



Elf Prinzipien und sieben Kernfragen

Der Leitfaden beruht auf elf Prinzipien und sieben zentralen Fragen, um möglichst anwendungsfreundlich und lösungsorientiert vorzugehen. Alle Prinzipien gehen deshalb mit konkreten Anwendungshinweisen auf zentrale Herausforderungen ein.  Die elf Prinzipien der KFPE sind:

  1. Forschungsagenda gemeinsam festlegen,
  2. mit Stakeholdern interagieren,
  3. Verantwortlichkeiten klären,
  4. den Nutznießenden Rechenschaft ab­legen,
  5. gemeinsames Lernen fördern,
  6. Kapazitäten stärken,
  7. Daten und Netzwerke teilen,
  8. Resultate bekannt machen,
  9. Gewinne und Meriten zusammenlegen (also Erlöse und wissenschaftliche Anerkennung fair teilen),
  10. Erkenntnisse umsetzen und
  11. Erreichtes sichern.


Um diesen Prinzipien gerecht werden zu können, müssen sich die Akteure über sieben zentrale Fragen im Klaren sein. Die Art und Beschaffenheit von Partnerschaften werden so konkreter und sind leichter einzuordnen. Die sieben Fragen lauten:

  1. Wozu Partnerschaften?
  2. Wie Zusammenhalt sichern?
  3. Welche Formen der Zusammenarbeit?
  4. Welche Schwerpunkte und Prioritäten?
  5. Wen miteinbeziehen?
  6. Wo Relevanz schaffen?
  7. Wann Ergebnisse konsolidieren?


Die Anwendung der elf Prinzipien soll die Partner darin unterstützen, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und Verantwortung zu übernehmen. Da es unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit gibt, ist der Weg zur Vertrauensbildung und gemeinsamen Verantwortungsübernahme aber nicht immer gleich. In der Praxis empfiehlt es sich,  zunächst die maßgeblichen Anforderungen an eine Forschungspartnerschaft zu bestimmen, die erwarteten Ziele und Mehrwerte für alle Beteiligten explizit zu verhandeln und diejenigen Partnerschaftsprinzipien vertieft zu berücksichtigen, die für die gewählte Form der Zusammenarbeit besonders wichtig sind.


Unterschiedliche Ziele

Forschungspartnerschaften verfolgen meist mehrere Ziele:

  • Erkenntnisgewinn in Form von neuen Resultaten,
  • Praxisrelevanz als Grundlage für positive Veränderungen,
  • Förderung individueller und institutioneller Kapazitäten und
  • Nutzung der Kompetenzen aller Betei­ligten.


Forschung ist in der Regel auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet. Von Wissenschaftlern, welche zu globalen Problemen forschen, werden hingegen oft Antworten gefordert, was angesichts der Herausforderungen zu tun sei. Ihnen liegt daher oft nicht nur an neuen Einsichten, sondern auch an Transformationswissen. Bei der Planung und Umsetzung von Forschungspartnerschaften müssen solche Zielkonflikte von Anfang an berücksichtigt werden. Der Leitfaden der KFPE hilft, diese konstruktiv anzugehen. Die Schweiz zeichnet sich durch eine lange Tradition erfolgreicher Forschungskooperationen mit Entwicklungsländern aus. Davon zeugen zum Beispiel das Centre Suisse de Recherches Scientifiques in der Elfenbeinküste oder das Ifakara Health Institute in Tansania. Beide Zentren wurden vor mehr als 60 Jahren mit schweizerischer Unterstützung aufgebaut und sind – nicht zuletzt durch vielfältige neue Partnerschaften – zunehmend unabhängig geworden.  

Der Nationale Forschungsschwerpunkt Nord-Süd ist ein 12-jähriges Programm des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, der der Deutschen Forschungsgemeinschaft vergleichbar ist. Beiteiligt sind auch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Schweizer Außenministeriums und andere Akteure.

Ein zentrales Anliegen des Forschungsschwerpunkts Nord-Süd ist der Aufbau von Kapazitäten – mit beachtlichem Erfolg. Mehr als 90 Prozent der Absolventen dieses Forschungsschwerpunktes, die aus dem globalen Süden stammen, arbeiten heute als Experten in ihrem Heimatland in Wissenschaft und Praxis. Enge und gleichberechtigte internationale Forschungspartnerschaften haben dazu beigetragen – und diese Erfahrungen sind in die Neufassung des Leitfadens eingeflossen.


Jon-Andri Lys ist Geschäftsleiter der Kommission für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern (KFPE) in Bern.
[email protected]

Alexander Schulze war Mitarbeiter der Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung in Basel und ist Mitglied der Kommission für Forschungs­partnerschaften. Seit April arbeitet er für die Direktion für Entwicklung und Zusammen­arbeit im Schweizer Außenministerium.
[email protected]