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Bangladesch

Der Preis von Corona für Bangladeschs Näherinnen

von Nazma Akter, Marianne Scholte

Hintergrund

Verbesserte Sicherheit am Arbeitsplatz: Nazma Akter (in rot) 2019 bei einer Kundgebung in Dhaka zum Gedenken an die Rana-Plaza-Katastrophe 2013.

Verbesserte Sicherheit am Arbeitsplatz: Nazma Akter (in rot) 2019 bei einer Kundgebung in Dhaka zum Gedenken an die Rana-Plaza-Katastrophe 2013.

Nazma Akter ist eine Veteranin der Arbeiterbewegung in Bangladeschs Bekleidungsbranche. Sie sprach mit E+Z/D+C über die Entwicklung der vergangenen Jahre.

Wie ist aktuell die Corona-Lage in Bangladesch?
Wir beachten Corona nicht weiter. Wir müssen arbeiten, um zu überleben. Hat eine Näherin eine Erkältung, leichtes Fieber oder andere Grippesymptome, behält sie das für sich, nimmt Paracetamol und geht zur Arbeit. Was soll sie sonst tun? Es gibt keinen Krankenstand, sie braucht das Geld und hat keine Wahl.

Wie viele Textilarbeiterinnen sind an Covid-19 erkrankt? Wie viele kamen in die Klinik? Und wie viele sind gestorben?
Das sind gute Fragen, aber ich weiß es nicht. Manche waren krank. Aber allgemein wird nicht darüber gesprochen, wenn jemand es hat. Ich war auch krank, habe mich aber nicht getestet. Was soll ich denn machen, wenn der Test positiv ist? Wenn er negativ ist – was ändert das? Ich weiß daher auch nicht von Arbeitern, die an Covid-19 gestorben sind. Die meisten Näherinnen sind jung, ihr Immunsystem ist stark. Die meisten Menschen, die an Covid-19 gestorben sind, hatten Asthma, Herzprobleme oder andere chronische Erkrankungen.

Zurück ins Frühjahr 2020, als die Pandemie begann: Wie waren die ersten Monate?
Ab März 2020 wurden Aufträge in Höhe von etwa drei Milliarden Dollar storniert oder pausiert. Zahlungen kamen verzögert. Ab dem 27. März galt ein landesweiter Lockdown – nur nicht für Fabriken. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter waren darüber wütend. Sie bestanden darauf, auch Menschen zu sein, die Schutz brauchen. Es gab viel Chaos. Die Fabriken machten für ein paar Tage dicht, dann öffneten sie wieder. Aber die Näherinnen waren in ihre Dörfer heimgekehrt und konnten nicht zurück zur Arbeit, weil es keinen öffentlichen Verkehr gab. Viele liefen weite Strecken zurück nach Dhaka. Premierministerin Sheikh Hasina Wajed kündigte ein finanzielles Stimulierungspaket über umgerechnet fast 52 Millionen Euro für exportorientierte Industrien an. Davon gingen 85 Prozent an den Textilsektor. Die Arbeitgeber zahlten die März-Gehälter trotzdem nicht pünktlich. 300 000 Menschen verloren ihre Jobs – auch Schwangere und alleinerziehende Mütter. Es gab Proteste, Arbeiter wurden verprügelt, verhaftet und zu Unrecht angeklagt. Im April 2020 arbeiteten die meisten wieder, aber die Textilhersteller wollten keine vollen Gehälter zahlen. Letztlich zahlten die meisten nur 65 Prozent. Im Mai kamen große Aufträge rein, die Produktion lief wieder zu 100 Prozent. Aber die internationalen Marken drückten die Preise massiv. Alle arbeiteten wieder, machten auch Überstunden, es wurden wieder die vollen Gehälter gezahlt. Aber viele, die ihre Jobs verloren hatten, verdienten nach ihrer Rückkehr weniger. Wenn sie vor der Krise 10 000 Taka bekommen hatten – etwas mehr als 100 Euro – wurde ihnen der gleiche Job nun für 9500 Taka angeboten (mehr zu den Folgen von Corona für Textilarbeiter in anderen Ländern siehe Aenne Frankenberger auf www.dandc.eu).

Die AWAJ-Stiftung ist eine Arbeitnehmerorganisation, die an der Basis arbeitet. Sie betreibt Frauencafés, auch um Arbeiterinnen über ihre Rechte und Möglichkeiten zu informieren. Läuft diese Arbeit noch?
Als die Fabriken zu waren, hatten wir auch für ein paar Tage geschlossen. Ich und ein paar andere Frauen sind trotzdem weiter ins Büro gegangen, um denen zu helfen, die entlassen worden waren und Probleme hatten. Als die Fabriken wieder öffneten, waren wir auch wieder da, um zu unterstützen. Wir haben auch Demonstrationen und Proteste organisiert und Interviews gegeben – weltweit und vor Ort. Es gab Treffen mit Ministerien, Herstellern, verschiedenen Vollzugsbehörden. Die Arbeit geht weiter.

Wie viele der Beschäftigten sind geimpft?
Die Impfquote steigt täglich. Anfang Februar waren etwa 40 Prozent zweifach geimpft – wie die allgemeine Bevölkerung auch.

Gibt es Sicherheitskonzepte in den Fabriken?
Die Arbeiter tragen Masken. Das war schon vor der Pandemie so, wegen des Staubs in den Fabriken. Anfangs wurden einige Sicherheitsrichtlinien befolgt. Aber kaum waren alle Arbeiter wieder da, gab es keine Abstandsregeln mehr. In den Fabriken ist es eng.

Der monatliche Mindestlohn in der Textilbranche wurde Ende 2018 von 5300 Taka auf 8000 Taka angehoben. Zuvor gab es lange Zeit Unruhen, Entlassungen und Verhaftungen von Beschäftigten. Wann steigen die Löhne weiter?
Per Gesetz muss die Regierung alle fünf Jahre einen neuen Mindestlohnausschuss einberufen. Es ginge auch eher, aber das wollen die Fabrikbesitzer nicht, obwohl derzeit große Bestellungen eingehen. Von 8000 Taka können Arbeiterinnen kaum leben. Alles ist teuer. Ein Kilo Reis kostet 70 Taka, ein Kilo Fleisch 620 Taka. Die Wohnungsmiete verschlingt den Hauptteil eines Gehalts. Hinzu kommt Bildung und alles Weitere. Viele Näherinnen unterstützen Angehörige auf dem Land, die noch ärmer sind als sie. In Ländern, in denen es kaum soziale Sicherung gibt, müssen Großfamilien für alle Familienmitglieder sorgen; die Näherinnen leisten ihren Beitrag.

Der Gewerkschaftsbund Sommilito Garments Sramik Federation, den Sie gegründet haben und leiten, hat sich seit 2013 sehr erfolgreich organisiert. Ist das noch so?
Oh ja. Wir haben jetzt über 70 Mitgliedsgewerkschaften in verschiedenen Unternehmen und 13 Tarifverträge. Weitere sieben sind anhängig. Es geht um mehr als 70 000 Mitglieder. Wir haben noch viel zu tun, und wir kämpfen weiter, um uns zu organisieren. Wir haben viele sehr starke Frauen in Führungspositionen.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Industrie diversifiziert. Manche Unternehmen wollen billig sein, andere setzen auf Qualität. Spielt das eine Rolle für die Arbeitsbedingungen? Sind die Manager bereit, mit Gewerkschaften zu kooperieren?
Nein, das spielt keine Rolle. Manche moderne Fabriken haben ein besseres Arbeitsumfeld mit Trinkwasser, besserer Lüftung und so weiter. Aber egal ob eine Fabrik hochmodern ist oder nicht – sie zahlen dasselbe. Und ob sie Versammlungsfreiheit und Tarifverhandlungen zulassen, hängt von Geschäftsführung und Personalabteilungen ab.

Bei der Rana-Plaza-Katastrophe 2013 starben mehr als 1100 Menschen – vor allem Näherinnen. Daraufhin wurden die Initiativen Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh und Alliance for Bangladesh Worker Safety gegründet. Von 2013 bis 2018 inspizierten sie in Bangladesch mehr als 2500 Fabriken, forderten mehr Sicherheit und stuften über 300 Fabriken als unsicher ein. Die meisten wurden daraufhin geschlossen. Was halten Sie von der Arbeit dieser Initiativen?
Die Alliance hat Gewerkschaften nicht unterstützt, wir haben nicht zusammengearbeitet. Aber der Accord war rechtsverbindlich und hat vielen das Leben gerettet. Immerhin haben Fabriken jetzt Feuer- und Erdbebenschutz. Unsere Arbeiter sind geschützt, das ist wichtig. Außerdem hat mir Accord geholfen, wenn Geschäftsführungen unsere Bemühungen um gewerkschaftliche Organisierung nicht akzeptierten und wenn es um Sicherheitsausschüsse und -fragen ging.

Accord und Alliance wurden 2018 durch den Readymade Garments Sustainability Council ersetzt. Wie beurteilen Sie die Arbeit dieses Gremiums?
Es war eine Initiative von lokalen Gewerkschaften, Textilherstellern und den Marken, die die Fabrikinspektionen übernahmen. Es ging um Verantwortung, also haben wir nach 2019 eine Kampagne durchgeführt, um etwas Verbindlicheres zu schaffen. Wir fürchteten, dass das, was der Accord erreicht hatte, verloren gehen könnte. Daher waren wir froh, als 2021 der International Accord for Health and Safety in the Textile and Garment Industry von den Marken sowie den Gewerkschaftsverbänden UNI Global Union und IndustriALL Global Union unterzeichnet wurde. Er ist wie der ursprüngliche Accord, gilt aber auch für weitere Länder. Das ist sehr gut. Er ist rechtsverbindlich, und die Marken werden zur Verantwortung gezogen.

Profitieren die Arbeiterinnen von den internationalen Bemühungen, Markenunternehmen für das verantwortlich zu machen, was in den Produktionsstätten geschieht?
Das ist eine schwierige Frage. Aber man muss bedenken, dass es diese wichtigen Verbesserungen hinsichtlich Arbeitnehmersicherheit bis zum Unglück von Rana Plaza, wo mehr als tausend Menschen starben und weitere Tausende verletzt wurden, nicht gab. Das ist kein Resultat aus jahrzehntelangen internationalen Bemühungen, Marken verantwortlich zu machen. Erst die internationale Empörung über Rana Plaza hat diese Veränderungen ermöglicht. Unsere Arbeiter haben das mit dem Leben bezahlt.


Nazma Akter ist Gründerin und Präsidentin der Sommilito Garments Sramik Federation – einer Gewerkschaft in Bangladesch, die für die Bedürfnisse und Rechte von Textilarbeitern, besonders Frauen, kämpft. Sie ist zudem Gründerin und Leiterin der AWAJ-Stiftung, die sich für mehr Beteiligung von Frauen zu Hause und am Arbeitsplatz einsetzt.
[email protected]
Twitter: @NazmaAkter73

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